Der deutsche Highperformer und der Niedergang unseres Landes.

Plancius @, Samstag, 13.06.2026, 16:45 vor 7 Stunden, 48 Minuten 1497 Views

bearbeitet von Plancius, Samstag, 13.06.2026, 16:52

Viele von uns haben in den letzten Tagen bestimmt das Video von dem deutschen Akademiker mit dem gelben Helm gesehen, der am vergangenen Montag am Rande der „Eine Million Demo“ vom Compact-Magazin interviewt wurde.

https://www.youtube.com/watch?v=RWZLi-cm9T0

Das Video machte überall die Runde, sei es auf X, in den alternativen Medien, auf Telegram oder in WhatsApp-Chats. Man lachte und spottete über den Mann, viele Mems in Anlehnung an „Bob der Baumeister“ und den Begriff „Highperformer“ sind entstanden.

Ehrlich gesagt, konnte ich gar nicht über das Video lachen, vielmehr war es für mich ein Augenöffner und beschreibt in wenigen Augenblicken, warum sich unser Land im Niedergang befindet und warum wir an allen Ecken und Enden so dysfunktional geworden sind.

Ich habe in diesem Mann sofort meine akademischen Kollegen und auch meine ehemaligen Kommilitonen aus meinem Studium erkannt. Der Mann ist der Typus par excellence, den ich als Projektleiter in meinen Projekten erlebe, und das sowohl auf Kunden- als auch auf Beratungsseite. Diesen Typus trifft man in Deutschland ab einer bestimmten Ebene allerorten, sei es in Konzernen wie SAP, Accenture, Roland Berger, Deutsche Bahn, BMW und Bosch, aber auch bei Mittelständlern wie Bahlsen, Herrenknecht oder Schäffler.

Sie bekleiden verantwortungsvolle Aufgaben und managen Projekte. Ohne diesen Typus Akademiker gäbe es nicht die vielen fehlgeschlagenen SAP Projekte, gäbe es kein Stuttgart 21, gäbe es nicht das Desaster bei der Deutschen Bahn, gäbe es keinen Ausverkauf deutscher Ingenieuerskunst ans Ausland, gäbe es kein Chaos am Flughafen BER und gäbe es die unendlich langen Verzögerungen bei wichtigen Bau- und Infrastrukturprojekten nicht.

Dieser Typus Mann (es gibt aber auch ebensolche Frauen) hat das deutsche Bildungssystem mit einem Diplom und häufig auch mit einem Doktortitel absolviert und ist in Wirtschaft, Bildungswesen und in der Verwaltung aufgestiegen. Jahresgehälter zumeist über 120.000 Euro plus gut verdienender Ehefrau an der Seite, zum Teil in Teilzeit, wenn sie sich noch um die Kinder kümmert.

Wohnhaft entweder in schicken Vierteln der Großstädte in einer mondänen Altbauwohnung in Straßen mit altem Baumbestand oder am Stadtrand in Reihenhaus oder Eigenheim. Die Kinder gehen häufig in Waldorf- oder Montessori-Schulen. Sie sind stramme Grünen-Wähler, zumeist sind die Ehefrauen noch irgendwo gesellschaftlich aktiv, sei es bei den Grünen oder einer sonstigen linken NGO.

Zumeist sind es Emporkömmlinge aus dem westdeutschen, bürgerlichen Milieu und sind gut mit Erbschaften der Nachkriegsgeneration bedacht. Aber auch meine ostdeutschen, ehemaligen Kommilitonen können diesem Typus zugerechnet werden, obwohl sie materiell nicht mit Vorschusslorbeeren bedacht wurden. Es ist also kein primär westdeutsches Phänomen. Die Ostdeutschen sehen ihren Aufstieg zumeist im System BRD verortet und sind ihm deshalb in Loyalität verbunden.

Eigentlich handelt es sich bei dem Typus um musterhafte Staatsbürger. Wenn sie in der freien Wirtschaft tätig sind, sind es zumeist Nettosteuerzahler, sie zahlen extrem hohe Steuern ohne Murren, sind sogar bereit, noch mehr abzugeben, investieren viel Zeit und Geld in die Bildung und Erziehung ihrer Kinder, sind angenehme Menschen in der Nachbarschaft, machen im Alltag keine Probleme.

Was sie jedoch kennzeichnet: Sie sind im beruflichen Alltag konfliktscheu und lassen Dinge laufen, bis sie dysfunktional sind. Und was das Schlimme dabei ist, sie bewegen sich untereinander in einer großen Blase. Der Projektleiter dieses Typs beim Beratungsunternehmen trifft auf ebensolchen Typus auf Kundenseite, beide zusammen wieder auf gleichartige in der staatlichen Verwaltung oder weiteren Dienstleistern, die am Projekt beteiligt sind. Unsere ganzes Land hat seine Selektionsmechanismen in den letzten Jahrzehnten so justiert, dass genau dieser Typus an den meisten Schaltstellen unseres Landes sitzt.

Und genau dieser Typus, der mit dem Fahrrad zu seiner Arbeitsstelle in Berlin-Zentrum fährt, ist mit all den Problemen konfrontiert, denen sich auch der gemeine Bürger gegenüber sieht. Fährt er mit der Bahn zu seinen Kunden, kann er kaum einen Termin pünktlich wahrnehmen, er sieht all den Dreck und das Gesindel auf deutschen Bahnhöfen oder im Nahverkehr der Städte. Er ist mit dem massiv gekürzten Inlandsflugverkehr konfrontiert, er steht wie jeder andere in seinem 5er BMW im Stau auf deutschen Straßen, er muss wie jeder andere gesetzlich Versicherte monatelang auf einen Facharzttermin warten, in der Notaufnahme des Krankenhauses sitzt auch er mit seinem verletzten Kind inmitten von muslimischen Clans oder schreienden Roma-Sippen.

