Der überstürzte Rückzug von der Ostfront ist für die Russen eine Katastrophe. Was sind eigentlich Putins Kriegsziele?

Plancius, Sonntag, 11.09.2022, 21:07 (vor 1258 Tagen) @ Mephistopheles4950 Views
bearbeitet von Plancius, Sonntag, 11.09.2022, 21:12

Mit dem Durchbruch der Ukrainer an der Ostfront bei Charkow erleben die Russen gerade ihr zweites Waterloo im Krieg gegen die Ukraine. Schon die verlorene Schlacht vor Kiew war eine einzigartige Katastrophe. Sehr wahrscheinlich lag dem Beginn des Krieges eine immense Fehleinschätzung zugrunde.

Den Ukrainern braucht man nur die Instrumente zu zeigen und dann werden sie rasch kapitulieren. Das ukrainische Volk wird sich gegen das Selenski-Regime wenden und die Russen als Befreier feiern.
Nichts war falscher als diese Annahme. Die Ukrainer sind von Russenhass zerfressen und suchen unbedingt den Anschluss an den Westen (EU + NATO), koste es was es wolle. Nur der Westen verspricht in ihren Augen ein Leben in Freiheit und Wohlstand.

Der russische Generalstab scheint immense Mängel in Strategie und Taktik moderner Kriegsführung aufzuweisen. Tausende junger Soldaten sind bereits sinnlos vor Kiew gefallen, weitere Tausende Soldaten werden in verlustreichen Straßenkämpfen rund um den Donbass aufgerieben.

Im Gefechtsgeschehen ist von der russischen Luftüberlegenheit nichts, aber auch gar nichts zu spüren. Statt mit gezielten Luftschlägen den Raum für die Bodentruppen vorzubereiten, so wie die Amerikaner es sehr effektiv tun, versucht man mit einem Trommelfeuer aus Artilleriegeschützen die Ukrainer in ihren Gefechtsstellungen zu treffen.

Der jetzige, überstürzte Rückzug der Russen von der Ostfront kann an der Heimatfront das Fass zum Überlaufen bringen. Man kann sich auch nicht mehr herausreden, dass der Rückzug eine taktische Frontbegradigung ist, denn die Russen haben den Ukrainern ihre Munitionsdepots überlassen, anstatt sie leerzuräumen oder zu sprengen. Russische Soldaten mussten selbst durch den Stausee südlich von Kupyansk schwimmen. Die überhastete Flucht wird selbst von den eigenen russischen Bloggern mit Entsetzen kommentiert.

Jedenfalls bröckelt an der Heimatfront die Unterstützung für Putin zusehends. Viele Tausend Soldatenmütter werden nicht mehr untätig zusehen, wie ihre Söhne sinnlos in einer kopflosen Militäraktion verheizt werden. Auch im Kreml wird der Druck der Militärs auf Putin wachsen, die eine härtere Gangart in der Ukraine befürworten. Verteidigungsminister Schoigu ist bereits seit Beginn des Krieges nur noch ein Schatten seiner selbst. Auf Pressekonferenzen kann man sehen, dass er bei dem ganzen Feldzug ein schlechtes Gefühl hat.

Jetzt stellt sich wieder die Frage: Welche Kriegsziele hat überhaupt Putin?

Nehmen wir jetzt mal an, dass es ihm gar nicht um die Ukraine oder die Befreiung des Donbass geht, sondern er möchte die NATO, so wie er es schon mal gesagt hat, auf den Stand von 1997 zurückdrängen, um so einen weiträumigen Cordon Sanitaire vor den Westen Russlands zu legen.

Dann könnte es natürlich für Putin sinnvoll sein, dass sich der Krieg in der Ukraine möglichst lange hinzieht. Die europäischen NATO-Staaten schicken einen Großteil ihres Kriegsmaterials in die Ukraine und werden so mehr oder weniger materiell verteidigungsunfähig.

Das wäre dann natürlich ein Ritt auf der Rasierklinge. Hier die geheime Strategie zur Unterwerfung des Westens, dort die bröckelnde Unterstützung an der Heimatfront, die einen langen Stellungs- und Abnutzungskrieg ohne sichtbare Erfolge, dafür aber mit vielen Toten nicht dulden wird.

Der Stopp der Erdgaslieferungen und anderer russischer Rohstoffe in die EU, vornehmlich Deutschland, werden Europa in diesem Winter nachdrücklich schwächen. Kollabiert Deutschland, wird auch die EU nicht mehr zu halten sein. Die Russen könnten dann ggfs. in ein geschwächtes, verteidigungsunfähiges Europa einmarschieren. Alternativ könnte Putin dann mit den einzelnen Staaten wieder russische Rohstofflieferungen vereinbaren, was natürlich an harte Bedingungen geknüpft wäre, wie Austritt aus der NATO.

Die große Unbekannte sind natürlich die Amerikaner. Wie werden sie sich in einem solchen Szenario verhalten?

Es kann aber auch sein, dass die russische Armee tatsächlich nur eine Paradenarmee mit Atomwaffen ist und in Gefechtssituationen nur miserable Leistungen abgibt. Wenn die russische Armee immer noch so tickt wie die Sowjetarmee Ende der 80er Jahre, dann sage ich nur „Gute Nacht“. Die Sowjetarmee war nämlich ein verwahrloster, korrupter Haufen mit einem versoffenen Offizierskorps, das seine Rekruten gedemütigt und gequält hat. Mit einer solchen Armee kann man keine Siege einfahren.

Gruß Plancius

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"Natürlicher Verstand kann fast jeden Grad an Bildung ersetzen, aber keine Bildung den natürlichen Verstand." ARTHUR SCHOPENHAUER


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