Das Gelbe Forum Forum nach Zeit sortieren Forum nach letzter Antwort sortieren die 150 neuesten Beiträge
Forum-Menü | Fluchtburg autark am Meer | Goldpreis heute | Zum Tode von Jürgen Küßner | Bücher vom Kopp-Verlag
ZITAT »Wir ersticken in der Datenflut.«

    Das oekonomische Zitat (77); heute: Karl Bücher zum wirtschaftlichen Urzustand

    verfasst von Zandow E-Mail, Heidenau/Sachsen, 20.01.2013, 18:17

    Hallo Gemeinde,


    heute mal ein längeres oekonomisches Zitat.
    Es wurde entnommen dem ersten Kapitel ‚Der wirtschaftliche Urzustand’ aus

    Karl Bücher „Die Entstehung der Volkswirtschaft. Vorträge und Versuche“
    Verlag der H.Laupp’schen Buchhandlung, Vierte Auflage, Tübingen 1904
    (Bibliothek Zandow)

    Angenehme Lektüre wünschend!

    „Alle wissenschaftliche Betrachtung der Wirtschaft geht von der Annahme aus, daß dem Menschen eine ‚wirtschaftliche Natur’ eigen sei, die keinem anderen Lebewesen zukomme. Aus dieser wirtschaftlichen Natur läßt man einen Grundsatz entspringen, welcher alle auf Bedürfnisbefriedigung gerichteten Handlungen des Menschen beherrscht: den Grundsatz der Wirtschaftlichkeit (das ökonomische Prinzip). Dieser Grundsatz offenbart sich darin, daß der Mensch immer und überall die höchstmögliche Befriedigung mit dem geringstmöglichen Opfer (Arbeit) zu erreichen sucht („Prinzip des kleinsten Mittels“).

    Man setzt hernach voraus, daß alle wirtschaftlichen Handlungen des Menschen zweckbewußte, durch Werturteile geleitete Handlungen sind. Mag man immerhin den letzten Anstoß zum Wirtschaften in dem Triebleben des Menschen suchen (Trieb der Selbsterhaltung und des Selbstinteresses), die Befriedigung dieser Triebe findet doch immer durch eine Reihe auf einander folgender geistiger Verrichtungen statt. Der Mensch schätzt die Größe der Unlust ab, welche aus der Nichtbefriedigung eines von ihm empfundenen Bedürfnisses entspringen würde; er schätzt die Unlust der Arbeit, welche die Anschaffung des dafür nötigen Gutes ihm verursachen kann; er vergleicht beide Unlustempfindungen mit einander und wählt von beiden die kleinere, d.h. er entschließt sich nur dann zur Vornahme von Arbeit, wenn das sie begleitende Opfer geringer ist als das Opfer des Unbefriedigtbleibens. Auch bei Vornahme der Arbeit wählt er wieder unter verschiedenen dabei möglichen Verfahrensweisen die mindest beschwerliche, hat also auch hier eine Reihe von Erwägungen, Schätzungen, Vergleichungen, Urteilen vorzunehmen.
    .....

    Allein der Mensch hat zweifellos unermeßliche Zeiträume hindurch existiert, ohne zu arbeiten, und wenn man will, kann man Gegenden auf der Erde genug finden, wo die Sagopalme, der Pisang, der Brotfruchtbaum, die Kokos- und Dattelpalme noch jetzt ihm mit einem Minimum von Anstrengung zu leben gestatten. Hier sucht die Sage am liebsten das Paradies, die Urheimat der Menschen, und auch die neuere Forschung kann der Annahme nicht entraten, daß die Menschheit zuerst an derartige natürliche Existenzgebiete gebunden war und erst durch weitere Entwicklung befähigt wurde, die ganze Erde sich untertan zu machen.

