Thukydides: Die Pest in Athen (430 v. Chr.)

Kurz_vor_Schluss, Mittwoch, 11.03.2020, 17:26 (vor 2161 Tagen) @ Oblomow1402 Views

Hallo Faulpelz,
schön, dass hier noch jemand seinen Gontscharow kennt – vielleicht auch die tolle russische Verfilmung? Na gleichviel – auch Thukydides hatte in seiner Geschichte des Peloponnesischen Krieges manch interessantes zur Pest in Athen (430 v. Chr.), welche angeblich die Hälfte der Stadtbevölkerung das Leben kostete, zu sagen und manche Parallele lässt sich ziehen. So zum Beispiel, dass „…..“(die Ärzte) am häufigsten (wegstarben), weil sie am meisten zu den Kranken kamen; und überhaupt mochte keine menschliche Geschicklichkeit etwas dagegen ausrichten. Alles Gebet in den Tempeln und die Zuflucht (zu den Orakeln) war ebenso unnütz. Daher erlagen sie endlich dem Unglück und gaben alles auf.“ (Alternative Heilmethoden? Schulmedizin? Pick your choose).

Und weiter: „Die Leute starben …. teils aus Mangel an gehöriger Pflege, teils aber auch trotz aller sorgfältigen Wartung….. Denn was dem einen dienlich war, das war dem anderen schädlich….. Das Schlimmste bei dem ganzen Unglück war der mutlose Zustand, welchem sich die Leute überließen, sobald sie merkten, dass sie krank wurden. Denn nun gaben sie sogleich alle Hoffnung verloren und gingen eben deswegen noch weit unvorsichtiger mit sich um, ohne sich Mühe zu geben, der Krankheit Widerstand zu leisten“. (Wie reagieren wir heute auf Krankheiten)?

Und: „…..als die Plage ihnen so gewaltig zusetzte, dass die Leute nicht mehr wussten, was sie anfangen sollten, fingen sie an, sich aus allem, was heilig und pflichtmäßig war, nichts mehr zu machen. Alle guten Ordnungen und Gebräuche (zu Leichenbestattungen) wurden unter die Füße getreten; … manche gingen dabei so schamlos zu Werke, dass sie…. über fremde Scheiterhaufen herfielen und…. ihren Toten darauf legten und sie in Brand steckten, teils ihren mitgebrachten Toten auf den ersten besten Holzstoß, der bereits in Brand stand, hinaufwarfen und sich davonmachten“. (Damals Scheiterhaufen – im antiken Griechenland kulturell äußerst wichtig – heute Desinfektionsmittel? Und morgen – wenn eine richtige Seuche kommt)?

Schlussendlich: „Die Leute wurden in Ausübung solcher Lüste, die sie bisher geheim gehalten hatten, schon kühner….. daher erklärte jedermann das für löblich und ersprießlich, was seine Sinnlichkeit befriedigte oder wobei er gewinnen konnte, die Quellen mochten sein, welche sie wollten. Und da hielt sie weder die Furcht vor den Göttern noch menschliche Gesetze in Schranken….und in Ansehung der bürgerlichen Verbrechen glaubte niemand, dass er noch so lange leben würde, dass er dafür zur Strafe gezogen werden könnte“. (Haben wir das nicht schon ohne Seuche)?

Soweit Thukydides, dessen Werk ich nur empfehlen kann – wer erfahren will, wie sich Menschen in Notzeiten verhalten (er schildert an anderer Stelle den Triumph von Gewalt und Grausamkeit im Krieg), dem sei dieses Buch ans Herz gelegt. Nicht unbedingt eine beglückende Lektüre – aber eine notwendige.
Denkt und grüßt
K_v_S

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Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.
Karl Valentin


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