Erweiterung: MORT Theory - Mind Over Reality Transition
Hallo @Tar,
wieder ma ein sehr guter Beitrag.
Es gibt in diesen Bereichen der existenziellen Psychodynamik einige, teils schon alte Theorien, hier die MORT - Theorie -relativ neu.
Anbei - Quellen leider nur in Englisch:
Un-denial / MORT Theory
https://un-denial.com/wp-content/uploads/2019/10/ajit-varki-did-human-reality-denial-br...
Hier eine Zusammenfassung der MORT Theorie in Deutsch:
Die MORT-Theorie: Realitätsverweigerung als Ursprung des Menschseins
Quellen:
Grundfrage
Anstatt zu fragen, was den Menschen besonders macht, stellt Ajit Varki (UC San Diego)
die entscheidendere Frage:
Warum haben andere intelligente Sozialspezies wie Schimpansen, Elefanten, Delfine
oder Krähen kein menschenähnliches Gehirn entwickelt?
Dies, obwohl sie seit Millionen von Jahren auf der Erde existieren und klare evolutionäre
Vorteile davon hätten.
Die evolutionäre Barriere
Ein leistungsfähigeres Gehirn mit erweiterter Theory of Mind (ToM) — also der Fähigkeit,
die Gedanken, Absichten und Perspektiven anderer vollständig zu verstehen — hätte als
klarer Fitnessvorteil eigentlich mehrfach entstehen müssen.
Das Problem:
Sobald ein Individuum diese erweiterte ToM entwickelt, begreift es durch die Beobachtung
des Todes anderer zwangsläufig die eigene Sterblichkeit. Diese Erkenntnis führt zu:
• Todesangst
• Depression
• Verringerter Risikobereitschaft
• Gehemmter Fortpflanzung
Die Weitergabe dieser Geneigenschaft wird damit verhindert. Diese sogenannte
"psychologische Evolutionsbarriere" hat alle anderen Arten blockiert.
Der Durchbruch: MORT
MORT steht für "Mind Over Reality Transition" (Geist über die Realität).
Vor etwa 100.000 Jahren durchbrach eine kleine Gruppe von Hominiden in Afrika diese
Barriere durch ein seltenes, gleichzeitiges Auftreten zweier eigentlich maladaptiver
Merkmale:
1. Erweiterte Theory of Mind - Verständnis der Gedankenwelt vieler anderer gleichzeitig
2. Realitätsverweigerung (Reality Denial)
Ein unbewusster Abwehrmechanismus, der unangenehme Fakten — besonders den Tod —
wird ausblendet.
Jedes Merkmal allein wäre ein Nachteil. Gemeinsam jedoch ermöglichten sie, die Todesangst
zu unterdrücken und trotzdem ein leistungsstarkes Gehirn zu entwickeln — ein evolutionärer
Volltreffer.
Realitätsverweigerung als Normalzustand des Menschen
Die Realitätsverweigerung ist laut Varki keine Fehlfunktion, sondern das, was uns zum
Menschen gemacht hat. Sie äußert sich als:
• Optimismus-Bias - Wir glauben, uns persönlich treffen Risiken weniger als andere.
• Irrationale Risikobereitschaft - Übermäßiges Eingehen von Risiken trotz besseren Wissens.
• Magisches Denken und religiöser Glaube - Besonders der in allen Kulturen universelle Glaube an ein Leben nach dem Tod.
• Verleugnung wissenschaftlicher Realitäten - z. B. Klimawandel, Ressourcenerschöpfung, biologische Evolution.
Implikationen
Diese Theorie erklärt nicht nur den Ursprung des Menschen, sondern auch, warum wir
trotz ausreichender Intelligenz nicht angemessen auf unsere eigene Selbstgefährdung
reagieren — etwa durch ökologischen Overshoot, Ressourcenverbrauch oder den Klimawandel.
"Denial ist kein Defekt. Denial ist das, was uns menschlich gemacht hat.
Und Denial könnte uns zerstören." — Rob Mielcarski, un-denial.com (in Anlehnung an Varki & Brower)
Verwandte Konzepte
Terror Management Theory (TMT):
Beschreibt, wie Todesbewusstsein Menschen dazu bringt, Weltanschauungen zu stärken,
die ihr Selbstwertgefühl schützen.
MORT geht tiefer: Es erklärt, warum die Unterdrückung von Todesbewusstsein überhaupt
eine genetische Grundlage hat und einzigartig beim Menschen ist. Das Verhältnis von
MORT zu TMT ist vergleichbar mit dem der Allgemeinen Relativitätstheorie zur
Newtonschen Physik — MORT ist das umfassendere Modell.
Zusammenfassung erstellt auf Basis von:
Varki, A. (2019). Did Human Reality Denial Breach the Evolutionary Psychological
Barrier of Mortality Salience? In: Evolutionary Perspectives on Death.
Springer. DOI: 10.1007/978-3-030-25466-7_6
Kritik:
1. Nicht wirklich neu
Sheldon Solomon (Mitentwickler der Terror Management Theory) weist darauf hin, dass die Grundidee — Verleugnung als evolutionärer Mechanismus gegen Todesangst — in der existenziellen Psychodynamik seit über 50 Jahren bekannt ist, u.a. durch Ernest Beckers Werk "The Denial of Death" (1973).
2. Vereinfachte Kausalität
Scott Atran (Kognitionswissenschaftler, Autor von "In Gods We Trust") argumentiert, dass keine erweiterte Theory of Mind nötig ist: Schon einfache evolutionäre Emotionen wie Überlebenswille und episodisches Gedächtnis reichen aus, um Todesangst zu erzeugen. Der Mechanismus sei weniger spezifisch als Varki annimmt.
3. Nicht falsifizierbar
Dies ist der häufigste wissenschaftliche Einwand: Die Theorie lässt sich experimentell nicht direkt widerlegen, was sie nach klassischem Popper-Kriterium an der Grenze zur Wissenschaft platziert. Varki selbst räumt das ein und sieht MORT eher als eine konsistente Hypothese, die mit allen bekannten Fakten vereinbar ist — ähnlich wie frühe Evolutionstheorie oder Plattentektonik.
4. Übervereinfachung der Kognitionsevolution
Kritiker merken an, dass der beschriebene Zwei-Schritt (erst ToM, dann Denial) wahrscheinlich eine starke Vereinfachung eines komplexen Zusammenspiels vieler kognitiver Module ist.
Gruß,
CenTao