Ich bin vom Markt zurückgekommen und - ehrlich gesagt - erschrocken

helmut-1, Siebenbürgen, Samstag, 07.11.2020, 13:02 (vor 1896 Tagen) @ helmut-15819 Views

Danke, für die Grüße aus Leipzig, - aber ich hab das ja aus einem anderen, viel wichtigerem Grund geschrieben. Als ich am Markt war, habe ich so machen gefragt, ob der die neuen Verordnungen kennt und was er davon hält.

Ergebnis: Ein Desaster

Immer wieder habe ich mich gefragt, wie das denn in den 30er Jahren zugehen konne, dass sich das aufbauen konnte, was sich bis in die 40er Jahre entwickelt hat. Immer wieder fallen mir die 68er Generationen und auch andere ein, die immer wieder mit dem Finger auf die ältere Generation gezeigt haben, mit dem Motto: Wie konntet ihr denn das zulassen, ihr habt das doch gesehen, wo das hinführt, warum habt ihr alle geschwiegen?

Wenn sich jemand soviel mit der 1. Hälfte des letzten Jahrhunderts beschäftigt hat wie ich, dann hängt das hauptsächlich damit zusammen, dass ich ergründen wollte, warum mein Großvater eigentlich in den Widerstand gegangen ist und dabei sein Leben verlor. Er war nämlich zu Beginn keiner, der z.B. Kommunist war, sonst wäre er nicht in diese Position der Beschäftigung gekommen, in der er tätig war. Aber er hat gemerkt, dass sich aus einem ursprünglich gutem Ansinnen etwas entwickelt, was er nicht mehr vertreten und schon gar nicht für gut heißen konnte, deshalb wechselte er die Fronten. Aber nicht, als alle plötzlich keine Nazis mehr waren, sondern schon 1941.

Ich kenne vieles aus persönlichen Erzählungen von Zeitzeugen, aus Büchern und Zeitungen, ich kenne den Alltag, ich kenne die Begleiterscheinungen, die Restriktionen, usw. usw. Aber ich kenne auch das Obrigkeitsdenken und das Vertrauen darauf, dass die Staatsführung schon alles richtig machen wird, - hat sie doch die Krise 1929 sowie die Jahre danach genauso überwunden. Ich kenne auch die Angst vor der Exekutive, ich kenne auch das Bedürfnis der Menschen, friedlich und ohne Anfeindungen zu leben, am besten unbemerkt. Ich kenne auch die immense Uninformiertheit der Menschen, und damals gab es kein Internet, aber auch das Bedürfnis der Menschen, mehr zu wissen als andere, hielt sich in äußerst engen Grenzen.

Als es dann weiterging, registrierte man schon, was mit denen, die dagegen waren, passierte. Berufsverbote, Zensur, Verhaftungen, Einweisung in psychiatrische Kliniken, und noch schlimmer. Deshalb unterhielt man sich nur mehr, nachdem man sich mehrmals nach links und rechts umgedreht hat, ob denn da keiner zuhört.

Sehr deutlich wurde mir das als 14-Jähriger vor Augen geführt, als ich mit meinem Vater in der Nähe von Königgrätz zwecks Verwandtenbesuches waren. Da fragten wir einen Älteren auf der Straße nach dem Weg. Er sprudelte alles in tschechisch hervor, was wir natürlich nicht verstanden haben. Als er das merkte, schaute er nach links und rechts, beugte sich zum geöffneten Autofenster herunter und sagte leise auf deutsch : Zweite Straße rechts.

Meine Beobachtung heute am Markt:

Es hat sich nichts geändert, es ist genauso wie vor 90 Jahren.

Die Leute wissen nicht einmal, wie die Restriktionen ab Montag hier aussehen, - das A4-Blatt, das ich mir da ausgedruckt und ihnen gezeigt habe, ist für sie neu. Alles andere ist absolut deckungsgleich, was ich mit der Zeit aus den 30er Jahren angedeutet habe.

