Interessante Sichtweise

helmut-1, Siebenbürgen, Dienstag, 08.01.2019, 12:02 (vor 551 Tagen) @ Gernot2716 Views

Hallo Gernot,

natürlich geht das teilweise schon ins Philosophische, aber trotzdem - oder gerade deswegen - kann man darüber seine eigenen Gedanken entwickeln.

Ich glaube, Heimat ist dort, wo Menschen leben, mit denen man auf irgendeine, vielleicht subtile Weise, mehr gemeinsam hat als mit fremden Menschen in deren jeweiliger Heimat.

Diese Definition würde ich auf den Begriff "Wahlheimat" beschränken. Ich finde mich selbst bei dieser Definition wieder. Und zwar bei meinen Bewertungen für Siebenbürgen, wo man mich schon oft gefragt hat, was mich denn daran so fasziniert, und ich dort geblieben bin.

Es ist die Ursprünglichkeit, die ungekünstelte Echtheit der Mentialitäten, sowie die Beobachtung, dass auch heute, - wie vor 1000 Jahren - hier drei Nationen Tür an Tür leben, die das Hochhalten ihrer nationalen Tradition als Bereicherung sehen, ähnlich wie bei den drei Nationen in der Schweiz.

Ich erinnere mich daran, als wir bei uns im Hof eine deutsche Blaskapelle zu Besuch hatten und der Klang natürlich über die Häuserzeilen hinweg ging, dass am nächsten Tag die Nachbarn (Ungarn, Rumänen) zu mir kamen und mir vorschwärmten, wie schön sie das empfunden hätten, es würde sie an die alten Zeiten erinnern, als noch mehr Deutsche hier lebten.

Wenn ich Deine Definition nochmal lese, dann trifft es das genau und man kann es wie eine Blaupause für mein genanntes Beispiel aus Rumänien empfinden.

Anders ist es mit der echten Heimat. Dass Du mittlerweile in Berlin zu einer Minderheit gehörst, wird den Begriff der Heimat nicht verändern. Auch Kirsten Heisig empfand das nach wie vor als Heimat, und Buschkowski tut es heute noch. Mit Sicherheit wird der Begriff "Heimat" von Gefühlen wie Wehmut, Frust und Aussichtslosigkeit überlagert werden. Trotzdem ist Berlin einfach "mehr", wenn man dort geboren und aufgewachsen ist.

Ich habe bis jetzt keine bessere Definition gefunden als die von Reinhard Mey. Mit keinem Wort hat er das Wort "Berlin" in seinem Lied erwähnt, - aber auch ich als Wiener kann jede Zeile, jedes Wort in seinem Lied nachvollziehen, weil ich es persönlich kennengelernt habe, noch in der Zeit, als durch Berlin noch der Stacheldraht ging.

https://www.youtube.com/watch?v=KhYAg5cbXQA

Vielleicht habe ich etwas nicht klar definiert: Wenn ich von über 50 zur Erkundung der Wurzeln gesprochen habe, dann habe ich das auf die 200%igen übertragen, die mit vollem Brustton der Meinung sind, dass der Kosmopolit überall zufrieden leben kann. Spätestens dann klingelts auch bei diesen Leuten.

Natürlich gibt es auch Leute, die schon in viel jüngeren Jahren das Wesentliche erkennen, - aber leider sind die heutzutage in der Minderheit. Aber es ist gut, dass es sie gibt. Wichtig ist, dass jeder junge Mensch viel in fremde Länder reist. Dadurch hat er die Möglichkeit, aus dem engen Bereich seines Domizils im Wohnblock herauszukommen und die Sache "von oben" zu sehen.

Ich hatte das "aha-Erlebnis" als 20-jähriger, als mir als Österreicher das Land Bayern als "Ausland" bekannt war. Als wir mit zwei Bayern auf der Fähre von Hammerfest Richtung Nordkap ins Gespräch kamen, da merkte ich das erste Mal, dass es da was gibt, was länderübergreifend wirkt, - nämlich der Begriff "Nation". Sowas wie ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Da haben wir als junge Spritzer gemerkt, wo es Gemeinsamkeiten gibt, die einem, - solange er in Wien im 15. Bezirk im 21er Haus lebt, nie auffallen würden.

Deshalb habe ich auch meine Kinder immer ermutigt, ins Ausland zu gehen, weil sich erst dadurch der Horizont erweitert. Nachdenklich macht mich allerdings, dass mein Jüngster nach längerem Aufenthalt in Deutschland sagt, dass das nicht "sein Land" wäre. Was soviel bedeutet, dass er sich dort nicht wohl fühlt. Ein Land, in dem ich mich als Österreicher in den 70er Jahren voll entfalten konnte.

Mit Sicherheit wird es auch dort Patrioten geben, auch Leute, die das dort als ihre Heimat definieren. Aber ich kann die Problematik, den Widerspruch, die Zerrissenheit nachvollziehen, die in diesem Begriff in der heutigen Zeit steckt.


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