Das Gelbe Forum Forum nach Zeit sortieren Forum nach letzter Antwort sortieren die 150 neuesten Beiträge
Forum-Menü | Fluchtburg autark am Meer | Goldpreis heute | Bücher vom Kopp-Verlag
ZITAT »Wir ersticken in der Datenflut.«

    Deutschland - Europas zögerliche Vormacht

    verfasst von frosch, 20.06.2013, 11:20

    Die eigene Staatsmacht ist die schlimmste. Das stimmt für alle, die einen Polizeiknüppel zu spüren bekommen und vom Jobcenter und anderen Ämtern schikaniert werden. Von innen gesehen ist die eigene Staatsmacht die schlimmste. Betrachtet man aber das schrille „Konzert“ der Staatsmächte in der Welt, dann drängen sich doch Unterschiede auf. Da gibt es große und kleine Staaten, reiche und arme, kriegerische und friedlichere.
    Der britische „Economist“ ist eine Zeitschrift, die sich schon immer auf die Seite der aggressivsten Staatsmacht geschlagen hat. Dieser „Economist“ beklagt in dieser Woche, dass die deutsche Regierung in Europa eine zu zurückhaltende Rolle spielt und die deutsche Staatsmacht in Europa ein „reluctant hegemon“, eine zu zögerliche Vormacht ist: „It lacks the capacity to act als Europa’s hegemon ...“


    Das kann man für eine bloße Verteidigungsrede halten in einer Zeit, wo die deutsche Regierung in etlichen Ländern Europas als „Viertes Reich“ und Kanzlerin Merkel als neuer Hitler gescholten wird.
    Wäre es nur das, dann wäre der Artikel nicht von Interesse. Im Vorspann des Artikels wird allerdings einer illustren Reihe von deutschen „Leistungsträgern“ aus Politik und Wirtschaft für Hintergrundinformationen gedankt. Der Text des „Economist“ gibt daher Einblick in die Befindlichkeiten der herrschenden Klasse in Deutschland.

    Der „Economist“ meint, auf die Europapolitik habe die kommende Bundestagswahl kaum einen Einfluss: „Whatever its outcome, the election is unlikely to prompt a sudden shift in Germany’s policy towards the euro or the EU.” Kurz: In der Europapolitik folgen die deutschen Entscheidungsträger einer gemeinsamen Linie: „German attitudes to Europa and to leadership run deeper than party politics.“ Die herrschende Klasse in Deutschland ist „instinctively pro-European.“

    Die deutschen Entscheidungsträger sind sich nicht nur einig, was Europa angeht, sondern auch in der deutschen Außenpolitik weltweit. Nicht nur die Politikerklasse, sondern auch die sonstige wirtschaftliche und soziale Elite sind für außenpolitische Vorsicht und Zurückhaltung: „most Germans are loth to see their Government take the lead.“
    (Aus meiner Sicht ist diese außenpolitische Zurückhaltung ein „imperialistisches Trittbrettfahren“.)

    Für dieses imperialistische Trittbrettfahren gibt es nach Ansicht des Economist handfeste Gründe. Zweimal im letzten Jahrhundert starteten die deutschen Machthaber einen Eroberungskrieg in Europa. Zweimal ist dieses Vorhaben kläglich gescheitert. Seit der letzten großen Niederlage segelten die deutschen Machthaber im Schatten eines großen Oberherrn. Für die ostdeutschen Machthaber hat sich das nicht ausgezahlt. Aber der größere Westen durchlebte mit nun 68 Jahren die längste ununterbrochene Friedenszeit seit der Reformation und den Bauernkriegen im 16. Jahrhundert.
    Die Herausforderung, vor der Europa und Deutschland stehen, ist nach Ansicht des Economist „to secure the continent’s prosperity in the 21st century, when emerging economies were rising fast.“ An erster Stelle dieser „emerging economies“ steht China. Und China ist der neue Konkurrent, den Europa fürchtet, und den die deutschen Machthaber fürchten.

    Siehe dazu folgende froschgrafik:

    [image]

    Welche Schlussfolgerungen zieht die herrschende Klasse in Deutschland aus dem Aufstieg Chinas? Sie will das Niedriglohnland mit seinen Waffen schlagen. Deutschland und Europa sollen ebenfalls einen wachsenden Niedriglohnsektor bekommen. Das war die für die Lohnarbeiter in Deutschland verheerende „Agenda 2010“, die vom Economist ausdrücklich gelobt wird: „Some 20 % of Germans now work in ‚low-wage’ jobs, about the same share as in Britain, not much lower than in America und almost twice as much as in France.“
    “Most Germans’ living standard have stagnated.”

