Warum ist die Gastronomie in vielen Ländern des "alten" westlichen Europa im Niedergang begriffen?
Warum ist die Gastronomie in vielen Ländern des "alten" westlichen Europa im Niedergang begriffen?
Dieses Jahr konnte ich erstmalig seit etlichen Jahren nicht mehr in meinem angestammten Gasthaus vor Ort Silvester feiern. Aussage: Wir finden kein Personal für diese Veranstaltung.
Der Niedergang von Hotellerie und Gastronomie ist kein lokales Problem, sondern ist ein Vorgang, den man im ganzen Land beobachten kann. Im Osten sicher deutlicher als im Westen und deutsche Gastrobetriebe geben auch häufiger auf als jene, die von Ausländern betrieben werden. Im Westen gibt es noch viele Familienbetriebe, wo die ganze Familie mit ran muss, so dass sie weniger auf externe Arbeitskräfte angewiesen sind. Und die von Ausländern betriebenen Gastrobetriebe und Hotels werden sowieso überwiegend vom Familienclan bewirtschaftet. Aber auch im Westen sterben Hotels und Gaststätten, weil die Kinder lieber BWL und Soziologie studieren als die Nachfolge im Familienbetrieb anzutreten.
In M-V ist der Umsatz in der Gastronomie im letzten Jahr real um mehr als 15% im Vergleich zu 2019 gesunken. Fast jede Woche steht im Nordkurier ein Artikel über ein alteingesessenes Restaurant oder Hotel, das aufgegeben wird. Entweder schließt der Betrieb komplett oder man beschränkt sich nur noch auf Catering und das Ausrichten von Feiern.
https://www.dehoga-mv.de/artikel/halbjahresbilanz-gastgewerbe-2025-sechstes-verlustjahr...
Und es ist mitnichten so, dass die Leute hier nicht mehr gern auswärts essen oder feiern gehen. Nein, es ist schlichtweg der Mangel an Personal. Niemand möchte mehr abends oder an Wochenenden und Feiertagen arbeiten. Dabei ist das Klientel, das früher in dieser Branche in der Küche und im Service gearbeitet hat, immer noch vorhanden und sogar wachsend. Es gibt nach wie vor eine Menge Leute, die mit sich und ihrem Leben nichts anzufangen wissen, die keine Hobbies haben, die kein Ehrenamt innehaben, sich nicht gesellschaftlich engagieren, für die jeder Tag gleich ist, für die es kein Unterschied ist, ob Mittwoch oder Sonntag ist.
Diese Klientel, aus denen der Dienstleistungssektor eigentlich sein Personal rekrutiert, sitzt aber jetzt immer mehr, mit Bürgergeld alimentiert, auf der Couch und vertrödelt sein Leben. Jeder Euro, den sie ggfs. noch dazuverdienen möchten, wird ihnen vom Jobcenter über einen geringen Freibetrag hinaus wieder abgezogen.
In den Touristenorten an der Ostsee und auch im Binnenland werden Hotellerie und Gastronomie vorwiegend von Polen am Leben erhalten. Vielerorts sind aber jetzt auch Vietnamesen und Philippinos beschäftigt. Die Polen gehen ja nach und nach nach Hause.
Was in Deutschland und den "alten" Ländern des europäischen Westens allerdings auffällt, dass trotz der Massenimmigration die gastronomische Szene nicht aufblüht. Gerade die Gastronomie hat Einwanderern immer Einkommen verschafft und ihnen Aufstiegschancen gegeben.
Wo sind bei uns die Massen an afghanischen, syrischen oder ukrainischen Restaurants?
Wo findet man in Italien oder Schweden die somalische Küche?
In der Schweiz sehe ich Massen an Eriträern und Albanern. Aber will ich Essen gehen, sehe ich nur Schweizer Restaurants und kann mich an Cordon Bleu satt essen.
