Erhellendes zum Verständnis der Psychologie der Corona-Pandemie - Olaf Briese: Angst in den Zeiten der Cholera

Plancius, Mittwoch, 18.03.2020, 20:29 (vor 2152 Tagen) @ uluwatu2565 Views

Vielleicht ein Blick in die Medizingeschichte, um noch mehr Klarheit in das Thema zu bringen.

Zitat: "Es wäre auch der Nachweis zu erbringen, etwa für 2020, dass wir für Europa eine auffällige Erhöhung der Gesamtsterblichkeit haben. Ergibt es sich nicht, was zwar abzuwarten bleibt, dann liegt empirisch bewiesen eine Massensuggestion vor, eine Art Veitstanz, wie von Paracelsus schon 1531 beschrieben. Jede wirklich zum Durchbruch gekommene Pandemie müsste die Gesamtsterblichkeit erhöhen, sonst ist es keine. Also sind wir im Prinzip noch immer in der Phase der Warnung vor einer Pandemie."

Dass große Krankheiten Teil großer Geschichten sind, ist eine Selbstverständlichkeit. Die spätmittelalterliche Pest in Europa, die mit der kolonialen Expansion einhergehenden Seuchenzüge der frühen Neuzeit in Süd- und Mittelamerika, die Influenza-Pandemie 1918/19 oder die AIDS-Epidemie der Gegenwart sind geläufige Beispiele. Angesichts solcher historischen Großereignisse erweisen sich nicht selten unsere modernen begrifflichen Trennungen in Natur und Kultur, biologisch und sozial als unangemessen und Seuchen als historische Gegenstände, die alle die genannten Dimensionen miteinbeziehen.

Für das Europa des 19. Jahrhunderts kann man in diesem Sinne die wiederkehrenden Choleraepidemien als vielschichtige und bedeutende historische Ereignisse betrachten. Warum genau die vordem im Golf von Bengalen endemische Krankheit sich in eine epidemische Krankheit verwandelte und als solche ab 1830 Europa erreichte, ist schwer zu klären. Klar ist aber, dass die Seuche wie keine andere die Fantasie ihrer Zeitgenossen beschäftigte, Berge medizinischer und hygienischer Fachliteratur provozierte und, wie Thomas Nipperdey bemerkte, als große Peitsche die Gesundheitspolitik und -verwaltung zur Aktivität antrieb. Dies alles verdankte sie weniger den absoluten Sterblichkeitsziffern, die zum Beispiel weit hinter denen der Tuberkulose zurückblieben. Dennoch wurde die Cholera als weitaus bedrohlicher angesehen. Wichtig dafür waren die schnelle Verbreitung der Seuche im Raum, das plötzliche Auftreten heftigster, entwürdigender Symptome beim einzelnen Kranken, die hohe Sterblichkeit von fast 50% der Erkrankten und das Versagen traditioneller Methoden der Seuchenbekämpfung wie der Cordon sanitaire: In der Cholera erblickte die fortschrittsgläubige industrielle Gesellschaft des 19. Jahrhunderts ihr zweites Gesicht des Zusammenbruchs der eben erst erstandenen sozialen, ökonomischen und kulturellen Ordnung.

... Weiter auf http://www.sehepunkte.de/2003/09/2826.html

--
"Natürlicher Verstand kann fast jeden Grad an Bildung ersetzen, aber keine Bildung den natürlichen Verstand." ARTHUR SCHOPENHAUER


gesamter Thread:

RSS-Feed dieser Diskussion

Werbung