Debitismus & Angst: @nereus ↔ @dottore
Hallo Dieter
Ich denke, dass dazu
Hallo Ostfriese,
in Bezug auf das System gibt es keine Angst (zumindest bei mir, nur Gegnerschaft), darauf Reaktion in vielfältiger Weise, teilweise auch Aktion.Gruß Dieter
passt:
Von Dottores Antwort …
https://archiv.dasgelbeforum.net/ewf2000/forum_entry.php?id=45144 Re: Plädoyer für den Debitismus - ich kann nicht anders. Ich auch nicht! verfasst von dottore, 27.02.2001, 18:20
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Hi nereus,
was Du geschrieben hast, ging wirklich unter die Haut. Schon allein deshalb herzlichen Dank, zumal wir uns angewöhnt haben, nicht mehr subkutan zu denken, also radikal und damit den Dingen auf den Grund zu gehen und zwar so, wie sie s i n d und nicht so, wie sie sein könnten oder sollten.
Ich darf mich Dir als Schicksalsgenosse an die Seite stellen. Die Sache mit dem Debitismus (also immer etwas tun zu m ü s s e n) hatte ich in jahrelanger Arbeit entwickelt (nach vielen Anregungen, H&S, Prof. Malik, St. Gallen und vor allem durch viele, nicht der traditionellen Ökonomie verhafteten Naturwissenschaftler, die bekanntlich leidenschaftslos und präzise denken). Das war nicht unbedingt ein Entschuldungsversuch, sondern Arbeit freiwillig und nebenbei, auch wenn's Buchtantiemen eingebracht hat.
Ich war ein sog. Star-Journalist, Bestseller-Autor und großer Vortragsredner. Und aufgestiegen bin ich - nach Jahren freier Tätigkeit - bis in die Position der Nr. 2 bei Bild, was gut bezahlt wurde.
Jetzt bin ich ausgeschieden. De facto also arbeitslos. Und wie geht's mir heute? Ehrlich gesagt nicht so doll, weil in mir mehr und mehr die Frage nagt: Wie bringe ich mich und die Meinen (große Tochter verheiratet, großer Sohn gottseidank fertig studiert als Arzt in USA, aber drei kleine Kinder 13 bis 16 müssen auch noch auf den Weg gebracht werden, dazu Unterhaltsverpflichtungen usw.) - wie die Meinen also durch die nächsten Jahre? Und mich dazu?
Gewiss, ich bin nicht arm, wie sich jeder denken kann. Aber die dauernde Ungewissheit, ob's denn reichen wird! Mit 61 ist das Existenzdruck pur! Und wenn ich dem Stand halten soll (Urschuld, Urschuld), muss ich also jeden Tag aufs Neue versuchen, durch Nutzen meiner Talente etwas zu verdienen.
Heute habe ich einen Beitrag über Historische Wertpapiere geschrieben, morgen werden's 300 Zeilen über Aufstieg und Fall diverser Herren für die Bunte. Übermorgen fahre ich nach MUC, um die Versteigerung eines Teils meiner Sammlungen (Katalog usw.) zu überwachen (nicht die Geld-Sammlung!).
Vielleicht bringt auch das wieder einen größeren Betrag, aber obs dann damit reicht? Ich weiß nicht, ich weiß nicht.
Obwohl ich theoretisch eigentlich nur durchgespielt hatte, um zu sehen, wie weit mein Scharfsinn reicht, bin ich jetzt selbst ein Debitismus-Opfer in der Praxis. Ich bin und bleibe Teil dieser Ökonomie und dieser Welt, die ebenso ist, wie beschrieben und wie Du sie ebenfalls bestens beschrieben hast.
Und ich glaube, dieses Gefühl, unter Druck zu stehen, weil man nie wissen kann und mit zunehmendem Alter immer weniger Kraft haben wird, diesem Druck zu entkommen, wird mich jetzt nie mehr verlassen. Damit muss ich halt fertig werden, und wundersame Rezepte, wie die Welt und ihre Menschen aus diesem Druck entlassen werden könnten - die sehe ich nicht.
Ein sehr nachdenklicher (und nicht mehr so locker-froher wie früher)
d.,
der sehr herzlich grüßt. Und der wieder Teil des Motors ist, der alles in Wirklichkeit vorantreibt. Davon, dass mir jemand sagt, ich könnte mit Tauschen (was denn wohl sollte ICH produzieren, ich kann nicht Mal einen Nagel in die Wand kloppen?) oder mit einem gesunden Geldsystem der latenten Überschuldungsangst entkommen, habe ich absolut rein gar nichts.
