Wenn Erdogan eine Grube gräbt...zur Lage im Nahen und Mittleren Osten

Diogenes Lampe, Mittwoch, 21.02.2018, 15:29 (vor 1066 Tagen)9384 Views

Vorbemerkung

Auf Drängen einiger meiner treuesten Leser - ein besonderer Gruß geht hier in die Schweiz! - will ich im Folgenden endlich mein Versprechen einlösen und die gegenwärtigen kriegerischen Ereignisse im Nahen und Mittleren Osten aus meiner Sicht darstellen. Diese kann weder vollständig noch verbindlich sein, aber womöglich dem einen oder anderen bei seiner eigenen Recherche jenseits des Mainstreams von Nutzen.

Wenn der Padishah von Ankara anderen eine Grube gräbt, dann fällt er selbst hinein. Mal früher, mal später. Vom Dezember 2015 bis April 2016 veröffentlichte ich fünf Analysen über das von den Großmächten vorgesehene Ende der Türkei als geopolitischen Machtfaktor sowie als Nationalstaat in seiner bisherigen Form, Verfaßtheit und Ausdehnung. Soweit ich erkennen konnte, bin ich bis heute im deutschen Internet der einzige geblieben, der die künftige Entwicklung Südosteuropas sowie des Nahen und des Mittleren Ostens unter besonderer Berücksichtigung der Türkei in dieser brisanten Form beschrieben hat.

Dabei spekulierte ich nicht einfach ins Blaue sondern ging ganz nüchtern von den gegebenen Tatsachen, den Zwangsläufigkeiten ihrer Entstehung und folglich der großen Linie ihrer historischen Entwicklung aus. Die Resultate der Geschichte wirken immer auch direkt auf die längerfristigen Strategien und somit auch gegenwärtigen taktischen Interessenlagen der Mächte und Großmächte ein. Mal mehr mal weniger sichtbar. Ob in Deutschland, der Türkei oder anderswo. Sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen, um zu verstehen, was gegenwärtig geschieht, ist also alles andere als müßig.

Wichtig ist nach meinem Dafürhalten allerdings das Bemühen, hierbei möglichst sachlich zu bleiben, um sich ein möglichst objektives Bild machen zu können. Und so ergreife ich bei aller manchmal polemischen Formulierung auch in diesem Text für keine Seite der politischen Konfliktparteien Partei. Darauf kommt es mir in meiner Analyse nicht an. Wenn, dann gilt mein gelegentliches „hate-sprech“ der menschlichen Dummheit (freilich ggf. auch meiner eigenen). Dagegen gilt meine ganze Sympathie den ungezählten Opfern aller Nationen und Völker, die unter diesen „Geopolitikern“ seit Jahrhunderten zu leiden haben; darunter vor allem wehrlose Kinder, Frauen und Alte.

Jetzt sind wir Zeuge, wie sich die historische Degradierung des geopolitischen Mitspielers Türkei vor unseren Augen immer deutlicher durch Einzelschritte des westlichen Imperiums sowie Russlands vollzieht. Diese Schritte kann man nur im größeren Zusammenhang verstehen. Vor allem aber machen sie deutlich, wie sich Erdogan durch seine wankende Allianzpolitik immer tiefer in geopolitische Kämpfe verstrickt, die er nicht gewinnen kann. Das zeigt uns deutlich, dass er selbst den Untergang des Osmanischen Reiches und dessen Ursachen nicht begreift, geschweige die - bis auf seine Kurdenpolitik - kluge und weitsichtige laizistische Politik Atatürks, die auf dem Gebiet Anatoliens den türkischen Nationalstaat für lange Zeit gegen die Interessen der Westmächte durchsetzte.

Wer die folgende Analyse über die gegenwärtigen Zustände im Mittleren und Nahen Osten im komplexen historischen Gesamtzusammenhang verstehen will, dem empfehle ich also, sofern er noch keine Gelegenheit dazu hatte, zunächst diese fünf etwas ausführlicheren Artikel von mir, die noch auf Archiv. org abrufbar sind, zur Lektüre (Achtung! - Ladezeit könnte je nach Tageszeit etwas variieren):

https://web.archive.org/web/20160619105445/http://www.geolitico.de:80/2015/12/04/darum-...

https://web.archive.org/web/20160603231604/http://www.geolitico.de:80/2016/01/05/der-3-...

https://web.archive.org/web/20160530225927/http://www.geolitico.de:80/2016/03/26/erdoga...

https://web.archive.org/web/20160601164725/http://www.geolitico.de:80/2016/03/30/erdoga...

https://web.archive.org/web/20160607170549/http://www.geolitico.de:80/2016/04/02/golden...

