COVID Update: Aktuelle Beobachtungen, Schlussfolgerungen, offene Fragen

Diego2, Freitag, 27.03.2020, 20:42 (vor 68 Tagen)5085 Views

Hier meine persönlichen Beobachtungen der letzten Woche, zudem Wiedergabe von Gesprächen mit Kollegen und online. Alle Beobachtungen und Schlussfolgerungen sind selbstverständlich persönlich, frei nach Oblomow... kann ich mich auch irren. Der Text wurde mit Siri diktiert, Fehler bitte ich zu entschuldigen. Ich mache keine Aussagen zur ökonomischen (alle werden ohne Leistung erbringen zu können irgendwie bezahlt (bedingungsloses Grundeinkommen ?)) oder politischen (Grenzschliessungen, Auswirkungen auf EU und die geopolitische Lage) Situation.

1. Krankheitsbild
Ich habe mehrere elektronische Patienten Akten eingesehen und es zeigt sich überall praktisch das gleiche Bild, akuter fieberhafter Atemwegsinfekt, im Labor positives CRP (Entzündung) Und später in der Regel ein positiver Covid -Test, vor allem aber immer im Röntgen oder im Computertomogramm der Lunge ein bilaterales Infiltrat im Sinne einer beidseitigen interstitiellen Lungenentzündung. Diese Befunde sind deckungsgleich zu den Berichten aus Italien von vor zwei Wochen. Bilaterale interstitielle Lungenentzündung, Bilaterale interstitielle Lungenentzündung, Bilaterale interstitielle Lungenentzündung....

2. Aktuelle Lage im Großraum Basel
Hintergrund Information circa 450.000 Einwohner, täglich 40.000 Grenzgänger aus F und D, die hier arbeiten.

Baselland: Hier wurden rigorose Maßnahmen aus dem Tessin kopiert. Insbesondere hat man ambulante Abklärungseinheiten etabliert (https://www.ksbl.ch/coronavirus), Kantonsspital mit zwei Standorten, eines ist jetzt COVID-Referenzspital, das andere soll möglichst frei bleiben. Vor beiden Häusern gibt es ambulante Zelte, in denen sich Patienten mit gutem Allgemeinzustand abklären lassen können. Schwer Kranke gehen auf den Notfall. Im sauberen Spital gehen Patienten, die aufgenommen werden müssen und eine Atemwegsinfektion haben, direkt auf eine Isolationsstation. Nur bei mehrmalig negativen Test können diese in auf Normalstation verlegt werden, bei positiven Test werden sie in das Referenzspital verlegt. Das Personal soll weitgehend getrennt bleiben. Mitarbeiter tragen konsequent Maske am Arbeitsplatz. Hände schütteln verboten. Überall stehen Desinfektionsmittel. Besuche von Angehören sind nicht erlaubt, Security lässt nur Mitarbeiter rein. Überall in Basel hat man bei den Kantinen in den Spitälern jeweils die Hälfte der Stühle entfernt, damit die Mitarbeiter voneinander Abstand halten. Erkrankte Mitarbeiter müssen zu Hause bleiben, Mitarbeiter mit Fieber können sich testen lassen. Alle mir bekannten Mitarbeiter waren negativ. Letzten Freitag wurde das Referenzspital vom Normalbetrieb geleert und in Betrieb genommen. Am Abend gab es ca. 15 positive Patienten auf Normalstation und sechs beatmete. Am Montag 32, Dienstag 60, Mittwoch 62, Donnerstag 65, heute 58 auf Normalstation. Die Anzahl der Beatmeten bis gestern 6, heute 8. Davon 2 inzwischen gebessert und auf Normalstation verlegt, da nicht mehr beatmungspflichtig. 2 Tote in dieser Woche. Die jüngste beatmete Patientin ist 35 und hat Asthma bronchiale. Sonst keine Vorerkrankungen.

Basel-Stadt:
Das Universitätsspital (USB) befindet sich mitten in der Stadt, hat zwei Gebäude, die normalerweise für medizinische oder chirurgische Patienten vorgesehen sind. Hier hätte man auch eine strikte Trennung vornehmen können. Derzeit 8 beatmete Patienten, darüber hinaus derzeit weitere 68 stationäre positive Patienten. Allerdings stehen auch im USB sämtliche nicht dringend notwendige Eingriffe auf Eis, die Sprechstunden sind alle konsequent abgesagt.

Kinderspital Basel:
drei positive stationäre Patienten, die Sauerstoff benötigen, Zwei Säuglinge, ein Kleinkind. Keine Vorerkrankungen. Keine Beatmungspflicht. Soweit keine beatmeten Kinder in der ganzen Schweiz bekannt.

Privatspitäler:
Dürfen ebenfalls keine nicht dringend notwendigen Eingriffe mehr vornehmen, um geschultes Personal und Beatmungsgeräte nicht anderweitig zu verwenden. Ein Spital hat seinen Mitarbeitern erklärt, das ist die Löhne kürzen müssen, da die lukrativen Operationen nicht mehr durchgeführt werden können. Es ist oder soll Kurzarbeit beantragt worden.

