Das perfekte Verbrechen
Hallo Mephistopheles,
der Ausgangspunkt meiner Betrachtungen, die ich vor längerer Zeit im Forum und aktuell bei bto vorgestellt hatte, sind Ferdinand de Saussures Einsichten über das Verhältnis zwischen dem Signifikanten und dem Signifikat mit dem Ergebnis, dass die Deutungen der Sprache immer instabil bleiben.
Die Frage ist offen, ob unser Denken dem Gefangensein in der beschreibenden Sprache, die ausgehend vom ursprünglichen Laut ganz anderen Ziele verfolgte, wirklich entgehen kann.
Als dem Menschen erstmalig bewusstwurde, dass er mit offenen Augen als Subjekt der unbekannten Welt als Objekt ausgeliefert war, bestand das perfekte Verbrechen darin, ihre ursprünglichen Illusionen mithilfe seines Denkens zu entschlüsseln, zu entzaubern und damit zu vernichten.
"Wir ertragen weder die Leere, noch das Geheimnis, noch den reinen Schein. Doch warum sollten wir sie entschlüsseln, anstatt die Illusion als solche in all ihrem Glanz erstrahlen zu lassen? Nun, auch dies ist ein Rätsel, daß wir ihre Rätselhaftigkeit nicht ertragen können."
Jean Baudrillard: Das perfekte Verbrechen S. 13
Das perfekte Verbrechen besteht in der Vernichtung der Welt als Illusion zugunsten einer vollständig realisierten Welt.
Bei dem Leben handelt es sich um ein Geschenk, es ist aber nicht umsonst.
Das geschenkte Leben ist ohne das Geheimnis des Todes nicht darstellbar. In ursprünglichen Gesellschaften geschieht der Tod nicht einfach so als bloß biologischer Vorgang des Sterbens, sondern ist eine soziale Beziehung. Er ist ein aktiver Partner, mit dem Riten und Opferhandlungen ausgeführt werden. Die Gabe des Lebens entspricht dem Tod als Gegengabe.
Baudrillard legt dar, dass die Entwicklung von ursprünglichen Gesellschaften zu den modernen Gesellschaften irreversibel ist.
"Nach und nach hören die Toten auf zu existieren. Sie sind aus der symbolischen Zirkulation in der Gruppe ausgeschlossen."
Jean Baudrillard: Der symbolische Tausch und der Tod S. 225
Die Sterbenden werden aus der häuslichen Intimität verbannt und als Tote nicht mehr auf dem Friedhof im Herzen des Dorfes oder der Stadt begraben, sondern im Ghetto an der Peripherie (ein erstes Ghetto als Vorwegnahme aller künftigen Ghettos) und enden schließlich in der Anonymität des Nirgendwo.
Wie gehen wir inhaltlich mit dem Satz
Das Leben, einmal bekommen, muss sprichwörtlich zeitlebens erhalten werden.
im Hinblick auf das perfekte Verbrechen um, das zwangsläufig zur wachsenden Ökonomisierung von Krankheit, Lebensverlängerung, Leiden und Tod führt?
Gruß - Ostfriese