    Von organisierten gesellschaftlichen Verbänden bemerken wir sodann bei den unserer Beobachtung zugänglichen niedrigst stehenden Rassen kaum eine Spur.“

    In einer Fußnote vermerkt Bücher dies:
    „Lippert ... schließt aus dem bei einigen niederen Stämmen vorkommenden Brauche, gefundene Nahrungsmittel durch lautes Rufen anzuzeigen, daß damit ‚die schuldige Rücksicht auf die Familie’ ausgedrückt werden solle.“

    Na, isses nich’ Debitismus in Reinstform?

    Weiter im Text:

    „Wenn Lippert den herrschenden Grundantrieb der Kulturentwicklung in der Lebensfürsorge gefunden hat, so liegt darin den älteren Forschern gegenüber zweifellos ein Fortschritt; allein das Wort selbst ist nicht glücklich gewählt. Von Fürsorge im Sinne einer Sorge für die Zukunft kann bei den Naturvölkern nicht die Rede sein. Der primitive Mensch denkt nicht an die Zukunft; er denkt überhaupt nicht in unserem Sinne; er `will` nur, und zwar will er sein Dasein erhalten. Der Trieb der Selbsterhaltung und Selbstbefriedigung ist das Agens der Entwicklung, neben dem selbst der Geschlechtstrieb sehr zurücktritt.

    Wo irgend Menschen in primitiven Verhältnissen längere Zeit von Europäern beobachtet werden konnten, erzählen die letzteren von der mit nichts zu vergleichenden Stumpfheit und Trägheit, die ihnen bei jenen entgegentrat, von ihrer Gleichgültigkeit für die erhabensten Erscheinungen der Natur, ihrer vollkommenen Interesselosigkeit für alles, was außerhalb des eigenen Ich liegt. Der Wilde will essen, schlafen, wo nötig sich gegen die ärgsten Unbilden der Witterung schützen: das ist sein ganzer Lebenszweck.

    Deshalb ist es auch vollkommen falsch und widerspricht zahlreichen wohlbeglaubigten Beobachtungen, wenn Peschel den Wilden schlechthin ein Uebermaß von religiösen Wahnvorstellungen zuschreibt und meint, daß mit der Annäherung an den Naturzustand immer mehr geglaubt werde. Er nimmt offenbar an, den Naturmenschen müsse der Gang der Sonne und die übrigen Erscheinungen des Himmels unendlich eindringlicher anregen und lebhafter in seinen Gedanken beschäftigen als den Kulturmenschen. Aber das ist keineswegs der Fall. Sowohl bei den Indianern in Brasilien als bei den Negern haben Reisende auf Fragen in dieser Richtung die Antwort erhalten, man habe nie daran gedacht, und H. Spencer hat eine Fülle von Beispielen gesammelt, welche zeigen, daß niedrig stehende Völker nicht einmal für ganz neue Erscheinungen Interesse zeigen. So trugen die Patagonier z.B. gegenüber einem Spiegel, in den man die schauen ließ, die größte Gleichgültigkeit zur Schau, und Dampier berichtet, daß die Australier, die er mit auf sein Schiff genommen hatte, dort auf nichts geachtet hätten, als auf das, was sie zu essen bekamen. Burton nennt die Ostafrikaner `Menschen, welche zwar denken können, aber alles Denken hassen, weil sie sich ausschließlich damit beschäftigen, ihre leiblichen Bedürfnisse zu befriedigen. Ihr Geist ist auf Gegenstände beschränkt, die sich hören, sehen und fühlen lassen; auch mag er sich nur mit dem Augenblicke, mit der Gegenwart beschäftigen. Gedächtnis und Phantasie fehlen ihm.`

    Dasselbe also, was das Tier treibt, die Erhaltung des Daseins, ist auch der maßgebende instinktive Antrieb des Naturmenschen. Dieser Trieb beschränkt sich räumlich auf das einzelne Individuum, zeitlich auf den Augenblick der Bedürfnisempfindung. Mit anderen Worten: der Wilde denkt nur an sich, und er denkt nur an die Gegenwart.
    .....