Hausärzte:
Aufgrund der Kampagne des BAG (die Plakate hängen überall) rufen Patienten jetzt in der Regel ihre Hausàrzte nur noch an, die Praxen beantragen überwiegend Kurzarbeit für Ihre Mitarbeiter.


3. Oberelsass (Haut-Rhin 6800):
Hintergrund circa 750.000 Einwohner, zwei Große Krankenhäuser in Mulhouse und Colmar.
Wie bereits berichtet, muss es dramatische Zustände gegeben haben. Ich konzentriere mich auf Mulhouse, da nah an Basel. Aus der elsässischen Presse erfährt man, dass es normalerweise vorher in Mulhouse etwa drei beatmungspflichtige intubierte Notfälle pro Woche gab, die man ins Krankenhaus gebracht habe. Im Rahmen der Krise sei die Zahl auf 15 bis 25-täglich angestiegen. Das Krankenhaus hat einen Helikopter, derzeit sind drei Helikopter im Einsatz, die nicht nur in der Region bleiben, sondern auch Patienten ausfliegen. Mulhouse 400 positive Patienten im Spital, davon 80 beatmet. Um die 130 positive Mitarbeiter. https://www.lalsace.fr/sante/2020/03/27/direct-toutes-les-infos-en-alsace-ce-vendredi
Mittlerweile dürften aus dem Oberelsass um die 50-70 Patienten exportiert worden sein. Es hat Flüge des Militärs gegeben, es werden Patienten mit Helikopter ausgeflogen, es gibt jetzt einen speziellen TGV (TGV medicale), der Patienten ausfährt. Deutschland und die Schweiz haben ungefähr 15 Patienten übernommen. Die Lage scheint sich zu stabilisieren, es gibt jetzt ein Militär Feldlazarett mit zusätzlich ca. 30 Betten, es werden keine Patienten mehr aus Platzmangel abgewiesen (dies sei wohl kürzlich insbesondere bei älteren Patienten noch passiert.)

4. Tessin:
Hintergrund etwa 350.000 Einwohner, circa 80.000 Grenzgänger aus Italien, die jeden Tag zur Arbeit in die Schweiz gekommen sind.
Hier gibt es einen guten Zeitungsartikel aus der NZZ, den ich verlinke:.
https://www.nzz.ch/schweiz/punkto-intensivbetten-sind-wir-im-tessin-besser-ausgeruestet...
Die Lage scheint angespannter als in Basel zu sein, im Vergleich zu Italien und dem Elsass aber derzeit unter Kontrolle. Circa 40 beatmete Patienten, Circa 160-180 positive Patienten auf Normalstation. Die Kapazitäten werden hochgefahren. Allerdings mit Abstand die meisten offiziellen Toten in der Schweiz, insgesamt fast 80.

5. Freiburg:
Analoge Situation wie in Basel-Stadt und im Tessin, steigende Zahlen, insgesamt kompensiert. Nicht notwendige Eingriffe und Sprechstunden sistiert.

6. Madrid:
Egal, wen man anruft, die erste Antwort ist immer, es sei schlimmer als Krieg. Sämtliche Häuser und Beatmungsplätze sowie Notaufnahme sind überfüllt.Man muss die Gefahren völlig unterschätzt haben. Der erste Patient soll wohl in Valencia Anfang Februar infiziert worden sein. Bis vor zwei Wochen habe man die Ernsthaftigkeit der Lage in Madrid kaum realisiert. Mitarbeiter des Gesundheitswesens, die es als erste bemerkt hatten, was passiert und sich auf den Notfällen haben schützen wollen, sollten keine Masken tragen, um keine Panik zu erzeugen. Relativ rasch sei aber die Schutzbekleidung ausgegangen, jetzt soll gestern eine Ladung aus China erhalten worden sein. Die meisten Mitarbeiter in den Krankenhäusern sind selbst infiziert, haben oft so lange gearbeitet, bis sie nicht mehr konnten. Ärztliche Kollegen von meinen Mitarbeitern in Basel sind selbst als Patienten hospitalisiert oder waren es gewesen. Mittlerweile zeigt auch die Presse Bilder und Filme von überfüllten Krankenhäusern. Hustende Patienten sitzen nicht nur mehr als 24 Stunden auf den Plätzen in der Notaufnahme, sondern liegen auch einfach auf den Gängen. https://www.youtube.com/watch?v=UTFNPYKRJ7w Auch die Bestattungsunternehmen haben keine Schutzausrüstung gehabt, daher sei es insbesondere in den Altersheimen aber auch in den Krankenhäusern zu einem „Rückstau“ von Verstorbenen gekommen, die weiter die Betten belegt haben. Wie lange, will niemand wissen, es scheint sich nicht nur um Stunden zu handeln. Ich habe in mehreren deutschen und spanischen Medien gelesen, dass eine Eishalle als Leichenhaus verwendet wurde. https://www.youtube.com/watch?v=hltEqK0O2ds


Vorläufige Schlussfolgerungen (Irrtum vorbehalten):
1. Die Krankheit existiert europaweit und wird überall bildgebend gleich beschrieben (bilaterale intestitielle Pneumonie). Katastrophale Zusände in Norditalien, Spanien (Madrid und Baskenland) und Elsass.

