Leserzuschrift: "Esoterik und Widerstand sind ungleich geistiger Verwahrlosung"

Phoenix5, Sonntag, 18.06.2017, 15:54 (vor 1221 Tagen) @ Phoenix53301 Views

Sehr geehrter Herr Gruber,

von Ihrem Beitrag „Das Halbverstandene…“ im Gelben Forum fühle ich mich teils überführt und teils doch vorverurteilt, bin ich doch einer dieser schulischen Minderleister die auf dem Wege, ihre eigene Natur zu erkunden, stets nur gebremst wurden.

Vermutlich dürfte ich mir Ihre Kritik an Esoterikern gar nicht so sehr zu Herzen nehmen, da ich gleichzeitig äußerste Abneigung gegen den Weg des geringsten Widerstandes empfinde, und vielleicht eher zu den Harten zähle.
Meine Zuversicht, in Ihren Intellektuellen Gefilden mitwildern zu können, ist gering; doch bin ich auch nicht in der Zweidimensionalität beheimatet.
Spengler hätte ich längst gelesen haben sollen; doch fehlt mir in Gegenwart der steifen Brise, die mir seit vielen Jahren nun bedrohlich entgegen bellt, die Kraft für persönliche Bildung und Entwicklung.

Mein ganzes Dasein ist gefangen genommen worden, von einer narzißtischen, tödlich zwanghaft auf Wettbewerb und Verdrängung fixierten Umwelt.
So weit mein Alltagsbewußtsein reicht, sehe ich nur Separation, Konkurrenz, Monopole und Indoktrination, Korruption und Mißbrauch.
Ich bin mir der Verengung meines Fokus allerdings bewußt, und vermag mit Sorgfalt und gutem Willen zwischenzeitlich auch mal eine Blüte sich öffnen sehen, doch wähne ich derzeit in keiner förderlichen Umgebung.
Vielleicht ist es ja nur der Schlichtheit meines Gemütes geschuldet, daß ich mich ein Stück weit von der reinen Fixation auf die Ratio entfernt habe, und wieder auch Mensch mit Emotion sein will.
Aber die Absicht, die Weichheit im Herzen entdecken zu wollen, ist nicht gleichbedeutend damit, auch weich in der Birne sein zu müssen.
Die Abkehr vom Status Quo ist wie das Erwachen aus einer Narkose nach einer Unfalloperation.
Etwas Zeit zur Orientierung sollte man den Selbstveränderten schon zugestehen, anstatt sie mitsamt ihren Sehnsüchten zur letzten Stufe in Spenglers Weltbild zu verbannen.
Spricht da in Ihnen die Verzweiflung, die Hybris oder die Enttäuschung, wenn sie so hart urteilen?

Nikolays Anliegen hatte wenig luziferisches, sondern las sich in der Tat, dümmer als erlaubt.
Aber ich wehre mich gegen die Vermutung, daß alle Widersacher des Zeitgeistes potentielle Kulturzertrümmerer sind.
Eine Rückbesinnung auf das Archaische muß nicht zwangsläufig in Brandschatzen und Blutsaufen ausarten, sondern könnte auch einfach nur als lieber naiver Wunsch auf ein Wiederfinden des Selbst in einer durch Komplexität explodierenden Welt verstanden werden.
Ich werte diese Bestrebungen des Zweifelns eher in Richtung kontrolliertem Rückbau als in sinnloser Zerstörung.
So sehe ich mich selbst gleichfalls konservativ wie progressiv orientiert.
In diesem Sinne sind dann auch die Nazis mit den Hippies vereint, und alles wieder eine (kugel)runde Sache.

Mit besten Grüßen
Marc

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Ein Buch für Keinen - Der Kapitalismus nach Paul C. Martin


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