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ZITAT »Wir ersticken in der Datenflut.«

    Kaufen vs. Bezahlen - oder: Warum 'Geld' mit 'Tausch' reichlich wenig zu tun hat

    verfasst von BillHicks Homepage E-Mail, Wien, 20.03.2009, 22:59
    (editiert von BillHicks, 20.03.2009, 23:09)

    Hallo Gemeinde,

    angeregt u.a. durch Beiträge wie diesen von @paranoia oder die Diskussion mit dottore - heute:

    Der Unterschied zwischen Kaufen und Bezahlen und wie man anhand der in die Operation einbezogenen Bilanzen erkennen kann welche Operation (Kaufen oder Bezahlen) vorliegt. Aus dem Unterschied dieser beiden Operationen lässt sich sehr schön der Kontrast zum 'Tausch' erkennen - und es lässt sich sogar begründen, weshalb die Geldwirtschaft gern mit der Tauschwirtschaft verwechselt wird (Grüße auch an die neoklassischen Tauschwirtschafts-Märchenonkel um Walras & Co.).

    Bemerkung vorab: ich sehe im weiteren von Skonto, Zins etc. ab (kommt evtl. in einem weiteren Post)

    Zeitpunkt t_0:

    Kauf (irgend)eines Vermögensgegenstandes (Asset) mit Buchwert 100 durch einen Käufer:

    Aktiv__________________Käufer__________________Passiv
    Asset +100_______________|_____Verbindlichkeiten +100

    [Buchungssatz: Asset / Verbindlichkeiten 100]

    Der Käufer hat nun den Vermögensgegenstand im Wert von 100. Dementsprechend verlängert sich die Aktivseite seiner Bilanz (Mittelverwendung) um +100. Gleichzeitig ist er eine Verbindlichkeit (aus Lieferung und Leistung) eingegangen, denn er hat mit dem Verkäufer ein Zahlungsziel von 14 Tagen vereinbart ("Lieferantenkredit"), damit ist er höher verschuldet. Entsprechend erhöhen sich also seine Verbindlichkeiten (Passivseite, Mittelherkunft) ebenfalls um +100. Es liegt eine "Aktiv-Passiv-Mehrung" oder "Bilanzverlängerung" vor. Die Bilanzsumme hat sich (hier um 100) erhöht (und damit auch die Verschuldung).

    Der Verkäufer muss diesen Vorgang in seiner Bilanz ebenfalls ausweisen. Er hat den Vermögensgegenstand nicht mehr - er hat dem Käufer jedoch eine Rechnung geschrieben, die eine Forderung seinerseits gegen den Käufer darstellt. Die Bilanz ändert sich also dementsprechend:

    Aktiv________________Verkäufer_________________Passiv
    Asset -100_______________|
    Forderungen +100_________|

    [Buchungssatz: Forderungen / Asset 100]

    Es liegt hier ein sog. Aktiv-Tausch vor. Die Bilanzsumme hat sich nicht verändert.

    Zeitpunkt t_1 - (z.B. 14 Tage nach t_0):

    Mit Fälligkeit der Schuld (bzw. kurz vorher) muss diese durch den Schuldner erfüllt werden. Die Erfüllung ist hier die Tilgung der Geldschuld durch Bezahlen. Dazu kann der Schuldner ein Zahlungsmittel nutzen, welches entweder durch schuldbefreienden Annahmezwang (gesetzliches Zahlungsmittel per Dekret) automatisch die Erfüllung der Geldschuld bewirkt oder alternativ ein Zahlungsmittel nutzen, das im Kaufvertrag bestimmt wurde bzw. schlicht vom Gläubiger akzeptiert wird (z.B. Überweisung).

    Und jetzt noch mal auf Deutsch: Der Schuldner muss bei Fälligkeit der Schuld diese tilgen indem er bezahlt. Zahlungen können regelmäßig bar oder per Überweisung vorgenommen werden.

    Ausgehend davon, dass entweder bar oder per Überweisung bezahlt wird kommen auf Seiten des Zahlenden 2 Konten in Frage: Bank oder Kasse. Werde mich hier zunächst nicht festlegen und einfach nur "Zahlungsmittel" als Kontenbezeichnung verwenden. Der Zahlende verliert durch die Bezahlung seiner Schuld 100 an Zahlungsmitteln, entsprechend reduzieren sich auch die Verbindlichkeiten:

    Aktiv__________________Zahler__________________Passiv
    Zahlungsmittel -100______|_____Verbindlichkeiten -100

    [Buchungssatz: Verbindlichkeiten / Zahlungsmittel 100]

    Es liegt hier eine "Aktiv-Passiv-Minderung" oder "Bilanzverkürzung" vor. Die Bilanzsumme hat sich um 100 verringert. Die Verschuldung des Zahlenden hat sich reduziert.

