Welche Risikolosigkeit? Nichts ist risikolos.
Hallo Martin,
Man hat vermutlich seit Lehman gelernt, aber damals waren die Gegenpositionen (zehntausende Derivatekontrakte mit unterschiedlichen Dokumentationsstandards
Nix unterschiedliche Dokumentationsstandards! Mittlerweile kannst Du z.B. das sündhaft teure Dokument "ISDA Master 2002" im Netz kostenlos herunterladen. Was der aktuelle Standard ist, ob es einen gibt, weiß ich nicht. Der von 2002 ist in englischer Sprache gehalten und da sollte auch alles zum Thema "Confirmations" drinstehen. Ob's für Nichtfinanzler verständlich ist, kann ich nicht beurteilen.
und teils nicht digitalisiert)
Das glaube ich nicht. Zur Zeiten der Finanzmarktkrise hatte vermutlich jeder Bankakteur ein Buchungssystem für Derivate, Endkunden vermutlich weniger.
teils nicht auffindbar. Über Monate mussten diese manuell u.a. bei Clearingstellen
Nicht auffindbar vielleicht, weil die Mitarbeiter weg waren.
Clearingstellen gab es nicht. Das kam viel später.
und Banken rekonstruiert werden (Halter von Gegenpositionen, hinterlegte Sicherheiten, usw.).
Bei den Amis scheint das ja mit dem Hire und Fire so zu sein, dass Du sofort entlassen wirst und nicht mehr hereinkommst. Man hätte die wichtigen Leute, sprich IT-Betrieb, Handels- und Derivate-Back-Office an die Kette legen müssen. Am besten gleich im Tresorraum einsperren, falls vorhanden.
Heutzutage müssen die Bank ja Testamente für sich schreiben. Ob das funktioniert? Ich bezweifele das.
Ich weiß nicht, wie über diese Zeit genau der Zustand stabil gehalten werden konnte, erinnere mich nur, dass die AIG gigantische Sicherheiten hätte nachschießen müssen und ohne staatliche Hilfe in kürzester Zeit insolvent gewesen wäre.
Dazu habe ich genügend geschrieben, zum Unterschied zwischen AIG und Lehmann.
Ich weiß nicht, wie heute ein Ausfall einer größeren Gegenpartei abgefedert würde,
Ich weiß nicht, was Du mit "abfedern" meinst. Das ist so ein Wischiwaschi-Wort.
gerade auch im unregulierten Bereich. Was aber würde passieren, wenn beteiligte Systeme ausfielen, vielleicht zu ungünstigen Zeitpunkten, oder wenn diese Systeme an einer vulnerablen Stelle gehackt würden? Nur so als Beispiel. Gute Kenner der Systeme würden vielleicht noch konkreter fragen.
Es gibt da einen Spruch, der lautet, dass eine Bank, deren Systeme drei Tage lang ausgefallen sind, tot ist.
Ein großer Teil der abgeschlossenen OTC-Derivate wird gleichtägig von beiden Kontrahenten an ein Clearinghaus übertragen. Das Clearinghaus berechnet den Wert der Derivatepositionen und ermittelt über alle Einzelgeschäfte Zahl- bzw. "Empfangsbeträge" für alle Bankenkunden (Bank ist Kunde des Clearinghaus, es geht hier nicht um Dich und mich als Kontoinhaber bei einer Bank), so dass die Summer der Marktwerte der Derivate für alle abgesichert ist.
Wenn das Clearinghaus nicht funktioniert, gibt es keine Zahlungen.
Inwieweit eine Bank z.B. Staatsanleihen als Sicherheit beim Clearinghaus hinterlegen kann, weiß ich nicht.
Keine Zahlungen empfangen bedeutet, dass Banken, wo die Summe der Marktwerte sich verbessern, z.B. von -23 Mio. auf -18 Mio oder von +5 Mio. auf +12 Mio., kein Geld kriegen. Sie haben dann unbesicherte Forderungen gegenüber dem Clearinghaus. Unbesicherte Forderungen stellen Kreditrisiken dar - die könnten ausfallen.
Es ist in Deutschland schon mal vorgekommen, das ausl. IT-Mitarbeiter die Admin-Accounts der Inländer löschten und dann ihren Arbeitgeber erpressten. Da musste die Bank dann Microsoft-Mitarbeiter zur Lösung des Problems einfliegen.
Gruß
paranoia
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Ich sage "Ja!" zu Alkohol und Hunden.