Wie man den Debitismus am Einfachsten zu verstehen lernt + Mein Abschied von der Ökonomie

Phoenix5, Donnerstag, 28.02.2019, 17:10 (vor 492 Tagen)7219 Views
bearbeitet von unbekannt, Donnerstag, 28.02.2019, 18:01

Diese naiven Fragen an Paul C. Martin waren der Inhalt meines ersten Postings in diesem Forum. 10 Jahre sind seither vergangen und in all diesen Jahren hat mich der Debitismus nie losgelassen, weil ich instinktiv ahnte, dass er mir den Schlüssel zum Begreifen der Menschheitsgeschichte, abseits ideologischer Schablonen, am Silbertablett serviert, solange ich nur den Willen habe, ihn verstehen zu wollen. Habe ich den Debitismus heute zu 100% intus? Nein! Aber ich habe das Gefühl nah genug dran zu sein, um das Thema für mich abschließen zu können.

Das große Problem an der Sache ist, dass wir alle eine unterschiedliche Sprache sprechen. Ich, als Nicht-Ökonom, tat mir mit PCMs Sprache sehr schwer und mein Ziel war es immer, die Dinge für einen Ökonomie-Laien, wie ich selbst einer war und im Prinzip auch noch bin, verständlich aufzubereiten und auch wenn die 3. Ausgabe meines Buches immer noch kleine Fehler, darunter einen Flüchtigkeitsfehler enthält (man merkt das immer erst, wenn es in den Druck geht), bin ich insgesamt, als Perfektionist, zufrieden mit dem Ergebnis.

In diesem Text geht es mir viel mehr darum, zu zeigen, dass man beim grundsätzlichen Verständnis nicht immer bei PCM nachschlagen muss. Man kann sich trauen, die Dinge selbstständig durchzudenken, denn so schwer ist die Sache nicht, wenn sich der Nebel mal gelichtet hat. Am Ende haben sich für mich 3 Fragen herauskristallisiert, die für das Verständnis debitistischer Problemstellungen die Quintessenz bilden:

1) Wer schuldet?
2) Wer leistet für die offene Schuld?
3) Wo wird die Leistung bewertet? Am Markt (= Kapitalismus), ohne Markt (= Sozialismus, d.h. Leistung wird nachträglich fiktiv mit Geldeinheiten „gedeckt“, was Geld zu einem Gutschein macht)

Es ist eben nicht so, dass ich mir meine Antworten hier aus dem Ärmel schüttle, weil ich ökonomisch so gefestigt bin. Vielmehr erfordern sie oft Denkarbeit, wo ich wieder auf Dinge draufkomme, die ich zuvor noch nicht oder nicht ausreichend beachtet habe. Ein aktuellstes Beispiel ist Nacladors Posting hier. Ich hoffe du bist mir nicht bös Naclador, dass ich dieses bringe. Es gefällt mir einfach zu gut. Er beschreibt eine Form der BGE-Finanzierung, die rein monetär keine Wünsche offen lässt und im ersten Moment scheinbar mit dem Debitismus in Einklang zu bringen ist:

„Für den Debitismus kommt es nur auf die Potentialdifferenz an: Geld muss gegen Schuld generiert und woanders zur Begleichung einer Schuld wieder eingesammelt werden. Anstatt aber das Geld durch herkömmliche Giralgeldschöpfung zu erzeugen, könnte man auch einen Teil der Geldmenge so schöpfen, dass man die Kohle als BGE austeilt und die zugehörigen Schulden denjenigen auferlegt, bei denen das Geld letztlich landen wird, also den Eigentümern von Produktionsmitteln. Ich schreibe "einen Teil" der Geldmenge, weil natürlich alle Wirtschaftsteilnehmer trotzdem weiterhin die Möglichkeit der Kreditaufnahme zur Vorfinanzierung ihrer Produktion benötigen.

Klar bleibt für den Staat das Vorfinanzierungsproblem, und die Schulden werden im Zeitverlauf anwachsen wie immer, weil der Staat nie das gesamte Geld wieder herein bekommen kann (und darf!), aber der Debitismus sollte weiter genauso funktionieren wie gehabt.“

Gehen wir das mal durch. Ich breche es mal auf die Fakten herunter: Staat verschuldet sich und gibt A Geld, damit er bei B einkaufen kann. Danach nimmt Staat dem B das Geld (oder einen Teil) wieder weg und tilgt seine ursprüngliche Schuld (oder einen Teil der ursprünglichen Schuld). Alle Forderungen des Debitismus erfüllt oder? Nein, leider nicht.