    Für die Kapitalisten ist das ein Segen. Sie zahlen relativ zum Umsatz, den sie machen, immer niedrigere Löhne. Die Lohnstückkosten (unit labor costs) fielen in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern.

    Siehe die folgende Grafik der „Nachdenkseiten“:

    [image]

    Die Folge: „Germany’s wealth disparities are huge.“
    Was für die deutschen Kapitalisten erfolgreich war, wird den anderen Kapitalisten in Europa als Vorbild hingestellt.
    Der Economist zitiert die deutsche Kanzlerin mit den Worten: „Mrs. Merkel never tires of saying that Europe has 7 % of the world’s population, 25 % of its gross domestic product and 50 % of its social spending. If the region is to prosper in competition with emerging countries, it cannot continue to be so generous.”
    Der Economist kommt zu dem Schluss: “Mrs. Merkel is concerned mainly with winning in the global economic race...“

    Was folgt aus dieser Analyse des Economist?
    Es ist schwer vorstellbar, dass sich dieser deutsche Erfolgskurs europaweit durchsetzen lässt. Der politische und soziale Widerstand vor allem in Südeuropa gegen die "deutsche Agenda" ist stark und andauernd. Und die Kapitalisten in Resteuropa haben kaum Chancen, den deutschen Exporterfolg zu kopieren, weil dieser Erfolg zum großen Teil auf dem historischen Zufall beruht, dass die „Emerging Markets“ – und vor allem die Chinesen – genau die „Nischenprodukte“ kaufen wollen, die in Deutschland qualitativ hochwertig fabriziert werden: Maschinen und Luxusautos. Die USA und Großbritannien waren schon vor einiger Zeit aus diesem „Nischenmarkt“ ausgestiegen.

    Deutschland wird sich deshalb wirtschaftlich weiter von der EU entfernen. Im Jahr 2000 ging fast die Hälfte des deutschen Exports in die EU. Derzeit sind es noch 37 %, und nach Ansicht von McKinsey wird dieser Anteil weiter sinken.
    Die Alternativpartei ist der zugespitzte und bewusste Ausdruck dieses wirtschaftlichen Rückzugs Deutschlands aus der EU.

    Die deutsche Exportindustrie wird vor allem in die „Emerging Markets“ expandieren. Das Gewicht des deutschen Exports soll von jetzt 50% auf zwei Drittel des Bruttosozialprodukts steigen. Es gibt also für Niedriglöhner in Deutschland zu tun. Diese Niedriglöhner werden zunehmend als Immigranten aus Südeuropa nach Deutschland kommen.
    Die durch Zufall noch erfolgreiche deutsche Exportindustrie hält die kapitalistische Wirtschaft in Deutschland in den kommenden Jahren „über Wasser“.
    Für Europa als Ganzes sehen die Aussichten düsterer aus.
    Der Economist meint: „It is all too easy to imagine the Europe of 2020 having suffered a lost decade, with no groth, an ever bigger debt burden and chronically high unemployment.” – Man kann sich leicht vorstellen, dass im Jahr 2020 Europa ein verlorenes Jahrzehnt durchlebt hat – ohne Wirtschaftswachstum, mit weiter wachsendem Schuldenberg und einer hohen Langzeitarbeitslosigkeit.”

    Gruß frosch

    ---
    井底之蛙

    

    gesamter Thread:

  • Deutschland - Europas zögerliche Vormacht - frosch, 20.06.2013, 11:20

Wandere aus, solange es noch geht.


CoinInvest – Ihr Edelmetallhändler







Michael Grandt
Die Grünen
vonMichael Grandt
Preis: 22,95 EUR







Udo Ulfkotte
Mekka Deutschland
vonUdo Ulfkotte
Preis: 19,95 EUR
428228 Postings in 52190 Threads, 920 registrierte Benutzer, 1082 User online (9 reg., 1073 Gaeste)

Das Gelbe Forum: Das Forum für Elliott-Wellen, Börse, Wirtschaft, Debitismus, Geld, Zins, Staat, Macht (und natürlich auch Politik und Gesellschaft - und ein wenig »alles andere«) | Altes Elliott-Wellen-Forum

Ja, auch diese Webseite verwendet Cookies. Hier erfahren Sie alles zum Datenschutz