Dem Wortstamm nach

kieselflink, Freitag, 13.12.2019, 21:17 (vor 720 Tagen) @ nereus1039 Views

Hallo nereus,

Diese Definition ist sicher Geschmacks- oder Glaubenssache.
Ich finde sie recht gelungen.

Ich stimme Dir zu. Muss man erst mal so in Worte fassen können.

Mir fehlt da aber noch etwas.

Etwas, das schon im Wortstamm steckt: Der Sund.

Man kennt das z.B: von der Stadt Stralsund. Sie liegt am Strelasund, dem Ostseearm, der das Festland und die Insel Rügen voneinander trennt.

Insofern beschreibt Sünde mehr einen Zustand als zu missbilligende Taten. Letztere sind 'nur' eine schlimme Folge aus ersterem.

Nach biblischem Verständnis wird man nicht Sünder durch eine oder mehrere Verfehlungen gegenüber moralischen und/oder ethischen Regeln. Vielmehr wird man schon als Sünder geboren.

Der Zustand der Sünde beschreibt das Getrenntsein des einzelnen Menschen von seinem Schöpfer durch einem Sund. Es beschreibt auch die willentliche Abkehr des Geschöpfes von seinem Schöpfer. Der Mensch setzt sich selbst als Gott ein.

Der Mensch als Gott bestimmt nun selbst, was gut und böse sei.
Gerne auch demokratisch, wie unser Tempranillo immer wieder zu berichten weiß.

Die sichtbaren Folgen beschreiben und diskutieren wir auch in diesem Forum seit fast 20 Jahren.

Man merkt - insbesondere bei Führungspersonen - sehr schnell, ob der betreffende Mensch über sich geistig eine Stahlbetondecke eingezogen hat a la "Über mir kommt nichts mehr". Oder ob sich der Mensch bei all seinem Reden und Handeln bewusst macht, dass er möglicherweise einmal Rechenschaft ablegen muss über all das, was er geleistet oder auch unterlassen hat...


Soweit ich es verstanden habe, geht es in allen ausnahmslos Religionen darum, wie diese Trennung überwunden werden kann: Durch lebenslanges ethisch einwandfreies Handeln und Aufsteigen durch Reinkarnation, durch Selbstkasteiung, durch Ablass u.s.w.

Die so genannte "Gute Nachricht" von der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus steht dem diametral entgegen. Da der Mensch den Sund nicht bezwingen kann, kommt die Initiative von der anderen Seite.

Der gekreuzigte Jesus wurde in der frühen Kirche auch Pontifex genannt, auf deutsch: Brückenbauer. Nach neutestamentlicher Lehre schlägt Jesus durch seine eigenen Existenz und stellvertretendes Opfer die Brücke über den Sund und macht damit den Weg frei zum Urquell des Seins - zum Vater in den Himmeln. Wer diese zuverlässige Brücke betritt, der findet nicht nur zu Gott, sondern immer auch zu seinen Brüdern und Schwestern.

Der erste Schritt dahin ist die Buße (Umkehr; Eingeständnis der eigenen Rettungsbedürftigkeit), es folgt die bedingungslose (kosten-/ablassfreie) Vergebung und die Neugeburt im Geist.

Danach ist der neue Mensch quasi in Christus eingehüllt. Trotz der immer noch anhaftenden irdischen Verfehlungen ist der neue Mensch aus der Sicht Gottes rein.

Die Katholische Religion des Ablasses hingegen finde ich besonders perfide, da sie dem Deliquenten doch die (scheinbare) Möglichkeit eröffnete (und wohl noch immer eröffnet), sich von Verfehlungen (meist gegen Geld) freizukaufen - sogar von zukünftigen. Wozu also sein Leben ändern?!

Was ist nun der Unterschied zum wiedergeborenen Gläubigen? Letzterer bleibt aus irdischer Sicht "Sünder", wird also immer noch "sündigen" im Sinne von "es nicht zu schaffen, immer Gott zu lieben von ganzem Herzen und seinen Nächsten wie sich selbst".

Er wird aber unter diesem Zustand leiden und sich - der täglichen Vergebung bedürftig - immer wieder zum gnädigen Gott flüchten über die Person Jesus Christus.

Ersterer kennt diese Gewissensbisse kaum oder nicht.

Aus dieser Perspektive erscheint das ganze Gebilde des Vatikans, welches Du, nereus, uns ja mehr als nur einmal vor Augen gemalt hast, in einem ganz beachtenswerten Licht.

Dass Luther dieses für Wenige sehr einträgliche Geschäft des Ablasshandels nachhaltig und zurecht zerstört hat - zusammen mit seiner Bibelübersetzung ins Deutsche und dem qua Vorläufer des Internet - dem Buchdruck Gutenbergs, machte ihn schnell zur persona non grata.

Wo kommen wir denn hin, wenn das gemeine Volk jenen auf die Finger schauen kann, welche die Regeln stricken?!

Wer mal in Wittenberg ist, möge sich einen Besuch im Panometer gönnen: www.wittenberg360.de - das ist ein Stück deutsche Geschichte zum Begreifen, die bis heute wirkt.

Und irgenwie wiederholt sich alles vor unseren Augen. Wenn man nur sehen will.

my 2 cent
und sorry - schon wieder zu viel Text.
Die Kunst besteht im Weglassen und da bin ich nach wie vor ein blutiger Anfänger...

--
cheers - kieselflink


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