    Auf Seiten des Bezahlten sieht es folgendermaßen aus:

    Aktiv________________Bezahlter_________________Passiv
    Zahlungsmittel +100______|
    Forderungen -100_________|

    [Buchungssatz: Zahlungsmittel / Forderungen 100]

    Die Zahlungsmittel erhöhen sich beim Bezahlten, die Forderungen verringern sich entsprechend.

    Alles wenig überraschend und das hat alles reichlich wenig mit 'Tausch' zu tun. Wie aber kommen nun die (Mainstream-)Volkswirte darauf von Geld als 'Tauschmittel' zu sprechen? Könnte dies aus der kompletten Negierung des Termins resultieren? Denn es ist durchaus möglich, dass Kaufen und Bezahlen zeitlich zusammenfallen (t_0 = t_1). Tatsächlich findet das gleichzeitige Kaufen/Bezahlen fast täglich statt (bspw. im Supermarkt) und möglicherweise haben sich die Tauschtheoretiker aus eigener Kaufen/Bezahlen-Erfahrung da selbst aufs Glatteis geführt. Wie sehen die Bilanzen aus, wenn Kaufen und Bezahlen gleichzeitig statt finden?

    Aktiv______________Käufer/Zahler_________________Passiv
    Asset +100_______________|
    Zahlungsmittel -100______|

    Aktiv___________Verkäufer/Bezahlter______________Passiv
    Asset -100_______________|
    Zahlungsmittel +100______|

    Der Käufer/Zahler verliert Zahlungsmittel in Höhe des Preises, bekommt dafür ein Asset (irgendeinen Vermögensgegenstand) in entsprechender Höhe. Analog beim Verkäufer/Bezahlten: er erhält Zahlungsmittel in Höhe des Kaufpreises und verliert das Asset.

    Es handelt sich jeweils um einen Aktiv-Tausch - die Bilanz hat sich zu keinem Zeitpunkt bei einem der beiden Involvierten verlängert, die Verschuldung hat sich nicht erhöht und nicht verringert.

    Das - wie ich finde - Spannende an dieser Stelle: Ein Tausch von Asset_a in Asset_b und umgekehrt würde so verbucht:

    Aktiv______________Tauschender_A_________________Passiv
    Asset_a -100_____________|
    Asset_b +100_____________|

    Aktiv______________Tauschender_B_________________Passiv
    Asset_a +100_____________|
    Asset_b -100_____________|

    Zum verwechseln ähnlich, nicht wahr? Die Tauschtheoretiker blenden einfach den Termin vollkommen aus, indem sie so tun als fände Kaufen und Bezahlen immer zum selben Zeitpunkt statt. Vermutlich haben sie deshalb den freien Blick auf das was Geld tatsächlich ist verloren (sprechen daher folgerichtig auch von "Geldneutralität" oder vom "monetären Schleier"). Wie im folgenden deutlich werden soll gäbe es überhaupt kein Geld (Zahlungsmittel), wenn Kaufen und Bezahlen tatsächlich immer zusammenfallen würden.

    Kaufen und Bezahlen möchte ich deshalb folgendermaßen definieren:

    Kauf (Kaufen) := Erhöhung der Bilanzsumme durch Übereignung (irgend)eines 'Assets' (Aktivum) des Verkäufers an den Käufer wobei sich dadurch der Verschuldungsgrad (Passivum, Fremdkapital) des Käufers erhöht
    Bezahlen := Verringerung der Bilanzsumme durch Übereignung eines Zahlungsmittels (Aktivum) an einen Gläubiger und dadurch Tilgung einer Verbindlichkeit (Geldschuld, Passivum) des Zahlenden

    Der ein oder andere Jurist wird sich vermutlich an den Kopf fassen, aber ich habe keine andere Möglichkeit zur begrifflichen Trennung gefunden. An der Stelle also einmal mehr der Hilferuf nach einem Juristen, der die Suppe der Ökonomen auslöffelt :)

    Weiter im Text:

    Wie komme ich zu der Behauptung, dass ohne die zeitliche Trennung von Kaufen und Bezahlen (im obigen Sinne) kein Geld existierte? Antwort: Durch die besondere Rolle der Banken.

