Zwei Deutsche erinnern sich an Raspail

Tempranillo, Mittwoch, 17.06.2020, 11:30 (vor 2051 Tagen) @ Tempranillo5192 Views

Martin Lichtmesz:

Im März 2016, wenige Monate vor seinem 91. Geburtstag, standen also die beiden cavaliers aus Wien, durchnäßt von einem spätwinterlichen Hagelsturm, endlich vor Raspails Wohnung im noblen 17. Bezirk, unweit des Triumphbogens. Zuvor hatten wir noch mit etwas Lampenfieber in einem Café beraten, welche Fragen wir ihm stellen wollten. Unvergeßlich wird mir der Moment bleiben, als sich die Tür öffnete und der Konsul von Patagonien persönlich vor mir stand und mich mit seinen leuchtenden blauen Augen freundlich anstrahlte, mit aufrechter Haltung, bekleidet mit einem alpinen Trachtenjanker.
(...)
Um seinen deutschsprachigen Besuchern eine Freude zu machen, verwies er auf zwei seiner Lieblingsbücher, die mit Deutschland und Österreich zu tun haben, und wie nicht anders zu erwarten, vom Untergang einer Welt handeln: Marion Gräfin Dönhoffs Abgesang auf Ostpreußen, Namen, die keiner mehr kennt, und Joseph Roths Roman Radetzkymarsch, den er nach eigener Auskunft zehnmal gelesen hatte.

Wir beschlossen den Abend mit Champagner, Wein aus dem Sancerre, Foie gras (Gänsestopfleber) und Bouillabaisse, einem aus Marseille stammenden Fischgericht. Zuletzt baten wir Raspail noch, uns einen Turm mitgebrachter Bücher zu signieren. Auch dieser Bitte kam er geduldig nach, „denn das gehört zum Beruf“. Als mein frankophoner Begleiter und ich wieder in das Paris des Jahres 2016 zurückkehrten, allmählich aus unserer Audienz beim Markgrafen wie aus einem Traum erwachten und in die überfüllte Métro stiegen, fühlten wir uns ein wenig wie Silvius von Pickendorff und Maximilian Bazin du Bourg in der letzten Szene der Sieben Reiter. Zum Abschied sagte Raspail zu uns: „In fünf Jahren werde ich tot sein. O doch! Ich hoffe.“ Vier hatte er noch vor sich.

https://sezession.de/63077/erinnerungen-an-jean-raspail-1925-2020

Götz Kubitschek:

Im Zusammenhang mit dem Heerlager muß nun noch ein verborgenes Spiel ans Licht, das ich trieb: Raspail schrieb mir seine Briefe natürlich auf Französisch, und weil ich kein Wort davon kann, übersetzte mir stets Benedikt Kaiser Raspails Zeilen ins Deutsche und meine Antworten ins Französische. Ich schrieb sie mit Füller auf gutes Papier und schickte sie nach Paris. Raspail lobte zwei, drei Mal meine vorzüglichen Sprachkenntnisse und lud mich eins Tages zu sich ein, weil er mir eine französische Erstausgabe des Heerlagers mit handschriftlichen Anmerkungen übergeben wollte.

Ich fuhr nicht, sondern sandte eine der Töchter, die, der Sprache mächtig, meine dringenden Hinderungsgründe vortrug und das Spiel fortsetzte. Ich bekam drei Tage später einen sehr vorwurfsvollen Brief, in dem Raspail mich fragte, wie ich dazu käme, eine Nachfahrin der v. Pickendorffs alleine durch Paris zu schicken, noch dazu mit einem so schweren Rucksack und ohne ein Zimmer in einem angemessenen Hotel. Er persönlich habe eines ausgesucht und die junge Dame mit dem Wagen dorthin gefahren.

https://sezession.de/63057/jean-raspail-ist-tot

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*Die Demokratie bildet die spanische Wand, hinter der sie ihre Ausbeutungsmethode verbergen, und in ihr finden sie das beste Verteidigungsmittel gegen eine etwaige Empörung des Volkes*, (Francis Delaisi).


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