Gehen wir mal Punkt für Punkt durch:
Weil ich Deine Arbeit hier im Forum sehr schätze. Danke für die anerkennenden Worte!
Zum Leben gehört Glück. Absolut richtig, darauf komme ich gleich.
Jeder kann gewinnen, aber nicht Alle...] Manche erreichen Dein Alter.
Und das könnte sogar noch mehr werden, wenn der Big Boss über uns das zulässt. Allerdings gehören hier zwei Punkte beachtet: Zum einen die Gene, die man von den Vorfahren ererbt hat, und zum anderen ein bestimmter Wissensstand und auch stetige Informationsbereitschaft, was die biologischen Abläufe im Körper eines Menschen betrifft. Resp. dann auch die richtigen Schlüsse aus dem Letzteren zu ziehen und das auch umzusetzen. Es gibt ja viele, die genau wissen, dass sie sich eigentlich mehr bewegen müssten, aber aus Faulheit lieber im Polstersessel vor dem TV bleiben. Die Gene aber habe ich von der mütterlichen Richtung, und da siehts gut aus. Alle davor sind über 90 Jahre geworden, bevor sie abgetreten sind.
Nun zum Thema Glück:
Ich habe mir schon die Frage gestellt, wie ich mein Leben so im Rückblick bewerte. Aus dieser Erkenntnis heraus muss ich meinem Herrgott auf Knien danken, dass er mir dieses Leben ermöglicht hat.
Warum:
Die 68er Periode habe ich als 17-jähriger erlebt, danach gings in die 70er, und da konnte ich meine Jugend in vollen Zügen ausleben. Freiheit pur, mehr Geld verdient, als ich ausgeben konnte, Skandinavien-Zeit, keine Beschränkungen, kein Aids, keine Kriminalität (in dem Sinne, wie wir sie heute erleben), jedes Gänseblümchen am Wegrand habe ich gepflückt. Ich kenne keine Midlife-Crisis, weil ich glaube, irgendwas versäumt zu haben und nun einen Nachholbedarf verspüre.
Ich habe gelebt und geliebt.
Mit zwei wunderbaren Frauen war resp. bin ich verheiratet, drei Prachtexemplare als Kinder, die nicht nur gesund sind, sondern auch auf ihren eigenen Füßen stehen. Alle haben sich Positionen - beruflich - erarbeitet, die vorbildlich sind. Sie sind ihren Weg gegangen, auch ohne mein Zutun. Dazu kommen nun die beiden Enkel.
Vor ein paar Wochen habe ich mein 60jähriges Berufsjubiläum gefeiert, - in meinem Beruf, den ich mein ganzes Leben nicht bereut habe. Arbeite auch heute noch, wenn auch mit reduzierter Schussrichtung, altersbedingt, (was mir nicht sonderlich behagt, ich aber akzeptieren muss). Ich bin ein gesunder Mensch, der jährliche Totalcheck im Labor endet immer mit einer Gratulation der Laborärztin. Wenn ich dagegen so manchen, der wesentlich jünger ist als ich, mit dem Rollator auf der Straße sehe, dann macht das schon nachdenklich.
Nein, ich bin kein Millionär geworden, und die Ernte aus meinen Investitionen um die Jahrtausenwende werde ich erst jetzt einfahren. Aber ich habe mit meinen Familien immer genug gehabt, um durchzukommen, wir haben niemals Hunger gelitten.
Glück? Was ist das, in anderer Form? Stolz, Zufriedenheit, persönliche Genugtuung, - ein angenehmes Gefühl im Bauch?
Was kann ein Mann in seinem Leben mehr erreichen, als es mir gegönnt war? Um es klar auszusprechen: Ja, ich bin glücklich.
Oder warst Du Dein ganzes Leben (fälschlicher Weise) vom Traum der Gerechtigkeit im Leben so fasziniert, dass Du es zum Glaubensbekenntnis erhoben hast?