    Bank A vergibt einen Kredit an Kunde K mit Nennbetrag 100. Kein Damnum, englische Buchung:

    Aktiv_________________Bank_A___________________Passiv
    Forderungen +100_________|_________Sichteinlagen +100

    Von der Buchung her sieht das nach 'Kaufen' aus. Die Bank 'kauft' ein Asset (nämlich die Forderung gegen K) und erwartungsgemäß steigt die Verschuldung der Bank, denn die Sichteinlagen zählen zum Fremdkapital der Bank. Einen Termin gibt es auch, nämlich sofort (täglich fällig).

    Kunde K verbucht so:

    Aktiv_________________Kunde_K__________________Passiv
    Zahlungsmittel +100______|_____Verbindlichkeiten +100

    Ebenfalls ein 'Kauf'. K erhält ein Asset (die 100 auf seinem Konto "Bank") und erhöht seinen Verschuldungsgrad durch die Verbindlichkeit, die er eingegangen ist. Auch hier gibt es einen Termin zu dem die Verbindlichkeit getilgt werden muss (oder anders: die Schuld hat eine Fälligkeit).

    [Anmerkung/Exkurs: Es ist eigentlich interessant, dass der Kredit des Kunden nicht zuvor bereits als 'Asset' in seiner Bilanz stand (mit entsprechendem EK). Hinter der Forderung, die die Bank nun hält steht im Prinzip nichts anderes als die Arbeitskraft des K, welche er als 'Verkäufer' hier an die Bank verkauft. Deshalb könnte man durchaus diskutieren ob der Kunde nicht eigentlich einen Aktiv-Tausch machen müsste - statt, dass er sich verschuldet. Wenn man mal davon ausgeht, dass man 1.000.000 € in seinem Leben erarbeiten kann (konservativ geschätzt) und außer über seine Arbeitskraft (incl. Kreativität etc.) über keinerlei sonstige Assets verfügt, sähe das dann so aus:

    Bestand:

    Aktiv_________________Kunde_K_________________Passiv
    Arbeitskraft 1000000_____|______Eigenkapital 1000000

    (quasi das "Human(eigen)kapital")

    Änderungsbuchung bei obiger "Kreditaufnahme", die jetzt vielmehr eine 'Monetisierung' der eigenen Abreitskraft ist:

    Aktiv_________________Kunde_K_________________Passiv
    Arbeitskraft -100________|
    Zahlungsmittel +100______|

    Das Eigenkapital bliebe unverändert, K würde sich nicht verschulden. Heute jedoch verkauft der Kunde seine Arbeitskraft UND zahlt die Monetisierung zurück (plus Zinsen).

    Aber das mal nur am Rande. Zurück zur aktuellen Sachlage: ]


    Das Konto "Zahlungsmittel" des K müsste korrekterweise "Bank" heißen, da er nun über 100 auf seinem Girokonto verfügt. Für K ist es aber (beinahe) unerheblich ob er über Zahlungsmittel auf dem Konto "Bank" oder über Zahlungsmittel auf dem Konto "Kasse" (sprich: Bargeld) verfügt. Er kann seine Rechnungen nämlich nicht nur bar, sondern problemlos auch per Überweisung bezahlen. Das heißt hier soviel wie: es ist K egal, dass die Verbindlichkeit der Bank (Sichteinlage, bei ihm Konto "Bank") täglich fällig ist. Er (K) lässt den Termin regelmäßig verstreichen und löst seine täglich fälligen Sichteinlagen nicht täglich auf.

    Richtigerweise schreibt daher Richard S. Sayers in "Modern Banking":
    „Banks are instiutions whose debts – usually referred to as bank deposits – are commonly accepted in final settlement of other people‘s debts.“

    Das heißt nichts anderes als dass es für K 'ok' ist, Sichteinlagen zu halten, anstatt auf Bargeld zu bestehen, denn er kann mit den Schulden der Bank andere Gläubiger bezahlen, oder anders gesagt: alles was er mit Bargeld anfangen kann, kann er genauso gut - oder sogar besser - mit den Sichteinlagen ("Giralgeld") erledigen. Das heißt K fühlt sich bereits bezahlt!

