Soweit ich mich erinnere, wurden die Wahlen in der DDR nicht manipuliert.

Plancius, Mittwoch, 19.08.2026, 08:46 (vor 12 Stunden, 1 Minuten) @ DT540 Views
bearbeitet von Plancius, Mittwoch, 19.08.2026, 08:50

Echte Wahlen gab es ja in der DDR auch nicht. Der Wahlzettel bestand aus einer Liste von Namen, die von der "Nationalen Front" aufgestellt wurden. Die darauf befindlichen Personen waren Mitglieder der Parteien, die allesamt die "Nationale Front" bildeten und wurden entsprechend des Parteienproporzes dort aufgeführt. Die meisten waren Mitglieder der SED, die anderen Mitglieder der Blockparteien.

Man ging als Wähler ins Wahllokal und zeigte seinen Ausweis. Der Name wurde dann in der Liste abgehakt. Man bekam seinen Wahlzettel mit den darauf befindlichen Namen, faltete diesen, warf ihn in die Wahlurne und zog wieder von dannen. Deshalb nannte man es umgangssprachlich auch nicht Wahl, sondern Zettelfalten.

In jedem Wahllokal befand sich auch eine recht große Wahlkabine, festlich in weißes Tuch eingehüllt und mit Blumen geschmückt. Wer seinen Zettel nicht öffentlich faltete und in die Urne warf, sondern in die Wahlkabine ging, bekam in der Regel einen Vermerk hinter seinem Namen im Wählerverzeichnis.

Von diesem Wähler wurde jetzt vermutet, dass er mit dem Wahlvorschlag der "Nationalen Front" nicht einverstanden war und einzelne oder alle Namen durchstrich oder aber auch den ganzen Zettel durch ein großes Kreuz ungültig machte.

Die Namen jener Wähler wurden dann an die Staatssicherheit übermittelt, wo dann wenn nicht schon vorhanden, zu jener Person eine Akte angelegt wurde. Jener Wähler wurde von jetztan als "feindlich-negative" Kraft eingeordnet. Er hatte nun durchaus mit Konsequenzen zu rechnen, z.B. durch die Verweigerung von Reisen ins Ausland, keine Berücksichtigung bei der Wohnungsvergabe, Probleme bei der beruflichen Karriere.

Viele DDR-Bürger, so auch ich, nutzten die Möglichkeit, ihre Zettel vor dem offiziellen Wahltermin zu falten und abzugeben. Dazu gab es im Ort bzw. in der nächstgelegenen Stadt ein Wahllokal, welches schon 4 Wochen vor dem Wahltermin geöffnet war.

Am Wahlsonntag selbst fuhr die "fliegende Wahlurne" in Altenheime, Krankenhäuser und zu behinderten und betagten Menschen, damit auch jene Wähler ihren Zettel falten konnten. Jeder Bürgermeister wollte bis ca. 13 Uhr seine 100% Wahlbeteiligung nach oben melden.

Die wachsende Opposition in der DDR konnte man daaran erinnern, dass bei der letzten Kommunalwahl im Mai 1989 die Zustimmung zu den Kandidaten der "Nationalen Front" von mehr als 99% auf ca. 98% fiel. Es trauten sich also mehr Bürger als vorher in die Wahlkabine zu gehen.

Briefwahl galt in der DDR als undemokratisch und nicht systemkonform. Nach Lesart der Kommunisten war das öffentliche Zettelfalten vor Publikum ein institutionalisiertes Ritual, um das Bekenntnis der Bürger zur Partei- und Staatsführung zu zeigen.

Gruß Plancius

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"Natürlicher Verstand kann fast jeden Grad an Bildung ersetzen, aber keine Bildung den natürlichen Verstand." ARTHUR SCHOPENHAUER


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