Da hast Du schon recht, da habe ich teilweise falsch angesetzt. Immer war ich von der Idee der Gerechtigkeit fasziniert und war dann auch regelrecht deprimiert, wenn ich mit der Realität konfrontiert wurde. Ein Anwalt hat es mir mal klar gesagt, als ich bei einem Strafverfahren gemeint habe: "Da muss ich doch Recht bekommen!" Er sagte mir knallhart, dass ich kein Recht auf juristisches Recht hätte. Ich hätte lediglich das Recht auf ein Urteil.
Ein Wendepunkt in meinem Verhältnis zu Deutschland, insbesondere zum Recht, hat sich nach einem Konkurs meiner Firma ergeben. Damals war die goldene Zeit der 7b-Abschreibungen, ich hatte viele Beschäftigte und einen Haufen Aufträge. Diese aber wurden durch einen Generalunternehmer dominiert, der mein Hauptauftraggeber war, so wie auch mehrere Handwerksfirmen, die für ihn gearbeitet hatten. Davor war eine Treuhandgesellschaft und noch weiter zu Beginn eine Anlagengesellschaft.
Der Geschäftsführer der beiden Gesellschaften ist mit 2,8 Mio DM abgehaut, der Generalunternehmer bekam kein Geld mehr und konnte die Satellitenfirmen um ihn herum nicht mehr bezahlen. Wir waren eine davon, und das GmbH-Gesetz lässt hier keine Wahl, ich musste zum Konkursrichter.
Klar habe ich mich um alles gekümmert, bin auch mit meinen Italienern zu den Ämtern gegangen, damit sie alle das Konkursausfallgeld bekommen, etc. etc. Dann kam die Nachricht, dass man den Geschäftsführer inhaftiert hatte, - aber leider ohne Geld. Dann kam es zum Prozess, der Mann wurde zu 5 Jahren verurteilt. Wg. guter Führung etc. kam er nach 2 Jahren und 8 Monaten frei (seltsame Duplizität der Zahlen) und verschwand. Vermutlich hat er das Geld in der Schweiz gebunkert und uns danach alle ausgelacht.
Was bedeutete das für mich: Bei jedem Urteil des Richters, auch für die Aussetzung der Reststrafe, stand als Überschrift: "Im Namen des Volkes". Aber auch ich war das Volk, und es geschah nicht in meinem Namen. Auch nicht im Namen des Chefs der Dachdeckerfirma, der sich deshalb umgebracht hat. Das hat einen Wandel bei mir bewirkt, was den Begriff "Gerechtigkeit" betrifft. Danach habe ich mich gegen den Staat verschworen, mit allen seinen Einrichtungen, nicht nur der Justiz, sondern auch der Exekutive und der Legislative. Es hat mir Spaß gemacht, auch bei einem Strafzettel im Wert von 5 DM Einspruch einzulegen.
Das war in den 80er Jahren, hat mich aber geprägt. Zum Glück hatte ich Freunde, die meine Betriebseinrichtungen dem Konkursrichter abgekauft haben, wodurch ich mein Handwerkszeug nicht verloren habe. Klar habe ich dazugelernt, und heute habe ich ein Mehrfaches dessen, was damals unter den Hammer gekommen ist.
Trotzdem ist es für mich erschreckend, in welche Richtung sich das "Recht" bewegt hat, nicht nur in Deutschland, fast europaweit. Die Verfolgung der Ärzte in der Coronazeit, die aktuelle Ausweitung des Strafrechts auf die persönliche Meinungsfreiheit, etc. - Ja, den "Traum der Gerechtigkeit" habe ich ausgeträumt, die weiße Taube ist tatsächlich müde geworden.
Zum Schluss:
eines Tages in Einklang mit der Natur friedlich einzuschlafen,
Da beruht meine Hoffnung auf der Art und Weise, wie mein Vater abgetreten ist, nämlich kurz und schmerzlos. Es ist schriftlich festgelegt, dass ich danach nicht wie ein Versuchskaninchen an die Apparate komme. Und wenn es morgen wäre, - weder ich, noch meine Angehörigen können sich dann beklagen. Denn, das, was ich alles erlebt habe, dafür braucht Otto Normalo üblicherweise mindestens zwei Leben.