Das ist zu befürchten
Man erlebt es auch in Zusammenhang mit den Gegenkonzepten. Viele der unter 30 Jähren finden Kommunismus und seine Derivate gerade schick. Sie haben keine Vorstellung wie beschissen es in diesen Ländern war und lassen sich von Geschichten a la "Es gab Kita für alle" beeindrucken.
Es ist wirklich interessant wie sich Dinge mit zeitlicher Distanz relativieren:
Ich kann mich noch explizit an die DDR Flüchtlinge der 80er Jahre erinnern und wie erschütternd deren Armseligkeit auf uns wirkte. D.H. Kleidung grottenhässlich und 20 Jahre hinterher, Autos - technisch Museumsreife Dreckschleudern, Frisuren etc... Trips in den Osten - Schwarze abgefuckte Häuser bis weit in die 2000er hinein. Einfach grindig. Ende der 90er machten wir noch Urlaube um uns spasseshalber den Resten dieser Armseligkeit auszusetzen.
Sieht man sich heute auf Youtube aber Footage dieser Zeit auf, erkennt man praktisch keinen Unterschied in der Kleidung etc... die Nuancen verwischen und somit weicht die subjektive Schärfe der Wahrnehmung in der Zeit, einer "objektiven" unschärfe. Man sieht zwei Systeme aber nicht mehr den qualitativen Unterschied.
Hinzu kommt noch, dass man in der Alterskohorte 30-50 viele hat, die den Fall des Ostens als Kinder von Systemschranzen erlebt haben und für die damit ein Niedergang im gesellschaftlichen und ökonomischen Status verbunden war. Es reichte nicht mehr bei der Partei zu sein. Ergo dessen wurde die "gute alte Zeit" bejammert. Auch dieses Narrativ trifft man heute oft an - auch bei Osteuropäern.
Es scheint also in unserer Natur zu liegen, uns eher an die positiven als an die entsetzlichen Aspekte einer Sache zu erinnern. Mit kapitalistischen Krisen dürfte es ähnlich gelagert sein. Wenn ich durch mein Wien wandle ergötze ich mich auch lieber an den gründerzeitlichen Fassaden der Häuser als darüber nachzudenken in welch elenden Verhältnissen deren Erbauer leben mussten. Die Touristen stürmen das Sissi Museum und die Schatzkammer - das bleibt von dieser Epoche in Erinnerung!