    Die Gläubiger der Banken bestehen also nicht auf den Termin der Fälligkeit der Bankschulden, sondern belassen ihr Geld regelmäßig auf der Bank. Das könnte man auch so beschreiben, als dass die kurzfristigen Verbindlichkeiten von Banken - aufgrund ihrer Zahlungsmittel-Funktion - eine de facto ewige Schuld sind, während sie de jure täglich fällig wären.

    [Anmerkung: Um den Post nicht zu sprengen nur ein kurzer Hinweis auf das was die FED derzeit macht. Per "Quantitative Easing" betätigt sich die FED als "Käufer". Sie erhöht den Grad der eigenen Verschuldung (ZB-Buchgeld + Bargeld). Allerdings sind die ZB-Schulden (Bargeld) nicht de facto, sondern de jure ewige Schulden. Sie sind in nichts (mehr) einlösbar. Aber auch hier - analog zu den Geschäftsbanken: die 'Verkäufer' der Assets fühlen sich bezahlt, da die Verbindlichkeiten der ZB Zahlungsmittel sind. Tatsächlich findet aber der Bezahlungs-Vorgang (Tilgung der Schuld) nie statt!]

    Wir halten also fest:

    Bei einer Kreditvergabe (allgemeiner: Monetisierung von Aktiva, welche selbst nicht Zahlungsmittel sind) kaufen Banken ein Asset - sie verschulden sich also - aber gleichzeitig haben sie de facto auch schon bezahlt, weil sich der Verkäufer des Assets bezahlt fühlt und zwar durch die ihm jetzt zur Verfügung stehenden Sichteinlagen (Bankschulden). Der tatsächliche Bezahlungs-Vorgang (Bilanzverkürzung, Schuldentilgung) findet jedoch nicht statt! Vielmehr kann der Verkäufer des Assets (oder Kreditnehmer) zukünftig mit der kurzfristigen Verbindlichkeit der Bank (Sichteinlage) selbst eine Bezahlung (Schuldentilgung) vornehmen.

    Es sind also nur deshalb Zahlungsmittel entstanden, weil eine Schuld kreiert wurde, die zwar täglich fällig ist, aber gerade nicht täglich getilgt (zum Termin bezahlt) wird. Würde tatsächlich die tägliche Fälligkeit wahrgenommen und die Sichteinlagen würden täglich aufgelöst werden, so müssten die Sichteinlagen (Bankschulden) täglich getilgt (bezahlt) werden --> Sichteinlagen würden täglich verschwinden. So wie die Schuld des Käufers ganz oben verschwindet, wenn er seine Verbindlichkeit aus Lieferung und Leistung nach 14 Tagen tilgt.

    Noch etwas wichtiges gilt es fest zu halten:
    Nicht jeder Kauf erhöht die Summe der zur Tilgung verwendbaren Zahlungsmittel. Nur wenn der Käufer auf der Passivseite der eigenen Bilanz Verbindlichkeiten kreieren kann, die als Zahlungsmittel akzeptiert werden und sehr leicht übereignet werden können (Abtretung, Überweisung...) nur dann ist der Kauf ein inflationärer Vorgang (i.S.v. Erhöhung der Summe der Zahlungsmittel/Schuldentilgungsmittel).

    Analog gilt das auch fürs 'Bezahlen': Ganz oben wurde durch das Bezahlen eine Schuld getilgt, die nicht als Zahlungsmittel fungierte. Oder anders: die Passiva des Zahlenden wurden nicht als Zahlungsmittel verwendet. Demnach ist auch nicht sämtliches Bezahlen ein deflationärer Vorgang. Damit möchte ich die Sicht von @weissgarnix, der ja leider hier nicht mehr antworten wird, ergänzen:

    "Jeder netto neu hinzutretende Kredit “kauft” und kann damit Nachfrage wie Preise erhöhen. Die bestehende Geldmenge hindoch kann nur noch “bezahlen”. Das ist aber kein inflationärer, sondern ein deflationärer Vorgang."
    Quelle: www.weissgarnix.de


    Bedanke mich fürs Lesen und freue mich auf Input!

    ---
    BillHicks

    ..realized that all matter is merely energy condensed to a slow vibration – that we are all one consciousness experiencing itself subjectively. There's no such thing as death, life is only a dream, and we're the imagination of ourselves.

    

    gesamter Thread:

  • Kaufen vs. Bezahlen - oder: Warum 'Geld' mit 'Tausch' reichlich wenig zu tun hat - BillHicks, 20.03.2009, 22:59

Wandere aus, solange es noch geht.


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