In unserer schnellen Zeit, in der nichts älter ist als die Nachricht von gestern, sind auch manche Ereignisse aus den Jahren 2015 und 2016 schon wieder in Vergessenheit geraten. Sie können in den obigen Texten ebenfalls noch einmal in Erinnerung gerufen und entsprechend der aktuellen Entwicklung eingeordnet werden.

Da man in den offiziellen Medien des weltweiten Mainstream, die anscheinend nicht nur in der EU sondern auch in Russland, den USA und China damit beschäftigt sind, uns zu verwirren und zu täuschen, nichts oder nur wenig darüber erfahren kann, hoffe ich, dass die interessierten Leser, die sich ihr eigenes Bild machen wollen, von meiner Analyse der kommenden Ereignisse im Nahen und Mittleren Osten profitieren werden. Natürlich konnte und kann ich nicht jedes taktische Manöver der Beteiligten vorhersehen. Ich bin ja kein Hellseher. Ich denke aber, dass ich einiges Licht auf deren kurz -wie langfristige Strategien werfen kann. Irrtümer sind hierbei natürlich nie ausgeschlossen. Aber ich hoffe, dass diese dann den einen oder anderen nicht nur zum oberflächlichen Widerspruch anregen, sondern zur umso gründlicheren Recherche aufgrund seines eigenen und womöglich besseren Wissensstandes als Selbstdenker.

Da der Text ziemlich lang ist, teile ich ihn wieder in 3 Teile. Teil 2 setze ich morgen ins Forum.


1. Teil

Das Ende des Nationalstaats Atatürks

Wie ich bereits schrieb, ist der Syrienkrieg der Westmächte aus meiner Sicht nur der Auftakt zum Bürgerkrieg in der Türkei. Der wird dazu führen, dass der Nationalstaat Atatürks auf anatolischem Boden von den westlichen aber auch östlichen Großmächten auf das Gebiet geschrumpft wird, das dem letzten türkischen Sultan Mehmet VI. 1920 im Vertrag von Sèvres zugestanden wurde; im Unterschied zu damals jedoch ohne Zugang zum ägäischen Mittelmeer und seinen Bodenschätzen. Dieser Vertrag wurde allerdings aufgrund der Absetzung des Osmanischen Herrschers, der Beseitigung der Monarchie und der Machtübernahme durch die Nationalversammlung in Ankara nicht mehr ratifiziert.

Jetzt wird er wieder aktuell. Zu verdanken ist dies nicht wenig dem Riesenstaatsmann Erdogan selbst, der das kemalistische System zugunsten des vom Westen und seiner Muslimbruderschaft forcierten Islamismus und Pantürkismus endgültig politisch entkernt -und trotz seiner Kalifatsbestrebungen auch keine Antwort auf die nach wie vor ungelöste Kurdenfrage hat.

Dem längerfristigen geopolitischen Ziel, die Türkei als Regionalmacht vollständig aus dem Spiel zu nehmen, ordnen sich die kurzfristigen Strategien und Taktiken Washingtons wie Moskaus aber auch die von Paris, London und Rom unter. Deren gegenwärtige Taktik hierfür ist notwendig, um den syrischen Krieg dergestalt in die Türkei zu tragen, dass Erdogan hierfür die alleinige Verantwortung zu übernehmen hat. Man braucht ihn also mehr und mehr als europäisches Feindbild und die westlichen Konzernmedien arbeiten auch fleißig daran mit.

Zu den wichtigsten Werkzeuge der Großmächte gehören dabei deren terroristische Söldnertruppen mit ihren False Flag OPs aller Art. Natürlich auch die nach wie vor untereinander solide zerstrittenen Kurden der Türkei, Syriens, des Irak und des Iran. Das wichtigste Werkzeug ist allerdings Erdogan selbst, den man bisher nach Bedarf über die freimaurerische Muslimbrüderschaft in jede beliebige Falle locken konnte. Denn wie die meisten Führer seiner Art stolpert er letztlich großmäulig über sich selbst und seine Eitelkeit, indem er die eigenen Machtoptionen seiner „Balancepolitik“ zwischen den USA und ihrer NATO einerseits und Russland andererseits gründlich überschätzt.