Aber sie haben keine Antennen für die Dysfunktionalitäten oder den Niedergang unseres Landes. In ihrem Mindset scheint irgendein Filter eingebaut zu sein, der all den sie umgebenden Dreck, die Dysfunktionalitäten ausblendet, ehe die Wahrnehmung zum Gehirn weitergeleitet wird. Ehemalige Kommilitonen wohnen und arbeiten in Berlin beim Bundesverband Deutscher Banken, bei der Deutschen Bahn oder sind leitende Angestellte von Klinikkomplexen. Sie nehmen den Verfall unserer Hauptstadt überhaupt nicht wahr. Sie fühlen sich im besten Deutschland aller Zeiten. Auch ihre vielen Reisen ins Ausland führen zu keinem Umdenken in ihrer Ansicht über unser Land, wo ich nach jeder Rückkehr geschockt darüber bin, wie weit abgehängt wir im Vergleich zu vielen Regionen der Welt sind.

Sie suhlen sich in ihrer Selbstzufriedenheit und spenden sich gegenseitig Beifall, auch wenn sie gegenseitig ein SAP Projekt in die Grütze gefahren haben oder ein Bauprojekt versemmelt haben. Es ficht sie überhaupt nicht an. Sie fühlen sich in ihrer Blase dermaßen pudelwohl. Zwischen mir und ihnen gibt es keine Schnittmenge.

Ich frage mich manchmal, wie wollen wir all die Menschen dieses Typus mitnehmen, wenn wir unser Land wieder auf Kurs bringen wollen. Sind sie so opportunistisch und passen sich den geänderten Rahmenbedingungen an oder sind sie so in ihrem Glauben an den Endsieg ihrer woken Ideologie verhaftet, dass sie wild um sich schlagen und uns alle mit in den Abgrund reißen.

Gruß Plancius

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"Natürlicher Verstand kann fast jeden Grad an Bildung ersetzen, aber keine Bildung den natürlichen Verstand." ARTHUR SCHOPENHAUER

Danke! Buchempfehlung dazu: Die Aufsteiger

stokk', Samstag, 13.06.2026, 21:09 vor 3 Stunden, 24 Minuten @ Plancius 533 Views

bearbeitet von stokk', Samstag, 13.06.2026, 22:33

Eigentlich handelt es sich bei dem Typus um musterhafte Staatsbürger. Wenn sie in der freien
Wirtschaft tätig sind, sind es zumeist Nettosteuerzahler, sie zahlen extrem hohe Steuern ohne
Murren, sind sogar bereit, noch mehr abzugeben, investieren viel Zeit und Geld in die Bildung
und Erziehung ihrer Kinder, sind angenehme Menschen in der Nachbarschaft, machen
im Alltag keine Probleme.

Was sie jedoch kennzeichnet: Sie sind im beruflichen Alltag konfliktscheu und lassen Dinge
laufen, bis sie dysfunktional sind. Und was das Schlimme dabei ist, sie bewegen sich
untereinander in einer großen Blase.

Aber sie haben keine Antennen für die Dysfunktionalitäten oder den Niedergang unseres Landes.
In ihrem Mindset scheint irgendein Filter eingebaut zu sein, der all den sie umgebenden Dreck, > die Dysfunktionalitäten ausblendet, ehe die Wahrnehmung zum Gehirn weitergeleitet wird.
Ehemalige Kommilitonen wohnen und arbeiten in Berlin beim Bundesverband Deutscher Banken, bei > der Deutschen Bahn oder sind leitende Angestellte von Klinikkomplexen. Sie nehmen den Verfall > unserer Hauptstadt überhaupt nicht wahr. Sie fühlen sich im besten Deutschland aller Zeiten.
Auch ihre vielen Reisen ins Ausland führen zu keinem Umdenken in ihrer Ansicht über unser
Land, wo ich nach jeder Rückkehr geschockt darüber bin, wie weit abgehängt wir im Vergleich zu > vielen Regionen der Welt sind.

Sie suhlen sich in ihrer Selbstzufriedenheit und spenden sich gegenseitig Beifall, auch wenn
sie gegenseitig ein SAP Projekt in die Grütze gefahren haben oder ein Bauprojekt versemmelt
haben. Es ficht sie überhaupt nicht an. Sie fühlen sich in ihrer Blase dermaßen pudelwohl.


Der Fanatismus des "deutschen Highperformers" (2026 ein Oxymoron) kann dann wieder diese Folgen haben
- Aufarbeitung einer Familiengeschichte: https://www.rowohlt.de/buch/christina-strunck-die-aufsteiger-9783498007836

Erinnerungen an die Zukunft? oder s´war immer so

Danke!

TurnAround @, Samstag, 13.06.2026, 22:38 vor 1 Stunden, 55 Minuten @ Plancius 267 Views

Hallo Plancius,

Deine Beschreibung deckt sich zu 100% mit Beobachtungen aus meinem engsten Familienkreis. Kritisiert man grüne Politik, selbst in abgemilderter, fein dosierter Form, bekommen sie sofort Schaum vor dem Mund und reagieren aggressiv. Diese Art von Reaktion ist mir völlig abstrakt und unverständlich.
Wie du es beschreibst: ansonsten nette Menschen, Netzwerker, konfliktscheu, in ihrer Blase lebend.

Gruß
TurnAround

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