    Gemeinsame Wirtschaft, Haushalt, Vermögen waren so gut wie nicht vorhanden. Diese konnten erst entstehen, als der Kreis der Bedürfnisse über den bloßen Nahrungsbedarf hinaus sich erweiterte. Das dauerte aber weit länger, als die meisten zugeben wollen. Insbesondere sind die Bedürfnisse nach Körperbedeckung und Obdach bei den Naturvölkern durchaus sekundärer Natur.
    .....

    Und von den südamerikanischen Stämmen berichtet ein anderer Beobachter: ‚Ihrer Natur widerstrebt es, für längere Zeit als höchstens einen Tag im Besitze von Lebensmitteln zu sein.’ Vielen Negerstämmen gilt es als unschicklich, Nahrungsmittel für späteren Bedarf aufzubewahren, was sie freilich mit dem Aberglauben begründen, daß die übrig gebliebenen Brocken Geister herbeilocken könnten.

    Wo diese Völker durch die kurzsichtige Gewinnsucht von Europäern in den Besitz vollkommener Waffen gelangten, pflegten sie eine unglaubliche Verwüstung unter dem Wildbestande ihrer Jagdgründe anzurichten. Bekannt ist die Ausrottung der unermesslichen nordamerikanischen Büffelherden. ‚Die größten Mengen Fleisches ließ man ungenutzt im Busche liegen.’, um zur Winterszeit, wo tiefer Schnee die Jagd hinderte, grässlichem Hunger anheimzufallen, bei dem selbst Baumrinde und Graswurzeln nicht verschmäht wurden. Noch heute rotten die Eingeborenen Afrikas, wo sie mit den Europäern in gewinnbringendem Handelsverkehr stehen, die Quellen ihrer Einnahmen, die Elephanten und den Kautschukbaum schonungslos aus.

    Auch bei fortgeschritteneren Stämmen und Individuen verläugnet sich dieser Zug nicht. ‚Wenn die Träger frische Ration bekommen hatten’, erzählt P. Pogge, ‚so war es sicher, daß sie in den ersten Tagen besser lebten als ich. Die besten Ziegen und Hühner wurden erstanden. Hatte ich ihnen ihre Ration auf 14 Tage gegeben, so war es Regel, daß sie dieselbe in den ersten 3 bis 4 Tagen verjubelten, um nachher entweder von der Carga zu stehlen, mich anzubetteln oder zu hungern.’ In Wadai wird alles, was von den Mahlzeiten des Sultans übrig bleibt, vergraben, und bei den Opferfesten der Indianer mussten die Gäste Fleisch und Brot rein aufessen. ‚Ueberladen des Magens und Erbrechen ist dabei nicht ungewöhnlich’.

    In enger Verbindung mit dieser Verwüstung der Vorräte steht der Gebrauch, den der Naturmensch von seiner Zeit macht. Es ist eine ganz falsche Vorstellung, wenn man gewöhnlich meint, die Naturvölker hätten eine besondere Uebung darin, die Zeit nach dem Stande der Sonne zu messen. Sie messen sie überhaupt nicht und teilen sie demgemäß auch nicht ein. Kein Naturvolk hält feste Mahlzeiten, nach denen der Kulturmensch seine Arbeit regelt. Selbst ein verhältnismäßig so vorgeschrittener Stamm wie die Beduinen hat keine Vorstellung von der Zeit. Sie essen, wann sie Hunger haben. Livingstone nennt einmal Afrika ‚die glückselige Gegend, wo die Zeit durchaus keinen Wert hat und wo die Menschen, wenn sie müde sind, sich hinsetzen und ausruhen’. ‚Selbst die geringfügigste, doch auch für den Neger dringend nötige Arbeit wird möglichst weit in die Ferne gerückt. Der Eingeborene verträumt den Tag in Trägheit und Nichtstun, obwohl er ganz gut weiß, daß er zur Nacht seinen Schluck Wasser und sein Scheit Holz benötigt; aber dennoch wird er sicher bis Sonnenuntergang sich nicht rühren, um dann endlich, vielleicht erst in der Dunkelheit, sich dieses Nötigste zu beschaffen’.

