Hallo Foristen,
Der Kapitalmarkt ist da am interessantesten, wo es stinkt und kracht!
Alle, die glauben, JP Morgan oder irgendeine edelmetallaktive Bank seien in immensen Größenordnungen Silber netto short gewesen, sollten nun mit dem Lesen hier aufhören und die Sendung mit der Maus gucken.
Nettopositionen - Spot/Termin, börslich/OTC
Zum Verständnis muss man wissen, woraus sich sogenannte Nettopositionen zusammensetzen:
Es gibt Spot- bzw. Kassamärkte. Das können Märkte sein, sein wo Produzenten und Großhändler handeln und Waren mit kurzfristiger Lieferung gegen Geld tauschen.
Das kann aber auch eine Veranstaltung wie die LBMA in London, wo Banken handeln und dann irgendwelche Fixings (ein Reizwort! :) veröffentlichen, aber die LBMA ist leider für mich eine Blackbox.
Wer Short geht, z.B. als LBMA-Mitglied, muss aber auch liefern können, sich also Silber leihen können. Ein Silberleihemarkt ist also erforderlich für spekulative Teilnahme am Kassamarkt, ansonsten werden halt nur munter eigene vorhandene Bestände hin- und hergeschoben.
Es gibt neben den Spot-Märkten aber eben auch Terminmärkte, wie z.B. die Comex mit ihren normierten Kontrakten. Undurchsichtig für uns (Klein-Ernas) sind aber andere Derivatemärkte, wie z.B. der OTC-Markt mit seinen handgeschnitzten Derivateverträgen nach Kundenwunsch.
börsliche Terminmärkte - Futures-Kontrakte substituieren Preisrisiken durch Liquiditätsrisiken
Große Preisverschiebungen bei Basiswerten ziehen im große Liquiditätsverschiebungen (von den Verlierern an die Gewinner) nach sich.
Wenn ein reiner Silberproduzent (es heißt ja immer, Silber würde überwiegend als Nebenprodukt bei der Förderung anderer Metalle anfallen), dessen wirtschaftliche Existenz von der Entwicklung des Silberpreis abhängt, seine absehbare Produktion auf mehrere Jahren unter Nutzung von Silber-Futures absichert und der Silberpreis dann von 50 auf 75 USD ansteigt, dann muss er den negativen Marktwert seiner Kontrakte (die können nur mit Verlust durch Kauf von Silberfutures zum gestiegenen Preis glattgestellt werden) bar ausgleichen.
Soviel Geld kann der Silberproduzent aber gar nicht aufbringen.
Die Alternative für die Silbermine besteht darin, entweder Verkaufsoptionen auf Silber oder Silberfutures zu kaufen (da ist das Verlustpotenzial auf die Prämie beschränkt) oder zu einer Bank zu gehen und sein Silber in Form eines Derivatekonstrukts abzusichern, bei der die Bank nicht die Möglichkeit hat, Liquidität von der Mine nachzufordern. Diese Asymmetrie bei der Liquidität zu Lasten der Bank birgt für diese ein Risiko, was sie sich entsprechend bezahlen lassen muss.
Die Bank muss sich natürlich vergewissern, dass die Mine über entsprechende Reserven verfügt und die Fähigkeit, diese zu fördern (da kommt ein Minenarbeiterstreik höchst ungelegen...).
Mein Szenario für die Entwicklung am Silbermarkt
Der oder die betroffenen Banken sind, was den Silberpreis angeht, netto "flat" (ausgeglichen = null Position in Bezug auf Preisschwankungen beim Silber).
Der starke Silberpreisanstieg verursacht aber ein Liquiditätsproblem - sie müssen nachschießen, aber aus OTC-Derivaten fließt vertragsgemäß kein Cash nach!
Ein Lösung bestünde darin, dass der oder die Banken für Liquidität Anteile an ihren werthaltigen OTC-Derivatepositionen in Silber abtreten.
Das entspräche einer Vergabe einer besicherten Liquiditätslinie an eine Bank - normalerweise sind es ja Banken, die Liquiditätslinien bereitstellen.
Thema Merckle
Merckle war Presseberichten nach nicht gehedgt, er war Spekulant, als ein ganz langweiliger Fall.