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… zu @nereus' Thread
https://archiv.dasgelbeforum.net/ewf2000/forum_entry.php?id=45114 Plädoyer für den Debitismus - ich kann nicht anders. Ich auch nicht! verfasst von nereus, 27.02.2001, 18:20
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Hallo Oldy, Reinhard, dottore und die es noch interessiert!
Ich habe mal vorsichtig versucht, alle dargelegten Argumente der Gelddiskussion der letzten Tage gegeneinander abzuwiegen.
Da ich weder BWL studiert habe, noch Bankkaufmann von Beruf bin, bleibt mir nur noch mein Verstand, und etwas Logik, um die Dinge zu durchschauen oder es vielleicht auch nicht zu blicken.
In jeder hier vorgebrachten Äußerung steckt eine Menge Wahrheit und der Anspruch die Wirtschaft bzw. das Geld von allen Seiten zu betrachten.
Aber letztendlich können und müssen sich alle theoretischen Diskussionen auch einem Praxistest unterziehen.
Insgeheim wünschen können wir uns eine ganze Menge. Ob sich dann die Wünsche auch realisieren lassen, steht auf einem anderen Blatt.
Ich denke allen Vorstellungen von einer Menschheit, die nur durch massiven operativen Gehirneingriff von ihren schlechten Seiten befreit werden können, erteilt man von an Anfang an eine Abfuhr.
Kann mich noch gut daran erinnern, wie in quälenden nächtlichen Diskussionen darüber nachgehirnt wurde, warum manche Theorie so prächtig erscheint, aber die Praxis dann so miserabel ausfällt.
Siehe Sozialismus/Kommunismus oder eine DDR ohne Einheitspartei aber trotzdem mit Volkseigentum.
Endresultat war dann zumeist - die Menschen müssen sich ändern.
Nun muß ich mit meinen vierzig Jahren, aber leider feststellen, die Menschheit ändert sich nicht.
Sie bleibt, wie sie ist, und soo schlecht ist sie eigentlich auch nicht.
Wenn wir uns jetzt z.B. darüber aufregen, daß im Mittelalter Tausende einer Hinrichtung beiwohnten, frage ich mich, ob nicht heute ebenfalls die gleichen Menschenmengen (das sind diesmal wirklich Mengen) erscheinen würden, um dem grausigen Vorgang live zu verfolgen. Ich möchte hier nur mal an die allseits beliebten Gafferstaus erinnern. Hier ist wunderbar das durchaus vorhandene Mitleid mit den Unfallopfern, aber auch die nun offen zur Schau gestellte Sensationslüsternheit zu sehen.
Und so ist es fast überall. Trotz technischen Fortschritts hat sich hinsichtlich moralischer Fragen nur wenig geändert. Die Philosophen im alten Griechenland mokierten sich fast mit den gleichen Argumenten über die Jugend, wie die Alten es heute wieder tun.
Warum dieser Umweg bei einer Gelddiskussion?
Klipp und klar, wir müssen die Leute/die Gesellschaft nehmen, wie sie sind/ist und nicht, wie man sie vielleicht gerne hätte.
Und meine geringe Lebenserfahrung sagt mir schlicht und einfach - ein bisschen Druck muß sein.
Sonst wird es nichts.
Da schrieb @Dimi z.B.
Spezialisierung gibt es aus Gründen der Tradition, der unterschiedlichen Beschaffenheit eines Gebiets, aus individueller Unterschiedlichkeit usw..
Der Nutzen von Spezialisierung und Tausch in solchen Gesellschaften ist z.B.
- Höhere Vielfalt (z.B. größerer Speisezettel)
- Insgesamt mehr Produkte, da spezialisierte Tätigkeit effizienter
- Soziale Kontakte, Feste, ?Frieden zum Nachbardorf
- Optionen für Notfall (Landbewohner können bei Mißernte ins Fischerdorf usw.)
@Oldy schrieb: Der Motor in meinem System, und auch bei Reinhard ist der, daß in einer arbeitsteiligen Marktwirtschaft jeder Waren produziert, die er eigentlich selber nicht braucht. Wenn er sie verkaufen will, zwingt ihn die Konkurrenz dazu, daß er brauchbare und preisgünstige Ware erzeugen muß.
und dann noch: Die Debististen machen daraus eine Konstruktion Urschuld genannt.