    Damit haben wir den Vorwurf der Trägheit bereits berührt, dem der Naturmensch im weitesten Umfange anheimgefallen ist. Was aber den Beobachtern als Trägheit erschienen ist, ist wieder nur der Mangel an Voraussicht, das Leben für den Augenblick. Wozu soll sich der Wilde anstrengen, wenn seine Bedürfnisse befriedigt sind, wenn er namentlich keinen Hunger mehr hat. Untätig ist er darum nicht. Er leistet mit seinem armseligen Hilfsmitteln im ganzen oft ein nicht geringeres Maß an Arbeit als der einzelne Kulturmensch; aber er leistet sie nicht regelmäßig, nicht in geordneter Zeitfolge, sondern sprunghaft und stoßweise, wenn die Not ihn dazu zwingt oder eine gehobene Stimmung bei ihm eingetreten ist, und auch dann nicht als ernste Lebensaufgabe, sondern mehr in spielerischer Weise.

    Ueberhaupt folgt der Naturmensch immer nur dem nächsten Antriebe; sein Handeln ist ein rein impulsives, sozusagen bloße Reflexbewegung. Je näher bei ihm Bedürfnis und Befriedigung zusammenliegen, um so wohler ist ihm. Der Naturmensch ist ein Kind; er denkt nicht an die Zukunft und nicht an die Vergangenheit; er vergisst leicht; jeder neue Eindruck verwischt den vorhergehenden älteren. Alle Not des Lebens, die er so oft zu erfahren hat, kann die heitere Grundstimmung seiner Seele kaum auf Augenblicke trüben. ‚Von den Neucaledoniern, den Fidschi-Insulanern, den Tahitiern und Neuseeländern lesen wir, daß sie
    fortwährend lachen und scherzen. In ganz Afrika zeigt uns der Neger denselben Zug, und von anderen Rassen lauten mancherlei Beschreibungen der Reisenden regelmäßig: ‚voll Scherz und Luftigkeit’, ‚voll Leben und Feuer’, ‚heiter und gesprächig’, ‚immer froh wie die Vögel unter dem Himmel’, ‚lärmende Fröhlichkeit’, ‚über Kleinigkeiten in unmäßiges Lachen ausbrechend’.

    Es ist bezeichnend, was öfter beobachtet wurde, daß eingeborene Afrikaner, wenn sie längere Zeit im Dienste von Europäern sich befanden, ihr heiteres Wesen verloren und einen mürrischen, düsteren Charakter annahmen. Fritsch erklärt dies daraus, daß solche Diener von ihrem Herren allmählich die Gewohnheit annehmen, sich um zukünftige Dinge Sorge zu machen und daß ihr Gemüt die Beschäftigung mit derartigen Sorgen nicht verträgt.

    Ein solches Leben für den Augenblick kann nicht beschwert sein mit Wertvorstellungen, die immer ein Urteilen, eine Vorstellung des Zukünftigen voraussetzen.