Was noch in Rumänien dazukommt, ist folgendes:
Hier werden viele Gesetze so gemacht, dass sie die wirtschaftlichen Möglichkeiten der Leute vom Prinzip her begrenzen. Aber man lässt durch gewisse Ungenauigkeiten im Gesetzestext (Absicht?) immer diese Hintertürchen zu. Die werden von den Rumänen, weil sie ja findig sind, erkannt und auch benützt. Dadurch können die meisten der Rumänen einigermaßen überleben. Das aber bedeutet und bewirkt, dass jeder versucht, sich im Hintergrund zu halten, weil er, wenn man ihn genau im Fokus betrachtet, Angst haben muss, dass man ihm auf Unregelmäßigkeiten draufkommt.

Der Effekt ist der offensichtlich gewünschte: Die Leute halten den Mund, weil sie alle irgendwie Dreck am Stecken haben. Das alles erklärt auch, warum es mit Demos gegen diese Corona-Restriktionen äußerst schwach ist.

Mein Fazit:

Kommt heute einer wie Adolf selig, der das Militär auf seiner Seite hat, korrupte Politiker gleich zu Beginn standrechtlich erschießen lässt und durch Gesetze dafür sorgt, dass das Volk gute Ausbildung und gut bezahlte Arbeit bekommt, wovon es in Rumänien auch leben kann, dann laufen sie dem alle nach wie dem Rattenfänger von Hameln. Der kann noch soviele humanitäre Schweinereien am Rande fabrizieren, - dem Volk ist das dann egal. Jeder wird schweigen, weil dann wieder eine Ordnung eintritt, die überschaubar und kalkulierbar ist. Nicht so wie jetzt, wo man überhaupt nichts mehr planen kann, weil eine Anordnung die andere übertrifft. Dazu gehts bei vielen - was die Existenz betrifft - schon ans Eingemachte. Glauben an die Zukunft hat kaum jemand mehr hier.

Wie sehe ich die Zukunft?

Ich weiß es nicht. Ich weiß, dass ich hier als Ausländer mit einer nicht-rumänischen Staatsangehörigkeit lebe. Ich habe kein Bleiberecht, man kann mir- aus welchem Grunde auch immer- einen Fußtritt geben, der mich aus dem Lande befördert. Andererseits liebe ich dieses Land, ich möchte hier bleiben und auch hier einmal begraben werden. Dazu möchte ich mithelfen, die Zukunft meines jüngsten Sohnes hier aufzubauen, dessen Herz genauso in Rumänien schlägt.

Aber ich weiß nicht, wie lange ich das noch mitmachen kann. Ich bin nicht für die Unterdrückung und Willkür geboren. Wenn mir jemand erklären will, dass wir doch demokratische Verhältnisse haben, oder sowas wie ein Rechtsstaat sind, dann weiß ich nicht, wie ich denjenigen einsortieren soll. Ignorant, oder unwissend, oder Unterstützer des Regimes, - ich weiß es nicht.

Ich bin in einem anderen Geist aufgewachsen, und der heißt "Ehre, Freiheit, Vaterland". In unserer Kommandoeinheit beim Militär haben wir gesungen "Wo wir sind, da ist immer vorne". Ich bin icht dazu geboren, zu buckeln. Ich stehe aufrecht jedem gegenüber, auch demjenigen, der eine andere Meinung hat. Ich bekämpfe ihn nicht, solange er mit mir in eine ehrliche rhetorische Auseinandersetzung eingeht, mit pro und contra. Aber ich lasse mir auch keinen unbegründeten Willen aufzwingen, schon gar nicht einen Willen der Regierung, wo pathologische Argumente vorgeschoben werden, um die eigentlichen finanzpolitischen zu verdecken.

Irgendwann , das fühle ich, kann ich nicht mehr. Auch Luther hatte damals gesagt: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir. Amen." Dann ist mir alles egal, weil ich mich noch im Spiegel ansehen können will. Bertolt Brecht hatte ja schon gesagt (oder auch nicht, das ist egal): Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht.

Ich werde meine Prinzipien mit "Ehre, Freiheit, Vaterland" nicht über den Haufen werfen, nur weil sich eine andere Zeit oder ein anderes Denken entwickelt hat. Ich möchte leben, mit Vitalität und Überzeugung, mit Freude am Leben, ich will nicht innerlich austrocknen.


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