Man kann das Beispiel auch verkürzen, dann wird die Lösung noch einleuchtender:

Staat nimmt Kredit auf und konsumiert selbst bei B (ohne Umweg über A). Dann nimmt er ihm das Geld (oder einen Teil des Geldes) wieder weg und tilgt seine Schuld (oder einen Teil der Schuld). Und jetzt wenden wir obige Fragen auf dieses Beispiel an:

Wer schuldet? Antwort: Der Staat
Wer leistet? Antwort: Keine Ahnung. Jedenfalls nicht der Staat.
Wo wird die Leistung bewertet? Antwort: Frage hinfällig, da keine Leistung vorhanden.

Aber das Geld wird doch wieder aus dem System gezogen. Wo ist also das Problem? Das Problem ist, dass hier zusätzlich zur herkömmlichen Nachfrage plötzlich jemand mit frisch gedrucktem Geld daherkommt und eine weitere Nachfrage in die Welt setzt. Was wird also B machen? Er wird die Preise erhöhen. Und diese Bewertung bleibt bestehen – auch wenn das Geld hernach wieder sterilisiert (oder teilsterilisiert) wird. Und das wiederum bedeutet, dass die Steuer in der nächsten Runde mit entwertetem Geld bezahlt wird, d.h. der Staat muss nun zusätzlich zur Tilgung (oder Teiltilgung) seiner BGE-Schuld die Steuer erhöhen (Machttheorie, ich hör dich klopfen!) Wer hat also den ganzen Spaß bezahlt? Antwort: Alle!
Wenn wir das Beispiel noch weiter verkürzen, brauchen wir hierfür keinen Umweg über Geld mehr. Der Staat sagt einfach zu B: Gib mir Waren! Ende. B gibt dem Staat Waren, die nun allen anderen fehlen.


Für mich sind diese 5 Artikel (die aufeinander aufbauen) meine persönliche Quintessenz des Debitismus (was noch fehlt, ist die Vorfinanzierungs-Problematik):

www.fischundfleisch.com/stefan-gruber/banken-erschaffen-geld-aus-dem-nichts-51318

www.fischundfleisch.com/stefan-gruber/gibt-es-geld-das-nicht-durch-schulden-entstanden-ist-51673

www.fischundfleisch.com/stefan-gruber/die-machttheorie-oder-was-gibt-geld-seinen-wert-51707

www.fischundfleisch.com/stefan-gruber/die-groesste-krise-der-menschheitsgeschichte-der-kapitalistische-schlussakt-54422

www.fischundfleisch.com/stefan-gruber/der-unsinn-vom-bedingungslosen-grundeinkommen-54427


Die müssen nicht komplett fehlerfrei sein – für etwaige Korrekturen gibt´s ja dieses Forum und das Debitismus-Forum, aber sie decken das Spektrum, denke ich, ganz gut ab. Und damit will ich mich von dem Themenkomplex „Debitismus und Machttheorie“ verabschieden. Um ehrlich zu sein, bin ich des Themas etwas überdrüssig und will mich neuen, ganz anderen Dingen intensiver widmen, die mich schon lange interessieren. Vielleicht schreibe ich ab und an hier darüber.

Ich will mich an dieser Stelle ganz besonders bei PCM bedanken, der für mich immer der Mann bleiben wird, der mir altem Goldseiten-Apostel die Augen nicht nur geöffnet, sondern regelrecht aufgerissen hat. Für die Zukunft des Forums würde ich mir wünschen, dass das Thema Debitismus mit der Thermodynamik verknüpft wird bzw. der Debitismus/die Machttheorie als eine Unterkategorie der Thermodynamik verstanden wird. Wenn ich daran denke, habe ich dasselbe Gefühl, wie damals, als ich begann, mich mit dem Debitismus zu beschäftigen: Wer das schafft, der liefert diesmal nicht nur eine Erklärung der Menschheitsgeschichte, sondern eine Erklärung der Welt. Ich habe dafür – da bin ich ehrlich - weder die geistige Anspannung, noch den Lernwillen.


Mit besten Grüßen
Phoenix5

--
Ein Buch für Keinen - Der Kapitalismus nach Paul C. Martin


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