    Es ist allbekannt, wie oft in Amerika und Afrika die Eingeborenen an die fremden Kolonisatoren ihr Land um eine Kleinigkeit, vielleicht ein paar nach unserer Schätzung wertlosen Glasperlen verkaufen, und noch heute ist der Neger, der doch nicht mehr auf der untersten Stufe steht, vielfach bereit, jedes Stück seiner Habe, mag es für seine Existenz noch so wichtig sein, hinzugeben, wenn ihm dafür ein bunter Tand geboten wird, der ihm gerade in die Augen sticht. Auf der anderen Seite kennt aber auch seine Begehrlichkeit keine Grenzen, und es ist eine ewige Klage der Reisenden, daß sie bei aller Gastlichkeit, die ihnen erwiesen wird, rein ausgeplündert werden, weil jeder Dorfhäuptling alles, was er sieht, geschenkt haben möchte. Auch hier wieder jener naive Egoismus in seiner ganzen Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst und gegen andere, jene unbegrenzte Habsucht, die mit dem Erwerbssinn des wirtschaftenden Menschen nichts zu tun hat. Maßgebend ist immer nur der momentane Eindruck; an das Fernliegende wird nicht gedacht. Der Naturmensch kann gleichsam nicht zwei Gedanken neben einander haben und gegen einander abwägen; er wird immer nur von einem ergriffen und folgt diesem mit erschreckender Konsequenz.

    Die Sammlung von Erfahrungen, die Vererbung von Kenntnissen ist darum überaus schwer, und hierin liegt der Hauptgrund, weshalb solche Völker Jahrtausende lang auf der gleichen Stufe verharren können, ohne einen merkbaren Fortschritt zu zeigen. Man denkt sich die Schaffung der ersten Kulturelemente oft so leicht; man meint, jede Erfindung, jeder Fortschritt im Hausbau, in der Bekleidungstechnik, im Werkzeuggebrauch, den ein Einzelner macht, müsse nun als ein unverlierbarer Schatz in den Gemeinbesitz des Stammes übergehen und dort für immer weiter sich vermehren. Ja man hat von der Erfindung der Töpferei, der Zähmung von Haustieren, dem Schmelzen des Eisenerzes ganz neue Kulturepochen beginnen lassen wollen.

    Wie wenig würdigt eine solche Auffassung doch die Bedingungen, unter denen der Naturmensch lebt! Wohl dürfen wir annehmen, daß derselbe für das Steinbeil, das er mit unendlicher Anstrengung vielleicht im Laufe eines ganzen Jahres hergestellt hat, eine besondere Zuneigung besitzt, daß es ihm wie ein Stück seines eigenen Wesens vorkommt; aber es ist ein Irrtum, wenn man meint, das kostbare Besitztum werde nun auf Kinder und Kindeskinder übergehen, und für diese die Grundlage zu weiteren Fortschritten bilden. So gewiß es ist, daß an solchen Dingen die ersten Begriffe von Mein und Dein sich entwickeln, so zahlreich sind die Beobachtungen, welche darauf hindeuten, daß diese Begriffe an dem Individuum haften bleiben und mit ihm untergehen. Der Besitz sinkt mit dem Besitzenden ins Grab, dessen persönliche Ausstattung er im Leben gebildet hat. Das ist eine in allen Erdteilen verbreitete Sitte, die bei manchen Völkern Reste bis in die Zeit der Kultur hinein hinterlassen hat.

    Sie findet sich zunächst bei allen amerikanischen Völkern in einer Ausdehnung, daß die Hinterlassenen oft am äußersten Elend zurückbleiben. Die Eingeborenen Kaliforniens, welche zu den niedrigst stehenden Völkern dieser Rasse gehören, geben dem Toten alle Waffen und Geräte mit, die er im Leben gebraucht hatte. ‚Es ist oft eine seltsame Gabe’, sagt ein Beobachter’ ,die dem Wintun in die Gruft folgt: Messer, Gabeln, Essigkrüge, leere Whiskyflaschen, Konservebüchsen, Bogen, Pfeile, und wenn es eine fleißige Hausfrau war, so schüttet man noch einige Körbe von Eicheln darüber’. ‚Am Grabe des Tehueltschen (Patagonien) werden alle seine Pferde, Hunde und sonstigen Tiere getötet, sein Poncho, sein Schmuck, seine Bolas (Schleuderkugeln), Geräte jeder Art auf einen Haufen zusammengetragen und verbrannt’. Von den Bororo in Brasilien, sagt ein neuerer, sehr zuverlässiger Beobachter: ‚Ein großer Verlust trifft die Familie, aus der ein Mitglied stirbt. Denn alles, was der Tote im Gebrauch hatte, wird verbrannt, in den Fluß geworfen oder in den Knochenkorb gepackt, damit er keinesfalls veranlasst sei zurückzukehren. Die Hütte ist dann vollständig ausgeräumt. Allein die Hinterbliebenen werden neu beschenkt; man macht Bogen und Pfeile für sie, und wenn ein Jaguar getötet wird, so wird das Fell an den Bruder der zuletzt gestobenen Frau oder an den Oheim des zuletzt gestorbenen Mannes gegeben’.

