Die Wissenschaft, die Wissen schafft

Phoenix5, Mittwoch, 06.03.2019, 11:05 (vor 486 Tagen) @ Ostfriese2375 Views
bearbeitet von unbekannt, Mittwoch, 06.03.2019, 11:28

Hallo Ostfriese,

ich habe mir jetzt einige Vorträge von Hans Peter Dürr angesehen und fand sie wirklich gut, v.a. wie er es schafft, diese Gedanken in einfachen Worten zu artikulieren. Vieles deckt sich mit dem, was ich mir über die Jahre zusammengesponnen habe und geht auch sehr stark in die Richtung, mit der ich mich gerade beschäftige (Panpsychismus) bzw. schon beschäftigt habe (Radikaler Konstruktivismus), ABER:

Uns muss klar sein, dass das Philosophie bzw. Metaphysik ist. Ja, ich gebe Dürr schon recht, dass unsere Suche nach Regelmäßigkeiten, ergo Naturgesetzen, einem Fischer mit seinem Netz mit 5cm Maschengröße gleicht, der dann sagt: Alle Fische müssen mindestens 5cm groß sein bzw. dass unsere Suche nach scheinbarer Ordnung in einem Feld der Potentialitäten, immer nur Ausschnitte sein können (der Rockzipfel, wie er es irgendeinem Vortrag nannte), aber wenn ich die Welt einmal so weit dekonstruiert habe wie Dürr, bleibt kein Platz mehr um Wissen zu schaffen. Um Wissen zu schaffen, darf man die Welt nicht als Ganzes sehen, sondern muss sie in Ausschnitte zerteilen. Das ist ja eben die Paradoxie. Wenn man das Ganze erfassen will, darf man nicht mehr wissenschaftlich denken und wenn man nicht mehr wissenschaftlich denkt, kann man auch keine Regelmäßigkeiten mehr finden, die den Anforderungen der Wissenschaft genügen. Und nur Letzteres schafft technologischen Fortschritt (und das sage ich wertfrei. Ich kann mir nämlich keinen technologischen Fortschritt denken, der nicht ein gleich großes Rückschrittspotential beinhaltet), weil nur Stabilität die Basis sein kann, auf der wir unsere Technologie aufbauen.

Bei dieser Art des Denkens endet die Wissenschaft. Man kann dann keine Information bzw. keine scheinbare Ordnung mehr extrahieren, um uns neue technologische Werkzeuge in die Hand zu geben. So etwas wie der radikale Konstruktivismus ist eigentlich eine extrem wissenschaftsfeindliche Idee, weil er alle neuen Entdeckung zwangsläufig als "scheinbare Ordnung" abwerten muss, die wir nur deshalb gefunden haben, weil wir den Schlüssel (unsere bisherigen geistigen Informationen bzw. unsere biologische Beschaffenheit) in ein Schloss steckten (das Feld der Potentialitäten). So schafft man keine weitere Information mehr und wenn ich das als Wissenschaft verkaufe, dann brauche ich gar nicht mehr weiter zu forschen. Dann ist auch dieses Forum unnötig und spätestens wenn man den radikalen Konstruktivismus auf sich selbst anwendet, zerrinnt einem alles unter den Fingern.

Das ist eben der riesige Unterschied zwischen Wirklichkeit und Realität, den viele Wissenschaftler nicht verstehen und wo ihr euch jetzt am anderen Extrem, am anderen Pol, positioniert. Die Wissenschaft arbeitet mit der Wirklichkeit, d.h. mit dem, was auf den Menschen direkt oder durch Messgeräte wirkt. Der Wissenschaftler sucht aufgrund dieser Wirkungen Gesetzmäßigkeiten und versucht sie mathematisch zu formalisieren. Wären wir bei Dürr schon vor 100 Jahren (oder 1000 Jahren oder 5.000 Jahren) stehengeblieben, könnten wir nun nicht mehr auf unserem Computern über das Internet kommunizieren. Mit der Realität hat die Wirklichkeit allerdings sehr wenig zu tun, weil diese auch alles beinhalten muss, das nicht beobachtbar (ergo nicht messbar bzw. vor der Messung als Potential vorliegend) und nicht reproduzierbar ist.

Auf Basis dieser Überlegungen Philosophie zu betreiben ist hochinteressant und auch den Debitismus kann man in diese Überlegungen miteinbeziehen, aber man muss das Kind beim Namen nennen: Das ist keine Wissenschaft, sondern es sind philosophische Überlegungen auf Basis wissenschaftlicher Forschung, die uns am Ende wieder dahin zurückführen, wo unsere Mythen starteten, als es noch keine Wissenschaft gab. So gesehen muss man diese Art der Philosophie als das sehen, was jede Wissenschaft am Ende eines Kulturzyklus befällt: sie endet nach Spengler in einer "Verfeinerung der Fragestellungen und Methoden in sich selbst" und gibt der Mystik/Spiritualität die Hand.


Beste Grüße
Phoenix5

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Ein Buch für Keinen - Der Kapitalismus nach Paul C. Martin


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