Künstliche Grenzen

Es ist eine alte Methode des British Empire gewesen, über die Ziehung künstlicher Grenzen zwischen den Völkern geopolitische Konflikte lange Zeit schwelen zu lassen, bis es diese für die eigenen Zwecke benutzen konnte. Z.B., um die entsprechenden Staaten und Völker gegeneinander auszuspielen. So blieb es der lachende Dritte und bestimmte den Zeitpunkt, wann es die Konflikte ausbrechen lassen wollte. Die Zerstörung des Deutschen Reiches nach Weltkrieg II und seine Eingliederung in zwei sich gegenüber stehenden Machtblöcken ist hierfür nur ein Beispiel.

Auf diese Weise entstanden auch die willkürlichen Grenzen im Nahen und Mittleren Osten bei der Liquidierung des multiethnischen Osmanischen Reichs nach Weltkrieg I. Diese Grenzziehungen gingen über die Besiedlungsgrenzen fest siedelnder Völker und Ethnien genauso hinweg, wie über die der in Stammens -und Clanstrukturen organisierten Nomaden. Somit wurde für ständige Unruhe gesorgt, die jetzt im Nahen und Mittleren Osten eskaliert wird. Wir werden deshalb schon bald Korrekturen historischen Ausmaßes in diesem Bereich erleben.

Erdogans wundeste Punkte sind die der östlichen und südlichen Grenzen Anatoliens hin zum Irak und zu Syrien, die der Westen mehr und mehr den Kurden überlassen hat, mit dem Wissen, dass dies Erdogan zu militärischen Manövern provozieren muss. Mit den Kurden des Irak konnte er sich vielleicht noch über seine Kalifatspläne verständigen, die nun aber obsolet sind. Mit den syrischen Kurden der YPG als Ableger jener PKK, die selbst in der EU als Terrororganisation verschrien ist, kann es für ihn aber keinen Frieden geben. Ebenso wenig mit der anarchistischen PYG. Erst recht nicht, wenn beide sich mit Hilfe der CIA mit deren salafistischen Terrorhilfstruppen verbünden, die einst Erdogan ergeben waren, als es gegen Syrien und auch gegen die syrischen Kurden ging.

Putin war dem Möchtegernkalifen aus Ankara in Syrien mit seiner Erlaubnis einer türkischen Besetzung der Provinz Idlib durch die türkischen Stellvertretertruppen der sogenannten Freien Syrischen Armee und einigen ihrer IS-Hilfstruppen entgegen gekommen. Denn Erdogan wollte sie natürlich auf keinen Fall im eigenen Land haben, wo sie das Kurdenproblem derart anheizen könnten, dass er es nicht mehr unter Kontrolle bekommt. Außerdem hatte der CIA ja längst die „gemäßigten“ Teile des IS bzw. Al Qaida, die einst mit Erdogan und dem Ölraub seiner ganzen Familie verbunden waren und in großen Teilen von der russischen Luftwaffe elemeniert wurden, gegen ihn gewendet.

Nun aber haben die kommunistisch bzw. anarchistisch ausgerichteten Kurdenparteien YPG und PYG als Ableger der PKK, die sonst eigentlich traditionell den Russen zuneigten, eine Allianz mit der CIA und dem Mossad geschlossen, um Erdogan mit einem Kurdenstaat im Norden Syriens an der gesamten Grenze zur Türkei bis hin zum Mittelmeer zu provozieren. Das konnte aber ohne Einverständnis der Russen, die damit offiziell natürlich nichts zu tun haben wollten, nicht passieren. Die haben sich dann beim zu erwartenden Einmarsch der Türken in den Norden Syriens zur voreiligen Freude der Türken und in geheimer Übereinkunft mit Trumps Türkeiplänen nicht nur vornehm sondern sehr auffällig vom Acker gemacht. Nicht etwa, um Erdogan als ihren neuen Verbündeten in der NATO freie Bahn -sondern ihn sich weiter im Syriensumpf verstricken zu lassen.

