Zeiten des Buchdrucks mit heute nicht vergleichbar

Literaturhinweis, Donnerstag, 15.06.2017, 12:55 (vor 1225 Tagen) @ Naclador7814 Views

Es ist schon erschreckend, welche physikalischen Selbstverständlichkeiten

Offenbar nicht Selbstverständlichkeiten, das ist es ja.

einer offenbar wachsenden Anzahl von Menschen

Da bin ich mir auch nicht sicher - früher waren die Menschen nur nicht derart mutig, ihre Unwissenheit herauszuposaunen. Warum nicht? Vermutlich, weil es in unmittelbarer räumlicher Nähe nicht genügend Fürsprecher gegeben hätte. "Allein auf weiter Flur" kühlt sich das Mütchen recht schnell.

Wenn man aber suggeriert bekommt, "tausende, nein, Millionen" seien derselben Ansicht, weil heute jeder aus Timbuktu einem aus Buxtehude mit Lichtgeschwindigkeit zur Seite springen kann, während die hart arbeitenden Wissenschaftler ihren Lohn nur für neue Forschungsergebnisse erhalten, nicht dafür, längst widerlegtes erneut zu widerlegen, kann ein unbedarfter Laie leicht den Eindruck gewinnen, er schwimme auf einer Woge weltweiter Zustimmung.

Das hab' ich mich natürlich auch alles mal gefragt (Erddrehung, Flugzeuge, Lufthülle, Mond immer von vorne, Fixsterne immer an der gleichen Stelle, was einem als Schüler halt so auffällt). Aber diese ganzen Fragen waren zu meiner Zeit am Ende der Unterstufe zu meiner Zufriedenheit beantwortet.

Das ist so eine Sache: ich hatte mehrere Einser-Schüler in meinen Klassen - ich selbst war keiner - und stellte irgendwann erstaunt fest, daß sie bei Fragen, die sich auch nur um ein My außerhalb des schulischen Lernstoffes bewegten, keinerlei blassen Dunst hatten.

Offenbar war das Schulsystem damals (in den Neunzigern) noch bedeutend leistungsfähiger als heute.

Daher bezweifle ich das, aber ...

Wer hätte gedacht, dass das Internet der Verbreitung von Ignoranz mindestens im gleichen Ausmaß dienen würde wie der Verbreitung von Wissen?
War das beim Buchdruck auch schon so?

Vermutlich ja. Nur: wer früher, ebenso wie heute, etwas in gedruckter Form (oder online in wissenschaftlichen Journalen) veröffentlichen will, der muß in Vorlage treten, massiv. Mit Geld, wenn es sich um wissenschaftliche Journale handelt - was nicht veröffentlichende Akademiker und Nicht-Akademiker nicht wissen, ist, daß selbst Nobelpreisträger ein paar tausend Dollar 'abdrücken' müssen, um sich gedruckt zu sehen.

Wer kein angesehener Autor ist, zahlt dann halt bei "vanity publishers" einen Haufen Geld, damit die ihn drucken. Selbst Rowling hatte es am Anfang schwer.

Oder nehmen wir die Leserbriefe. Wer heute einen Kommentar auf einem Blog schreibt, der muss weder zum Biefkasten, noch eine Briefmarke vom eigenen Geld opfern und er wird ziemlich sicher veröffentlicht/freigeschaltet.

Früher schrieb man dagegen mit Aufwand (Papier einspannen, tippen, korrigieren, falten, Umschlag, Briefmarke, Gang zum Briefkasten) zehn Leserbriefe, und nur einer (oder keiner) wurde veröffentlicht. Da überlegte man sich

- soll ich überhaupt schreiben?

- Blamiere ich mich, wenn es veröffentlicht wird - unter meinem Namen?

- Was, wenn die Arbeit umsonst war?

Das Problem ist heutzutage nur, daß jeder, der nicht wissenschaftlich denken und arbeiten gelernt hat, über den confirmation bias gnadenlos ins eigene Verderben schlittert und sich der Lächerlichkeit preisgibt, das aber für eine Bestätigung seiner Überlegenheit hält.

Das sieht man auch hier oder hier.

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