2. Da praktisch alle Patienten Virus positiv sind und etwa 90 % der Tests überhaupt und insbesondere beim Gesundheitspersonal in der Schweiz negativ sind, gehe ich von einer Kausalität durch das Virus aus. (Es ist von Wodarg die These in den Raum gestellt worden, dass der Test mit europäischen Antigenen entwickelt wurde. Demzufolge müsste ein grooser gesunder Teil der Bevölkerung und ein Großteil des Krankenhauspersonals (mehr Kontakte) falsch positiv getestet werden. Ich kann mich somit dieser These nicht anschließen.)

3. Es gibt im Grossraum Basel (jetzt ?, schon ?) mehr hospitalisierte und beatmete Patienten als normalerweise im Gipfel der Grippesaison. Aber (noch?) nicht mehr Tote.

4. Ob das für das Vorliegen und die Definition einer Pandemie reicht, kann ich nicht beantworten.


Unklarheiten und offene Fragen:


5. In Bezug auf die wirkliche weltweite und lokale Verbreitung können wir keine Aussagen treffen. Wir wissen eigentlich nicht genau, wo wir jeweils in punkto Ausbreitung stehen und was uns vor Ort demnächst erwarten wird.

(Die veröffentlichten Zahlen kann man kaum verwerten. Die Zahlen über die Infizierten unterscheiden sich nach Häufigkeit und Strategien der Testungen (möglichst alle, kranke, nur schwer kranke) von den einzelnen Ländern zu sehr. Am besten müsste man noch die Todeszahlen vergleichen können, sobald diese aber über eine Schwelle ansteigen, kann man nur noch sagen, dass die Kapazitäten des lokalen Gesundheitssystems überlastet sind. Außerdem bleibt festzuhalten, dass manche Länder wie Italien auch möglicherweise nicht Betroffene oder anderweitig Verstorbene dazu zählen. Oder andernorts zu wenig gezählt wird.

5. In Bezug auf die wirkliche individuelle Gefährlichkeit und Mortalität (ausser bei Überlastung des Gesundheitssystems) des Virus tappen wir ebenfalls komplett im Dunkeln, weil wir die Dunkelziffer der wirklich Infizierten aber nicht Getesten nicht kennen.

(Bei den Verstorbenen ist nicht klar, welcher Anteil der Patienten an einer anderen Krankheit gestorben ist/gestorben wäre. Es ist bei vielen Toten nicht klar, ob man mit oder an dem Virus stirbt. Zur Beurteilung der Gefährlichkeit der Krankheit sei daher nicht die oft genannte Anzahl der testpositiven Personen und Verstorbenen entscheidend, sondern die Anzahl der tatsächlich und unerwartet an einer Lungenentzündung Erkrankten oder Verstorbenen (sog. Übersterblichkeit). Die aktuelle Gesamtmortalität in Europa und in Italien liegt weiterhin im Normalbereich oder sogar darunter. Eine erhöhte Mortalität sollte im europäischen Monitoring sichtbar werden. Allerdings gibt es Gemeinden in Norditalien, die behaupten, dass die offiziellen Coronazahlen in ihren Orten zu niedrig angegeben werden: https://www.focus.de/gesundheit/news/signifikante-zunahme-der-krankheitsfaelle-coronavi...

6. Die größte Anomalie meines Erachtens ist die seit mindestens 2 Wochen katastrophale Situation im Elsass und der verhältnismässig langsamen und nicht exponentiellen Ausbreitung im Großraum Basel und in Freiburg. Trotz der vielen Grenzgänger. (Analoge Lage im Tessin, welches allerdings noch härtere Maßnahmen in Bezug auf den Ausgang und Berufstätigkeiten vollzogen hat. Moderate Anzahl hospitalisiserter Patienten, recht viele Tote, aber Situation viel besser unter Kontrolle als in Norditalien.)

7. Aufgrund der Basler Anomalie kann die aktuelle Ausbreitungsgeschwindigkeit nicht (mehr?) so hoch sein, wie man bislang vermutet hat.

8. Alle Aussagen, die Schweiz oder Deutschland werden in einer Woche, 10 oder 14 Tagen da sein wo Italien (heute, gestern oder vor einer Woche) war, sind daher Unsinn.

9. Man muss die nächste ein zwei Wochen abwarten, um die Gefährlichkeit der Lage besser beurteilen zu können. Zu beobachten sind die Basler Anomalie und auch wegen der grossen Menschenmengen auf engsten Raum und der begrenzten Gesundheitssysteme die Grossräume Paris und London, geographisch vor allem Rom. Vielleicht ergibt sich dann auch ein Muster, ob die Ausgangssperren wirklich in der Form für die Gesundheitspolitik hilfreich sind.

Gruss Diego


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