In diesjährigen Urlaub in Norwegen habe ich kein einziges Fischrestaurant gesehen, keinen einzigen Imbisswagen mit Fischbrötchen, keinen Straßenstand, wo geräucherter Fisch angeboten werden. Alle Touristen, mit denen man spricht, haben Verlangen nach Fisch, den es im Lande in Massen gibt, den man aber nur in Folie eingeschweißt im Supermarkt wie hier beim Edeka kaufen kann.
Und auch Norwegen ist voll mit Einwanderern. Warum sieht kein einziger diese gigantische Marktlücke? Mit sehr wenig Kapitaleinsatz kann man hier in der Sommersaison das Geschäft seines Lebens machen.
Ganz anders wiederum sieht es in Polen aus. Seitdem nach dem Ukrainekrieg auch viele Ukrainer nach Polen gekommen sind, wird die dortige Gastroszene von den Ukrainern aufgemischt. An der Ostseeküste gibt es schon viele ukrainische Restaurants. Viele polnische Restaurants beschäftigen ukrainisches Personal und auch dort besteht jetzt die Hälfte der Speisekarte aus ukrainischen Gerichten.
Vor den ukrainischen Restaurants parken teure Limousinen der Inhaber, für die sich das Geschäft also lohnen muss. Die Polen sind nur sauer auf die Ukrainer, weil viele in Deutschland neben ihrem polnischen Salär noch Bürgergeld kassieren.
Trotz der Massen an Ukrainern wurde hier in den letzten 4 Jahren kein einziges ukrainisches Restaurant eröffnet.
In Asien floriert die Gastroszene. Man fahre mal nach Japan, Singapur oder Taiwan. Da wird man mit der Masse an Restaurants förmlich erschlagen. Und das ganze Streetfood kommt auch noch hinzu. Man fragt sich, ob die Asiaten überhaupt noch zu Hause kochen.
Und die genannten Länder sind weiß Gott keine Niedriglohnländer, ein Sozialsystem gibt es auch dort, aber anscheinend ist man dort in der Lage Speisen und Getränke in Relation zum Einkommen viel billiger anzubieten als in Europa. Und das, obwohl die Restaurantmeilen in den teuersten Lagen der Städte liegen.
Auch wenn man nach Moskau fliegt, wird die dortige Gastroszene nicht etwa von russischen Restaurants dominiert. Nein dort ist die armenische, georgische und usbekische Küche der Platzhirsch. Auch dort nutzen viele Gastarbeiter der genannten Nationalitäten die Gastronomie als Vehikel für den wirtschaftlichen Aufstieg. Und auch sie können ihre Speisen in Relation zum Einkommen preiswerter als in Deutschland anbieten. Die Restaurants sind proppevoll, die Russen nehmen das Angebot gerne an.
Der Niedergang der Gastronomie im alten Europa ist aber erst ein Prozess der letzten 20 Jahre. Wie haben wir Ossies nach der Wende all die ausländischen Restaurants im Westen gestürmt. Wir kannten ja mehr oder weniger nur Bockwurst, Würzfleisch und Soljanka.
Die erste Gastarbeitergeneration nach dem Krieg hat ja im Westen auch Hotellerie und Gastronomie für ihren Aufstieg erkannt. Aber der Großteil der nachfolgenden Einwanderer hat dieses Vehikel nicht für sich genutzt.
Man kann es aber auch nicht darauf schieben, dass reife Industriegesellschaften zum Müßiggang neigen. Hoch entwickelte Länder Asiens zeigen ja gerade das Gegenteil. Auch in reifen Industriegesellschaften kann ein großer Dienstleistungssektor im Niedriglohnbereich existieren, der mit einer hohen Wertschöpfung zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt.
Gruß Plancius
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"Natürlicher Verstand kann fast jeden Grad an Bildung ersetzen, aber keine Bildung den natürlichen Verstand." ARTHUR SCHOPENHAUER