Auch Assad kommt Erdogans Kriegslust entgegen, denn er kann nun mit seiner siegreichen Syrischen Armee den rebellischen Kurden, die durch die türkische Armee natürlich in enorme Bedrängnis geraten sind, die Gebiete wieder abnehmen, die die Kurden mit Hilfe der US-Truppen im Kampf gegen den IS nicht nur im Norden Syriens erobert haben, sondern auch am Ostufer des Euphrats. Denn natürlich ist die Bedingung Assads, den Kurden in Syrien zu helfen, keine geringere als die, ihre Waffen abzuliefern. Tun sie das nicht, werden sie eben zwischen ihm und Erdogan aufgerieben. Endziel Assads und seiner Truppen im Krieg war, ist und bleibt die territoriale Unversehrtheit Syriens. Und genau dafür leistet jetzt Erdogan, der große Verlierer im Syrienkrieg, für Assad quasi die Schmutzarbeit.

Der Vatikan und sein Jesuitenpapst haben mal wieder ihre Finger tief drin

Die Russen unter Stalin haben künstliche Grenzziehungen beim Aufbau der Sowjetunion (die unter Lenin bis zu Stalins späterer Nationalstaatspolitik ebenso als Imperium funktioniert hat) zur Schwächung des Britischen Empire und zum Schutz ihrer Südflanke genauso angewandt, wie die Amerikaner als Nachfolger der Briten. Alle haben diese imperiale Vorgehensweise zwar nicht gerade verfeinert, aber wer die Macht hat, kann dabei eben auch ganz grob und plump vorgehen, wenn die feine englische Art nicht mehr nötig ist.

Auch das Britische Weltreich war bekanntlich, wenn es um die eigene Macht ging, alles andere als fein und zivilisiert. Um das zu erkennen, brauchen wir Deutschen nicht in die Ferne schweifen sondern nur nach Dresden ect. schauen. Die politischen Intrigen des „perfiden Albion“ waren meist so fein gesponnen wie die des Vatikan, der ältesten noch existierenden Modalität des Totalitarismus. Ihm und seinen kosmopolitischen Doktrinen, die bereits im 18. Jahrhundert voll ausgebildet waren und damals schon erste Sozialexperimente mit ganzen Völkergruppen durchführte, die stark an den späteren Faschismus und Kommunismus erinnern (Jesuitenstaat Paraguay), haben wir nicht nur das verhängnisvolle Hitlerregime und die anschließende deutsche Teilung zu verdanken, sondern auch einen nicht unbeträchtlichen Teil der Volksverblödung durch Ideologisierungen wie kosmopolitischen Katholizismus, Kommunismus, Sozialismus, Faschismus oder Globalismus, mit denen wir dann aufeinander losgingen bzw. gehen; was aber den Meisten unter uns noch immer nicht deutlich genug ist. Noch immer sind wir nur allzu bereit, im Namen Gottes oder eben des Guten, Wahren und Schönen oder den „Verdammten dieser Erde“ aus letzterer Teufels Küche zu machen, sobald der Vatikan und seine totalitären jesuitischen Agenten aller Farben rufen.

Umso weniger haben wir auf dem Schirm, dass die Türkei heute genauso über den Totalitarismus von den neokolonialen Grenzziehungen der Großmächte zerstückelt wird, wie einst das Deutsche Reich nach dem 2. Weltkrieg. Wir haben also keinen Grund, uns in Schadenfreude zu üben oder gar besser und klüger zu dünken als die ständig vom Westen übervorteilten Türken, die als völkische Großtürken genauso an ihrem von ideologischen Agenten eingeimpften Chauvinismus zugrunde gehen werden, wie wir einst.

Die Kurden - als geopolitische Idioten der Großmächte so nützlich wie die Türken

Wenn es also heute gegen dieses Volk und seine staatliche Verfaßtheit geht, können von den Feinden der Türkei nicht nur im Innern Kemalisten gegen Islamisten in Stellung gebracht werden, sondern natürlich stets auch die Kurden, die seit dem Untergang des Osmanischen Reiches ebenso nach Belieben von den Großmächten manipuliert und benutzt wurden, nachdem Atatürk sie verraten hatte.

Die Kurden selbst sind entweder noch immer in den alten Stammes -bzw. Clanstrukturen verhaftet oder haben sich während der sowjetischen Zeit dem säkularen Kommunismus angeschlossen. Untereinander sind sich vor allem die Kurden des Irak einerseit, und die der Türkei und Syriens andererseits spinnefeind. Die irakischen suchen ihr Heil im Westen (einschließlich Israel) und die syrisch-türkischen im Osten. Wobei das heute auch nicht mehr so stimmt, wie wir an den aktuellen militärischen Allianzen zwischen YPG/PYG und CIA gegen die Türken ausmachen können.

