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ZITAT »Diese Verschwörer sind aber nicht die Wurzel allen Übels, sondern ausführende Kräfte des Zeitgeistes.«

    Die Ursachen der Hyperinflation von 1922/23

    verfasst von Divinum, 29.03.2009, 23:17
    (editiert von Divinum, 29.03.2009, 23:34)

    Hallo allerseits,

    in folgendem Beitrag will ich mal die herrschende Meinung über die Ursachen der Hyperinflation in Deutschland von 1922/23 in Frage stellen. Wenn man die üblichen Abhandlungen zum Thema liest, so wird von den Autoren i.d.R. der Staat als Verursacher und damit als Verantwortlicher für das Währungsdesaster genannt. Die Darstellung lautet kurz und knapp zusammengefasst folgendermaßen:

    1914 brach der 1. Weltkrieg aus. Die kriegführenden Staaten standen vor der Frage, wie sie ihn finanzieren sollten. Deutschland entschied sich dafür, den Krieg vor allem durch Anleihen - also Schuldenmachen - zu finanzieren. Der Krieg dauerte über vier Jahre und so häufte der deutsche Staat bis Kriegsende 1918 eine Menge Schulden an. Die deutsche Regierung hoffte auf ein für Deutschland siegreiches Kriegsende, sodass sie die Besiegten, die man als verantwortlich für den Weltkrieg ansah, zur Bezahlung der Kriegsschulden zur Kasse bitten könnte. Doch es kam anders. Deutschland verlor den Krieg und wurde seinerseits von den Alliierten zur Kasse gebeten. Und das in einem Maße, dass es kaum möglich war die Geldforderungen zu erfüllen. Deutschland war nach dem Krieg bis über beide Ohren verschuldet und als wehrlos gemachter Staat dazu gezwungen die allierten Wünsche zu erfüllen. - Bis hierhin einverstanden. - Nun soll die deutsche Reichsregierung, um ihre Schulden bezahlen zu können, einfach vermehrt die Notenpresse angeschmissen haben. Frei nach dem Motto: Je mehr Geld man druckt, desto einfacher wird man seine Schulden los.

    So ungefähr lautet kurzgefasst die übliche Darstellung. Diese Darstellung ist aber äußerst fragwürdig, denn:

    1. Musste der deutsche Staat seine Schulden ggü. den Alliierten gar nicht in Papiermark (Gesetzliches Zahlungsmittel von 1919 bis Ende 1923), sondern in erster Linie in Goldmark bezahlen, deren Wert nicht an den Wert der Papiermark gebunden war. Ein vermehrtes Papiermark drucken zu diesem Zweck wäre also sinnlos gewesen.

    2. Hatte die Reichsregierung seit Ende Mai 1922 überhaupt nicht mehr die Befugnis die Notenpresse nach ihrem Ermessen anzuwerfen. Diese Befugnis wurde ihr nämlich mit dem "Gesetz über die Autonomie der Reichsbank" vom 26. Mai 1922 entzogen. Dieses Gesetz kam offenbar auf Druck der alliierten Siegermächte zustande, denen die deutsche Geldpolitik anscheinend nicht in den Kram passte. Hier die Veröffentlichung des Gesetzes im Reichsgesetzblatt vom 3. Juni 1922:

    [image]

    [image]

    Mit diesem Gesetz wurde das Bankgesetz von 1875 geändert. Die wichtigsten Änderungen:

    In § 12 Abs. 1 wurden die Worte "und Leitung" gestrichen. Der alte § 12 Abs. 1 lautete:

    "Unter dem Namen „Reichsbank“ wird eine unter Aufsicht und Leitung des Reichs stehende Bank errichtet, welche die Eigenschaft einer juristischen Person besitzt und die Aufgabe hat, den Geldumlauf im gesammten Reichsgebiete zu regeln, die Zahlungsausgleichungen zu erleichtern und für die Nutzbarmachung verfügbaren Kapitals zu sorgen."

    Die geänderte Fassung lautete:

    "Unter dem Namen „Reichsbank“ wird eine unter Aufsicht des Reichs stehende Bank errichtet, welche die Eigenschaft einer juristischen Person besitzt und die Aufgabe hat, den Geldumlauf im gesammten Reichsgebiete zu regeln, die Zahlungsausgleichungen zu erleichtern und für die Nutzbarmachung verfügbaren Kapitals zu sorgen."

    Der alte § 26 bestimmte:

    "Die dem Reiche zustehende Leitung der Bank wird vom Reichskanzler, und unter diesem von dem Reichsbank-Direktorium ausgeübt; in Behinderungsfällen des Reichskanzlers wird die Leitung durch einen vom Kaiser hierfür ernannten Stellvertreter wahrgenommen:
    Der Reichskanzler leitet die gesammte Bankverwaltung innerhalb der Bestimmungen dieses Gesetzes und des zu erlassenden Statuts (§. 40). Er erläßt die Geschäftsanweisungen für das Reichsbank-Direktorium und für die Zweiganstalten, sowie die Dienstinstruktionen für die Beamten der Bank, und verfügt die erforderlichen Abänderungen der bestehenden Geschäftsanweisungen (Reglements) und Dienstinstruktionen."


    Der Paragraph bekam per Gesetz über die Autonomie der Reichsbank nun den Wortlaut:

    "Die Leitung der Reichsbank steht ausschließlich dem Reichsbankdirektorium nach Maßgabe der Bestimmungen des Gesetzes zu."

