Meine Wahrnehmung ist etwas anders

Plancius, Dienstag, 12.05.2020, 09:02 (vor 2085 Tagen) @ nereus5972 Views
bearbeitet von Plancius, Dienstag, 12.05.2020, 09:17

Hallo @nereus,

ich sehe bisher noch keinen Druck im Kessel steigen. Diese Wahrnehmung kann man jedoch haben, wenn man in seiner Filterblase bleibt und sich hier und in den Alternativmedien tummelt. Aber selbst hier im Gelben, in unserer Filterblase also, ist die Meinung zu Corona tief gespalten.

Die öffentliche Meinung wird, wenn überhaupt, erst kippen, wenn die Leute den Gürtel signifikant enger schnallen müssen. Selbst hier kann es aber noch sein, dass die Leute es akzeptieren, den Preis des eigenen wirtschaftlichen Abstiegs bereit sind zu zahlen, wenn im Gegenzug die todbringende Seuche eingedämmt wird. Man kann Menschen für alles manipulieren. Sektenmitglieder opfern auch ihr ganzes Vermögen, ihre wirtschaftliche Existenz, töten sich selbst und auch ihre Kinder, wenn sie von einem kollektiven Wahn befallen sind.

Sehen wir uns aber doch mal die Fakten an: Zur Zeit gibt es ca. 10 Millionen Kurzarbeiter, die Arbeitslosigkeit ist, trotz eines kolossalen wirtschaftlichen Einbruchs, nur geringfügig gestiegen. Abgesehen von den Arbeitslosen - hat denn die Kurzarbeit zu nennenswerten Einkommensverlusten bei den Betroffenen geführt? Ich behaupte - nein. Da viele meiner Kunden und auch Freunde und Bekannte von Kurzarbeit betroffen sind, spreche ich sie in Gesprächen und Telefonaten auf das Thema an.

Bei einer Gruppe, z.B. Automobilwerke (VW usw.) und im Gesundheitswesen, wird das Kurzarbeitergeld seitens des Arbeitgebers auf 100% des letzten Nettogehalts aufgestockt. Und hier sprechen wir, gerade was die Automobilwerke betrifft, von Null-Stunden Kurzarbeit, d.h. die Beschäftigten bekommen seit ca. 2 Monaten ihr volles Gehalt für Nichtstun ohne Abzug vom Urlaubsanspruch.

Die andere Gruppe fängt den Einkommensverlust auf, indem der Arbeitgeber (zumeist mittelständische oder große Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe) das Kurzarbeitergeld auf ca. 90% des letzten Nettogehalts aufstockt und die Beschäftigten hierfür jeden Monat einige Tage (z.B. 3 - 7) ihres Urlaubsanspruchs opfern müssen. Diese Gruppe von Beschäftigten geht auch noch mehr oder weniger arbeiten.

Diejenigen, die bereits jetzt mit harten Einkommenseinbußen zurecht kommen müssen, sind die prekär Beschäftigten in Hotellerie, Gaststättengewerbe, Handel und Dienstleistungen, die entweder entlassen wurden oder deren Kurzarbeitergeld nicht seitens des Arbeitgebers aufgestockt wird.

Auch viele Selbstständige sind mit drastischen Umsatzeinbußen konfrontiert. Aber auch hier ist man wohl noch mehrheitlich guter Laune, weil viele überrascht worden sind, wie schnell und ohne weitere Prüfungen das staatliche Füllhorn über sie ausgeschüttet wurde.

Erhellend war für mich am Sonntag mal wieder ein Gespräch mit dem Chef eines Ausflugsrestaurants auf dem Darß, der nach vielen Wochen erstmals wieder öffnen durfte. Gefragt nach seiner Einschätzung der Situation, antwortete er mir, dass die gegenwärtige Lage natürlich sehr hart für ihn sei, die Maßnahmen der Regierung jedoch korrekt seien. Der Gesundheitsschutz hat oberste Priorität, auch wenn er darunter besonders leiden müsse. Auch die Kellnerin war trotz mehrwöchigen Einkommensverlusts voll auf Regierungslinie. Sie lobte sogar ausdrücklich die besondere Kompetenz von Ministerpräsidentin Schwesig.

Eigentlich sind im privaten Umfeld keine Klagen über wirtschaftliche Probleme wegen Corona zu vermelden. Man frotzelt eher über die Maskenpflicht und macht seine Witze über bestimmte Maßnahmen. Insbesondere beklagt man den Zeitverlust beim Einkauf, weil man jetzt auf Einkaufswagen, Desinfektion usw. länger warten muss. Sonst ist der WhatsApp-Status jetzt voll von den Freizeitaktivitäten der kurzarbeitenden Freunde und Bekannten, die sich darüber ärgern, dass sie nicht in Urlaub fahren können, sondern die Zeit mit Radtouren oder Baumaßnahmen in Haus und Garten totschlagen.

Resümee: Noch ist die Stimmung mehrheitlich gut. Aber wenn wir in eine wirkliche Despression abgleiten, der Jahresurlaub nicht mehr gegen Geld verkauft werden kann, die Kassen der größeren Betriebe leer sind und auch der Staat seine Reserven aufgebraucht hat, dann werden die Karten neu gemischt. Sollte die Wirtschaft nicht in einen baldigen U-Turn mit rascher Erholung geraten, könnte dies im Herbst der Fall sein.

Gruß Plancius

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"Natürlicher Verstand kann fast jeden Grad an Bildung ersetzen, aber keine Bildung den natürlichen Verstand." ARTHUR SCHOPENHAUER


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