Dankbarkeit?! und etwas Egon Friedell zu Revolutionen an sich

Oblomow, Samstag, 07.11.2020, 11:45 (vor 1895 Tagen) @ Wayne Schlegel4625 Views
bearbeitet von Oblomow, Samstag, 07.11.2020, 12:04

@Mephisto könnte eventuell schreiben: Die Soldaten haben etwas für ihn getan (sein Eigentum geschützt), ergo tut er was für die Soldaten. Vermutlich war es eher nicht Mitleidsethik mit den Waisen und mit Patriotismus hat es vermutlich gleich garnichts zu tun.

Noch eine kleine Korrektur zu @Mephisto. Mit einer Aversion gegen linkshegelianische Bestrebungen hat Schopis Aversion gegen Revolutionen vermutlich auch nichts zu tun. Revolutionen, das wusste Schopi, sind einfach nur lächerlichster Budenzauber und haben keinen Einfluss auf das eigentliche Problem des Lebens, bzw. überhaupt zu leben.

Herzlich
Oblomow

Und noch etwas Friedell:

"Demokratie und Freiheit
In den Schulbüchern wird allerdings zumeist unstillbarer Freiheitsdurst des Volkes als Ursache der großen Umwälzungen angegeben. Dies ist aber sicher von allen falschen Gründen, die man wählen könnte, der falscheste. Das Volk will niemals die Freiheit, erstens, weil es gar keinen Begriff von ihr hat, und zweitens, weil es mit ihr gar nichts anzufangen wüßte. Die Freiheit hat nämlich nur für zwei Klassen von Menschen einen Wert: für die sogenannten privilegierten Stände und für den Philosophen. Die ersteren haben sich das Talent, Freiheit angenehm oder nutzbringend zu verwenden, durch ein generationenlanges Training mühsam erworben; der letztere hingegen hat die Freiheit immer und überall, in jeder Lebenslage und unter jeder Regierungsform. Die große Majorität der Menschheit jedoch, die weder durch Züchtung noch durch Philosophie in den Stand gesetzt ist, frei zu sein, würde der trostlosesten Langeweile verfallen, wenn sie nicht durch tausend Zwangsmaßregeln von sich selbst und ihrer inneren Leere abgelenkt würde. Man gebe einem Hafenarbeiter, einem Kommis, einem Turnlehrer oder einem Briefträger die volle Verfügung über seine Zeit und seine Person, und er wird trübsinnig oder zum Schurken werden. Und was noch viel wichtiger ist: man vergißt zumeist, daß die sogenannte freiheitlichere Regierungsform fast immer das einzelne Individuum unfreier macht. Unter dem Absolutismus des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts war der Bürger zu nahezu vollständiger Nullität verurteilt, hingegen spielte sich sein Privatleben in einer Behaglichkeit, Friedlichkeit und Unbehelligtheit ab, von der wir uns heute kaum mehr einen Begriff machen können; unter der konstitutionellen Monarchie des neunzehnten Jahrhunderts bekam er politische Rechte, aber zugleich die allgemeine Wehrpflicht: diese ist aber ganz zweifellos eine weit größere Sklaverei als irgendein Despotismus der früheren Zeit. Denn es gibt wohl kaum ein empfindlicheres Attentat auf die persönliche Freiheit als die Zumutung, sich drei Jahre lang den Befehlen von Personen zu fügen, die mit dem Verfügungsrecht und den Disziplinarmitteln von Kerkermeistern ausgerüstet sind, und auch während der folgenden Jahre immer wieder einige Wochen lang eine ungewohnte und aufreibende Zwangsarbeit zu leisten. Aber auch die konstitutionelle Monarchie pflegt im Laufe der Dinge noch freieren Staatsformen Platz zu machen: der Tyrann wird völlig abgeschafft und das Volk herrscht souverän. Dies hat jedoch fast immer zur Folge, daß das Leben, das bisher nur während der Militärzeit Zuchthauscharakter trug, nun in seiner Gänze zwangsläufig wird. Eine freie Volksregierung mischt sich schlechterdings in alles: sie bemißt die Zahl der Quadratmeter, die der Mensch bewohnen, und die Zahl der Bohnenkörner, die er verkochen darf; sie kontrolliert seinen Lichtverbrauch, seinen Stiefelbedarf, seine Fortbewegungsart und, wenn irgend möglich, auch seine Fortpflanzung, sie hat das eingestandene oder uneingestandene Ideal, aus der menschlichen Gesellschaft ein Internat zu machen: den schlagendsten Beweis liefert gerade die Jakobinerherrschaft. Keine Staatsform kann so viele Torheiten und Gewaltsamkeiten begehen wie die demokratische, denn nur sie hat die organische Überzeugung von ihrer Unfehlbarkeit, Heiligkeit und unbedingten Legitimität. Selbst der absoluteste Monarchismus hat hunderterlei Hemmungen: im persönlichen Verantwortlichkeitsbewußtsein des Regenten (das unter der Demokratie immer auf den unfaßbaren »Volkswillen« abgeschoben wird), in der Hofclique, der Kirche, den Ratgebern und Ministern, der »Nebenregierung«, die sich unvermeidlich um jeden Potentaten ankristallisiert; zudem wirkt in jedem Einzelherrscher die Furcht vor der theoretisch stets möglichen Absetzung. Aber die Regierung des »souveränen Volks« ist durch einen perfiden Zirkelschluß vor jeder Selbstbeschränkung geschützt, denn sie ist im Recht, weil sie der Kollektivwille ist, und sie ist der Kollektivwille, weil sie im Recht ist.