Einen gemeinsamen Volksgeist sucht man bei den Kurden vergebens. Was da so in martialischer Masse auf den Straßendemos in Deutschland umhergeistert, ist bestenfalls aggressive Propaganda, die sich aus purem ideologischen Wunschdenken und nicht selten Opfermythen einzelner kurdischer Gruppen speist. Von ihrer Beteiligung am Genozid gegen die Armenier wollen sie genauso wenig wissen wie die Türken. Einig sind sich Kurden nur darin, dass man einen Kurdenstaat haben will. Doch wie der aussehen soll, darüber schlagen sich auch sie untereinander die Köpfe ein. Oder die eine oder andere Gruppe ruft mal wieder auf irgend einem Gebiet einen Kurdenstaat aus, der dann allerdings bei der anderen Gruppe und international keine Anerkennung findet. Mit anderen Worten: Die ideologische Propagandatätigkeit des westlichen Wertegemeinschaftsimperiums hat auch bei der inneren Spaltung dieses Volkes ohne Staat ganze Arbeit geleistet.

Die irakischen Kurden träumen nämlich noch immer vom alten Kalifat, die türkischen und syrischen vom Weltkommunismus. Mit anderen Worten: Geistig betrachtet sind die sekularen Kurden sowas wie Vergangenheitsutopisten a la Marx und Rousseau und die, die vom alten Kalifat träumen, hoffen wie die Islamisten auf sowas wie die „Urgesellschaft“ des Islam zur Zeit der umayyadischen Eroberungen. Beider Staatsvorstellungen sind somit nach wie vor überstaatlich, womit sie sich bei den Nachbarvölkern, vor allem den Russen, natürlich wenig Freunde machen. Aber erst recht vermögen sie nicht, einen eigenen Nationalstaat zu konzipieren, auf dem sie sich ideologisch einigen könnten. Da hilft ihnen auch nicht, dass sie traditionell zu den besten und tapfersten Kämpfern auf den Schlachtfeldern zählen. Sie haben es in ihren Bestrebungen nach staatlicher Autonomie politisch bis heute immer nur verstanden, sich geopolitisch zwischen alle Stühle zu setzen. So blieben sie bloß - mit Verlaub - nützliche Idioten, sprich Manövriermasse der Großmächte. Ihr Leid als Volk nahm und nimmt durch die Unfähigkeit ihrer Führer zur politischen Einigung kein Ende. Einen neuen Atatürk können auch sie nicht hervorbringen.

Das aber trifft imgrunde nicht weniger auf die Türken zu; nicht erst unter Erdogan. Unter ihm braucht der türkische Nationalstaat aber eigentlich keine Feinde mehr, die ihn wirksamer schwächen und dekonstruieren könnten als er selbst. Er hat als einer der ranghöchsten Mitglieder der von den Briten geschaffenen Muslimbruderschaft mit seiner schwankenden, mal neoosmanischen mal pantürkischen Kriegspolitik die einst laizistische Türkei in ein islamistisches Dilemma gestoßen, aus dem sie sich nicht mehr befreien kann. Wie sich der türkische Palastpräsident auch dreht und wendet: Sein Staat ist von Feinden umgeben, denen er nur dann einigermaßen Herr werden könnte, wenn es ihm gelänge, sie gegeneinander auszuspielen. Doch das arabische Prinzip: „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“ ist ein ständig wankendes. So, wie auch die festesten Allianzen irgendwann brüchig werden.

Auch wird der Schritt aus der NATO heraus in die russische und chinesische Einflußsphäre den türkischen Nationalstaat in seiner bisherigen Ausdehnung nicht retten. Da hilft dem Neoosmanen auch nicht, dass er über die zweitgrößte Armee der NATO verfügt. Der NATO-Putsch gegen ihn hat die tiefen Risse im türkischen Heer und deren Generalstab der ganzen Welt demonstriert. Radikale Säuberungen, wie sie jetzt für ihn nötig geworden sind, werden es kaum stärken. Die USA unter Trump, formal noch immer NATO-Verbündete, arbeiten auch weiter daran, die türkische Armee im Kurdenkonflikt zu verschleißen.


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