Lieber @Dimi! Es mag schon sein, da Spezialisierung sich aus vielen individuellen Unterschieden herleiten läßt.
Es ist sogar ganz sicher so.
Aber wische doch mal alle Vielfalt, sozialen Kontakte und Produktauswahl beiseite. Was bleibt denn dann noch übrig? Wer schützt uns denn vor'm Verhungern und Verdursten, wenn nicht irgendjemand sich unserer erbarmt.
Warum springt der Spezialist in die Marktlücke? Weil ihm die Thematik vielleicht auf den Leib geschneidert ist, das kann schon sein, aber vor allem, weil er Geld verdienen will. Nicht nur will, er muß es sogar.
Wenn alle am Hungertuch nagen, ist es mit den sozialen Kontakten eh nicht mehr weit her.
Dann werden wieder die Messer gewetzt.
Dottores immerwährender Bezug auf die Geschichte ist absolut einzusehen. Auch wenn man nicht alle Tontäfelchen und Schriftrollen eigenhändig nachprüfen möchte.
Wir reden ja hier von einer Gesellschaft mit Millionen von Mitgliedern und nicht von umherziehenden Stammeshorden der Urzeit.
Es ist nicht so wichtig, wie es vielleicht sein könnte, sondern wie es vielleicht schon mal war.
@Oldy, Du schreibst, der Motor ist die Produktion von Waren, die man selbst nicht benötigt, aber zum Kauf anbietet. Aber warum bietet man denn diese Güter dann zum Kauf an. Doch nicht nur um einen guten Eindruck zu machen? Und die lästige Konkurrenz produziert auch noch Güter. Warum machen die denn das?
Sicherlich möchte man sein eigener Herr sein, man will sein Schicksal selbst bestimmen und möchte etwas auf den Weg bringen. Aber das kann man auch in den Urwäldern Sibiriens, der Wüste Gobi oder dem afrikanischen Dschungel, natürlich nur nach dem Selbstversorgerprinzip.
Aber in unseren Gefilden kann man sich eben nicht mehr so ganz ausklinken.
Wenn wir alle guten Wünsche, Selbstverwirklichungen und guten Nachbarschaftsverhältnisse mal beiseiteschieben. Was bleibt denn dann noch übrig? Wer schützt uns denn vor'm Verhungern und Verdursten, wenn nicht irgendjemand sich unserer erbarmt.
Habe ich gerade schon mal geschrieben, ich weiß.
Aber reißt doch den vielschichtigen Vorhang endlich mal zur Seite. Macht es doch mal wie der Pathologe oder Chirurg, bis das Gerippe zum Vorschein kommt.
Warum wirtschaften Menschen? Nicht weil es so viel Spaß macht oder weil wir anderen eine Freude machen wollen. Wir müssen es tun, weil wir sonst keine Überlebenschance haben.
Und wenn wir es nicht selbst tun, muß diese Last ein anderer tragen.
Ob man es Urschuld nennt, oder wie auch immer. Dieses Etwas ist aber da, ob uns das nun paßt oder nicht.
Das ist der wirkliche Motor. Wir müssen Benzin in den Tank schütten. Nicht, wenn wir es gerne möchten, sondern wenn das Fahrzeug oder die Maschine es will
Es wird gewirtschaftet, weil der Mensch Bedürfnisse hat, so steht es in den Lehrbüchern.
Ja ja, wenn ich ein dringendes Bedürfnis habe, muß ich eben mal um's Eck gehen und wenn ich das Bedürfnis nicht rechtzeitig befriedigt habe, dann scheiße ich eben in die Hose.
Je mehr hier um den Debitismus diskutiert wird, desto mehr keimt in mir der Verdacht auf, daß er wohl das beste Verständnis für die Wirtschaft liefert. Trotz aller bitterer Wahrheiten mit Untergang, Krisen und Sachzwängen.
Nein, nicht trotz, sondern gerade wegen. Gute Medizin schmeckt eben manchmal auch bitter.
Und zu guter Letzt vielleicht noch das. Ich habe weder die Krisenschaukel geschenkt bekommen, mir auch kein Abo bezahlen lassen und mir wird auch keine Zentimeterscheibe vom Russenriegel abgesägt.
Ich habe nur meine Sinne gebraucht und das ist das Ergebnis.
mfG
nereus
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Gruß - Ostfriese