Indes: wenn das Volk auch sehr wenig Empfindung für Freiheit hat, so besitzt es doch sehr viel Empfindung für Unrecht. Es genügt daher, wie wir ergänzend hinzufügen müssen, für den Ausbruch einer Revolution keineswegs, daß es nichts zu essen hat, es muß auch die Empfindung haben, daß es anders sein könnte. Kurz: zu jeder Revolution gehört, um sie komplett zu machen, ein Gedanke oder vielmehr, da die Masse ja eigentliche Gedanken nicht zu fassen vermag, das, was Weininger eine »Henide« genannt hat: das dumpfe, noch unartikulierte, mehr ahnungsmäßige Gefühl von einem Sachverhalt, das (etwa wie eine breite Borte oder Franse) halb unbewußt gewisse Eindrücke begleitet. Im Volk verbreitet sich also allemal vor einer Revolution eine Art Gedankenfranse von einer großen Ungerechtigkeit, einer Mißproportion und generellen Ungleichung in der Verteilung der gesellschaftlichen Lasten und Rechte: diese Welle kann jahre-, ja jahrhundertelang unterirdisch bleiben, aber kein Politiker soll darum glauben, sie werde nicht eines Tages dennoch an die Oberfläche brechen! Auch im geistigen und moralischen Leben gibt es so etwas wie eine Erhaltung der Energie: nichts geht verloren in unserem sittlichen Kosmos und kleine, fast unsichtbare Unrechtmäßigkeiten summieren sich gleich den mikroskopischen Kieselschalen zu Ungeheuern Riffen und Bergen, die das Antlitz der Erde verändern. Die Bourbonen waren ganz allmählich aus glänzenden Heldenkönigen glänzende Nichtstuer geworden, indem sie auf Kosten von Millionen gedrückter, freudloser, unterernährter Arbeitstiere aus ihrem Hof ein vergoldetes gläsernes Treibhaus gemacht hatten, das lediglich der Kultur einiger nutzloser, verkünstelter Luxuspflanzen diente. Das Volk schien das ganz in der Ordnung zu finden, aber eines Tages gab es einen Ungeheuern Ruck und das kostbare Glashaus zersplitterte in tausend Stücke. Die Habsburger hatten mitten in Europa jahrhundertelang eine Herrschaft aufrechterhalten, die an Willkür, Egoismus und Beschränktheit keinerlei Vorbild in der bisherigen Geschichte hatte und auf dem ebenso einfachen wie bequemen Grundsatz aufgebaut war, daß die einzige göttliche Bestimmung der Völker darin bestehe, regiert zu werden. Jahrhundertelang billigten die Völker scheinbar diesen Grundsatz, bis sie eines Tages einstimmig erklärten, er sei vollkommen falsch und unerträglich und kein göttlicher, sondern ein ganz infernalischer Grundsatz. Und so kann man denn sehr wohl sagen: eine jede Revolution hat ihre Geburtsstunde in dem Augenblick, wo irgendein öffentliches Unrecht in irgendeiner menschlichen Seele sich in Erkenntnis verwandelt; dieser erste Lichtstrahl verbreitet sich mit derselben Sicherheit und Unwiderstehlichkeit wie jedes andere irdische Licht, wenn auch mit viel geringerer Geschwindigkeit. Und so trägt denn auch jede Revolution in sich den Keim zur Gegenrevolution, wenn sie von der Bahn der Gerechtigkeit abirrt; das tut sie aber immer. Erst in dem Augenblick, wo die Menschen einsehen werden, daß das beste Geschäft, das sie auf Erden machen können, die Achtung vor den Interessen aller anderen Menschen ist: auf allen Lebensgebieten, öffentlichen wie privaten, geistigen wie praktischen, erst dann wird so etwas wie eine stabile Gesellschaftsform möglich sein. Ob diese dann nach rechts oder nach links orientiert, absolutistisch oder spartakistisch ist, wird ungefähr ebenso wichtig sein wie die Kopfbedeckungen und Eßbestecke, deren sich die Menschen unter ihr bedienen werden."

https://www.projekt-gutenberg.org/friedell/kulturg3/chap03.html


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