Austausch der englischen Aristokratie: was ist damit gemeint?

Weiner, Donnerstag, 17.10.2019, 22:06 (vor 268 Tagen) @ Mandarin683 Views

Hallo Mandarin,

kannst Du das bitte ein wenig erläutern?

Erinnert an den Austausch der englischen Aristokratie im 17. Jahrhundert.
Die gleichen Drahtzieher (?)

Meines Wissens sind in England im 17. Jahrhundert eben diejenigen Teile des Adels aus dem Fenster gefallen, die weiterhin katholisch bleiben wollten. Wer aber erkannt hatte, dass der Protestantismus siegen würde, konnte bleiben. Insofern hat kein Austausch stattgefunden sondern nur ein Aderlass - sieht man mal davon ab, dass aus dem Gefolge von Cromwell ergänzend ein paar tüchtige Führer in den Adel aufgenommen wurden (d.h. ihre während der Revolution erworbenen Titel unter der neuen Dynastie behalten durften).

Mich beschäftigen derartige Fragen ziemlich, denn es ist ein Phänomen, dass manchmal bestimmte Familien bzw. "Geschlechter" über mehrere hundert Jahre hinweg die Geschicke eines Landes (Gebiet plus Bevölkerung plus wirtschaftliche und kulturelle Gestaltung) prägen oder gar dominieren.

Zur englischen Aristokratie kenne ich bislang nur das Buch von Heinrich von zur Mühlen, Entstehung und Sippengefüge der britischen Oligarchie (Essen 1941). Ich zitiere den letzten Absatz der Einleitung zu diesem Buch (Vorsicht, die Sätze sind langatmig - offenbar konnte man vor 80 Jahren noch etwas 'weiter' denken):

"Zeigen uns die [hier] besprochenen Listen deutlich, daß eine Gruppe durch Blutsbande in enger Verbindung miteinander stehender Adelsgeschlechter auch im Zeitalter der Demokratie es verstanden hat, einen so erheblichen Einfluß auf die Politik Großbritanniens auszuüben, daß von der Oligarchie einer Geschlechtergruppe gesprochen werden darf, so muß hier nochmals auf die schon besprochene Wandlung innerhalb dieser Familiengruppe hingewiesen werden. Diese Geschlechter wie die Stanley und Cecil, Fitzmaurice und Gordon, Grey und Cavendish sind heute nicht mehr wie früher allein Repräsentanten einer aristokratischen Oberschicht, deren Blut sie noch in ihren Adern tragen, sie sind heute auch Vertreter der Welt des Kapitals und des wirtschaftlichen Interesses der City. Anthony Eden ist, um nur eines der möglichen Beispiele hier einzuflechten, nicht nur der Sohn einer alten Landadelsfamilie, er ist auch durch seine Heirat in die Bankiersfamilie Beckett eng mit dem Kapital einer Großbank verbunden. Und unsere Tafeln verraten uns auch, wie stark die Bindungen der anderen alten Geschlechter zu den Kreisen des neuen, meist der City entstammenden Adels durch die vielfachen Verschwägerungen geworden sind, von denen hier nur ein Bruchteil wiedergegeben ist. So kann am Schluß dieser Studie wohl mit Recht gesagt werden, daß auf Englands Politik eine Adelsoligarchie entscheidenden Einfluß hat, eine Adelsoligarchie aber, die weitgehend plutokratische Züge aufweist." [Markierung von mir]

Der Autor meint also und weist auch nach, dass Geschlechterfäden von der Zeit der normannischen Eroberung (1066) bis in seine Gegenwart reichen - auch wenn mit dem Wachstum der Bevölkerung insgesamt natürlich neue aufsteigende Familien die Basis des Adels verbreitert haben. Für diejenigen, die von Anfang an mit dabei waren und sich bis heute halten konnten, konstatiert der Autor jedoch einen Wandel: der anfängliche (Königs-) Dienstadel mit Landbesitz hat sich verwandelt in einen kapitalbesitzenden Adel.

Was aber ist 'Kapital'? In die Runde gefragt: gibt es dazu eine debitistische Erklärung?

Und noch eine Frage bitte, wieder an Mandarin: was meinst Du mit den Drahtziehern, die für den Austausch des Adels in England seinerzeit und das Verschwinden-Lassen der Milliardäre in China heute gleichermaßen verantwortlich sein sollen?

Danke und freundliche Grüße,
Weiner


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