Thema AIG
Der größte Sprengstoff liegt sowieso in gehedgten Positionen (z.B. für die Kontrahenten der AIG).
AIG selber war selber in der Spekulantenrolle, hatte für die geschriebenen Versicherungen in der Verpackung von CDS (=Credit Default Swaps) dem Vernehmen nach sich in keiner Form anderswo versichert.
AIG war Risikonehmer, hatte "Protection verkauft" (Fachsprache aus der CDS-Welt), erhält dafür vierteljährliche Prämien.
Die Gegenseite, vermutlich überwiegend Banken, bezahlte diese Prämie für den Ausfall der versicherten Risiken (sogenannte "Credit Events").
AIG machte die Grätsche und die Kontrahenten von AIG mussten über Nacht die entfallenen Versicherungen anderswo ersetzen.
Die neuen Kontrahenten hatten das natürlich mitbekommen, und prompt explodierten die CDS-Spreads damals, zu Lasten der Banken, die sich "neu versichern" (Protection kaufen) mussten - von wegen "die Bank gewinnt immer"...
AIG hatte übrigens nicht nur CDS abgeschlossen, sondern auch Zinsswaps.
Ein solches Vorkommnis wird auch branchentypisch "replacement risk" genannt.
Thema Metallgesellschaft
Die offensichtliche gar nicht dumme Autorin, Frau Dr. Heldt, hat das ein Top-Stichwort zu dem
Begriff geliefert, obwohl sie selbst in einem ganz anderen Segment der Finanzbranche tätig ist:
https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/backwardation-28890
Der Fall Metallgesellschaft ist einfach beschrieben: Die Metallgesellschaft hatte Öl-Lieferverpflichtungen aus OTC-Derivaten (war also OTC-short), die sie durch Ölterminkäufe im Nearby-Kontrakt (nächste fällige Terminkontrakt) abgesichert hatte. Diese wurden bei Kontraktfälligkeit übergerollt. Typischerweise war der Markt in Backwardation (Terminkurve fallend, Überrollen bringt Gewinn), ging aber dann aber in Contango (Terminkurve steigend, Überrollen verursacht Verluste).
Als der Fall Metallgesellschaft ruchbar wurde, sagte mir der Herausgeber einer Terminmarktzeitung:
"Der Kontrahent der Metallgesellschaft ist ausgefallen!"
Damit saß die Metallgesellschaft auf Hedge-Verlusten, die nicht mehr durch OTC-Geschäfte kompensiert wurden. Für die Contango-Situation besaß die Metallgesellschaft eine Liquiditätslinie zur Überbrückung der also selten angesehenen Contango-Situation. Diese war geplanter Bestandteil des Managements von "Contango-Risiko". Diese Linie wurde aber in der Krise nicht gezogen - warum eigentlich nicht?!
Beispiel Weizen
Risikohinweis: von Agrar habe ich definitiv keine Ahnung!
Ein Pfälzer Bauer findet die Weizenpreise an der MATIF in Paris auskömmlich und sichert seine erwartete Ernte durch Verkauf eines September-Weizen-Futures ab. (Ich weiß nicht, wann Weizen geerntet wird...)
Eine Woche später verwüstet ein Hagelsturm / eine unerklärliche Häufung von Kornkreisen / der mangelnde Regen / zuviel Regen? / eine Gruppe von Braunkohledemonstranten, die auf seinen Feldern campen / Polizei, die die Camper von seinen Felder entfernt, seine Ernte zu großen Teil.
Der pfälzische Bauer, der sich doch gehedgt hatte, ist plötzlich "naked short".
Zwischenzeitlich hat sich der September-Weizen an der MATIF verdoppelt, denn er und seine Nachbarn müssen verlustträchtige Hedge-Geschäfte eindecken.
Dieses Beispiel nur am Rande, wie Hedges explodieren können...
Gruß
paranoia
P.S.: Bei der Gelegenheit möchte ich dem verstorbenen Jürgen Küßner gedenken, der diese Plattform begründete und Manipulation und verschwörungstheoretische Ansätze immer weit von sich wies.
Ihm widme ich diesen Artikel!
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Ich sage "Ja!" zu Alkohol und Hunden.