    § 27 alte Fassung:

    "Das Reichsbank-Direktorium ist die verwaltende und ausführende, sowie die, die Reichsbank nach außen vertretende Behörde.
    Es besteht aus einem Präsidenten und der erforderlichen Anzahl von Mitgliedern, und faßt seine Beschlüsse nach Stimmenmehrheit, hat jedoch bei seiner Verwaltung überall den Vorschriften und Weisungen des Reichskanzlers Folge zu leisten.
    Präsident und Mitglieder des Reichsbank-Direktoriums werden auf den Vorschlag des Bundesraths vom Kaiser auf Lebenszeit ernannt."


    § 27 neue Fassung:

    "Das Reichsbank-Direktorium ist die verwaltende und ausführende, sowie die, die Reichsbank nach außen vertretende Behörde.
    Der Präsident wird nach gutachtlicher Äußerung des Reichsbankdirektoriums und des Zentralausschusses auf Vorschlag des Reichsrats vom Reichspräsidenten auf Lebenszeit ernannt. Die Mitglieder werden nach gutachtlicher Äußerung des Zentralausschusses (§ 30) auf Vorschlag des Reichsbankdirektoriums und mit Zustimmung des Reichsrats vom Reichspräsidenten auf Lebenszeit ernannt."


    Ab Ende Mai 1922 war es also mit der Kontrolle der Reichsbank durch die Reichsregierung zu Ende! Denn ab dem Zeitpunkt besaß die Reichsregierung weder die Leitung der Reichsbank, noch konnte der Reichskanzler der Reichsbank Weisungen erteilen oder ihr gegenüber Verwaltungsvorschriften erlassen. Nun ist es aber so, dass die Inflation erst nachdem die Reichsbank "autonom" geworden war, zu galoppieren anfing:

    [image]

    Statistik: Meßziffer des Dollarkurses in Berlin für das Jahr 1922:

    Jan. 45,69
    Feb. 49,51
    Mär. 67,70
    Apr. 69,32
    Mai. 69,11
    Jun. 75,62
    Jul. 117,49
    Aug. 270,26
    Sep. 349,18
    Okt. 757,73
    Nov. 1711,08
    Dez. 1807,83

    Quelle: www.dhm.de

    Den Staat als Verursacher der Hyperinflation zu bezeichnen kann also nicht richtig sein. Deutschland war Anfang der 20er Jahre hochverschuldet. Eine hohe Verschuldung hat prinzipiell deflationäre und keine inflationäre Auswirkung. Und der Staat hatte ab Jahresmitte 1922 kaum noch Einfluß die Geldpolitik.

    Was waren also dann die wirklichen Ursachen für die Hyperinflation?

    Ich denke, dass die Hyperinflation in erster Linie durch ein verantwortungsloses, nunmehr stärker von privaten Interessen dominiertes Reichsbankbankdirektorium verursacht wurde. Denn das zeitliche Zusammenfallen von Autonomisierung der Reichsbank und Ausbruch der wirklichen Hyperinflation ist schon sehr auffällig. Man muss auch beachten, dass Anfang der 20er Jahre noch kein Monopol zur Ausgabe von Geld seitens der Reichsbank bestand. Im Bankgesetz von 1875 heißt es nämlich in den §§ 42ff, dass neben der Reichsbank auch private Notenbanken zur Ausgabe von Geld berechtigt gewesen sind.

    Link: Bankgesetz im Wortlaut

    Anscheinend ließ man ab Juni 1922 den privaten Notenbanken in Sachen Geldemission freiere Hand als vorher. Zu Beginn des 1. Weltkriegs hatte man außerdem die gesetzliche Noteneinlösungspflicht der Reichsbank in Gold aufgehoben. Dasselbe wird wohl auch für die privaten Notenbanken gegolten haben. Und mir ist nicht bekannt, dass die Einlösungspflicht nach Ende des Krieges wieder eingeführt worden war.

    Auf der Webseite des Deutschen Historischen Museums kann man weiterhin folgendes lesen:

    "Trotzdem reichten die verfügbaren Zahlungsmittel nicht aus, die Druckmaschinen konnten den schwindelerregenden Wertverlust während der Hyperinflation einfach nicht mehr durch vermehrten Notendruck ausgleichen. Deshalb wurden von mehr als 5.800 Städten, Gemeinden und Firmen eigene Notgeldscheine herausgegeben. Die Bevölkerung nahm alles als Zahlungsmittel an, was wie Geld aussah oder irgendwie "wertbeständig" wirkte. Insgesamt sind über 700 Trillionen Mark (700.000.000.000.000.000.000 M) als Notgeld und rund 524 Trillionen Mark (524.000.000.000.000.000.000 M) von der Reichsbank verausgabt worden." (Quelle)

    Es ist schon erstaunlich, dass in der Endphase der Hyperinflation mehr private Notgelder in Umlauf waren als "offizielles Geld". Anscheinend hatte damals nahezu jeder das Recht zusätzlich zum offiziellen gesetzlichen Zahlungsmittel eigene "Währungen" in Umlauf zu bringen, ähnlich wie man es heute von den sog. "Regios" in kleinem Umfang kennt. Es gibt hierzu eine interessante Seite, auf der man Bilder von verschiedensten Notgeldern finden kann:

    http://www.das-deutsche-notgeld.de/pm.htm#inhalt

    Dass man die Kontrolle über die eigene Währung verliert, wenn es neben einem selbst als offizielles Organ noch tausende weitere Geldemittenten im selben Währungsgebiet gibt, die in unbekannter Höhe Zahlungsmittel in Umlauf bringen, ist selbstverständlich. Die unkontrollierte Emission von sog. Notgeldern hat daher sicherlich die Hyperinflation zumindest stark mitverursacht.

    Gruß,
    Divinum


    gesamter Thread:

  • Die Ursachen der Hyperinflation von 1922/23 - Divinum, 29.03.2009, 23:17

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