Nicht Denkfaulheit, sondern Führungsfaulheit

Miesepeter, Montag, 27.02.2023, 18:56 (vor 1098 Tagen) @ Avicenna3068 Views
bearbeitet von Miesepeter, Montag, 27.02.2023, 19:11

Der bekannte Hochschullehrer Ernst Pöppel, der an der Ludwig-Maximilians-Universität in München von 1976 bis 2008 als Professor für Medizinische Psychologie angehende Psychologen und Psychotherapeuten ausbildete, schätzte, "dass nur rund zehn Prozent der Menschen selber denken und ihr Leben in die eigene Hand nehmen. … Nicht zu denken ist in der Tat ein gesundheitlicher Risikofaktor."

Dies sind genau die 10% mit einem IQ von 120 oder höher, also dem benötigtem Minimum, um in einer modernen, global verknüpften, wissenschaftlich dokumentierten Welt die komplexen Probleme sachgerecht erfassen und analysieren zu können.

Nicht jeder dieser 10% hat Zeit, Energie, Aufmerksamkeit, Neigung und Möglichkeit, sich jedem x-beliebigem Thema annehmen zu können, real erreichen nur ein Bruchteil dieser 10% eine angemessene Kompetenz.

Dies sind die Leute, welche den Rest durch Aufklärung, Beratung, Mandatsübernahme, Beeinflussung oder Zwang (je nach Veranlagung) führen müssten.


Wenn also diejenigen, die von der Gesellschaft ausgebildet werden, die Gesellschaft zu führen, sich jedoch weigern, ihren Verstand zu benutzen, was bitte, wird dann das Ergebnis sein? Ist es nicht logisch, dass aus der Weigerung, den Verstand zu benutzen, zwingend der Untergang der Denkfaulen und der Denkverweigerer folgt?

Es ist nicht die Denkfaulheit, sondern die Führungsfaulheit der Kompetenten. Die Auflösung der Vorstellung einer Führungsverantwortung von Funktionseliten in ihren nationalen Gesellschaften seit den siebziger Jahren hat dazu geführt, dass heute diese 10% agieren wie russische Oligarchen - sie kümmern sich um ihre eigenen wirtschaftlichen Belange und jetten ansonsten durch die Welt und machen Trophy-Snapshots. Die Belange ihrer intelektuell oder sozial schlechter gestellten Mitbürger interessieren sie wenig, jeder ist seines eigenen Glückes Schmied.

So wird das Feld der gesellschaftlichen Führung komplett denjenigen überlassen, die gegen Bezahlung die Führungsfunktionen wahrnehmen, und diese nehmen sie natürlich wahr im Sinne ihrer Auftraggeber, also derjenigen, die sie bezahlen.

Gleichzeitig steigt die Komplexität der Verhältnisse permanent (vgl. Tainter), die Anforderungen an die Gruppe der Funktionseliten erhöhen sich also ständig, sowohl im ureigenen Kompetenzbereich wie auch im gesellschaftlichen Verantwortungsvereich, entsprechend weniger Kompetenz & Energie kann pro Problem noch investiert werden.

Nimmt man diese 3 Faktoren (Führungsfaulheit, Abgabe jeglicher Verantwortung an bezahlte "Experten", permanent steigende Komplexitätsanforderungen) zusammen, so ist es nicht verwunderlich, dass die Ergebnisse nicht mehr von der Art sind, dass sie die Interessen der Denkfähigen, oder gar der Gesamtgesellschaft gerecht werden.

Und so kommt es dann, dass Sarah Wagenknecht - eine sympthatische und mutige Frau, aber auch kein politisches Jahrhunderttalent - quasi schon allein im Regen steht, wenn sie nur die Beachtung der banalsten Grundinteressen der deutschen Gesellschaft einfordert. Nicht weil es innerhalb der 10% allgemein an Mitdenkenden mangelt, sondern weil diese Denkenden zwar gerne mitdenken, aber keinesfalls die Mühen der Verantwortung und Führung auf sich nehmen wollen.

Gruss,
mp


gesamter Thread:

RSS-Feed dieser Diskussion

Werbung