    Bei den Bagobos im südlichen Mindanao wird der Tote in seinen besten Kleidern begraben, zugleich mit einem Sklaven, der zu diesem Zwecke getötet wird. ‚Auf die Grabstätte werden die Kochgeschirre, die er bei Lebzeiten gebraucht, mit Reis gefüllt, gesetzt, ebenso seine Betelbüchsen; seine anderen Sachen läßt man unberührt in dem Hause. Niemand darf bei Todesstrafe von nun an weder das Haus noch die Grabstätte betreten. Das Haus läßt man verfallen’.

    In Australien und Afrika findet sich vielfach die Sitte, daß die sämtlichen Vorräte des Verstorbenen durch die Trauerversammlung aufgezehrt werden; anderwärts werden die Geräte zerstört, die Lebensmittel aber weggeworfen. Viele Negervölker beerdigen den Toten in der Hütte, in welcher er gelebt hat und überlassen die von den Ueberlebenden geräumte Wohnstätte dem Verfall; andere zerstören die Hütte. Stirbt ein Häuptling, so wandert das ganze Dorf aus, und dies gilt selbst von den Hauptstädten der größeren Reiche, wie dem des Muata-Jamwo und des Kasembe. Im Lunda-Reiche wird die alte königliche Kipanga niedergebrannt und zunächst eine neue interimistische errichtet. Für diese hat der neugewählte Herrscher durch Reiben von Holzstücken neues Feuer zu entzünden, da das alte nicht mehr gebraucht werden darf. Die Haupt- und Residenzstadt wechselt mit jedem neuen Herrscher ihre Lage. Auch bei den alten Peruanern herrschte die Auffassung, daß mit jedem neuen Inka sozusagen die Welt wieder von vorne anfange. Die Paläste des Vorgängers wurden mit allem Reichtum, der in ihnen aufgespeichert lag, für immer geschlossen; der jedesmalige Herrscher benutzte nie die Schätze, die seine Vorfahren aufgehäuft hatten.

    Sehen wir daraus, daß die Entstehung und Fortwirkung von Gesittungsanfängen unter den Naturvölkern mit den größten Schwierigkeiten verbunden war, daß die Möglichkeit eines Aufsteigens zu besseren Daseinsbedingungen und höheren Lebensformen von ihnen nicht einmal geahnt werden konnte, so darf doch nicht vergessen werden, daß die Beobachtungen, welche hier gesichtet vorgelegt worden sind, sehr verschiedenartigen, kulturell ungleich entwickelten Völkern entnommen wurden. Um aus eigner Kraft auf die Stufe des Tonganers oder Tahitiers sich zu erheben, würde der Australier des Festlandes wohl vieler Jahrtausende bedurft haben, und eine ähnliche Kluft trennt den Buschmann vom Congo-Neger und Wanyamwezi. Aber das gerade spricht, wie mir scheint, für die Dauerhaftigkeit der psychischen Voraussetzungen, unter denen die Bedürfnisbefriedigung des kulturlosen Menschen sich vollzieht, und wir sind zweifellos berechtigt, den ganzen hierher gehörigen Vorstellungskreis auf einen Zustand zurückzuführen, der ungezählte Jahrtausende hindurch, bevor sich Stämme und Völker bilden konnten, die Menschheit beherrscht haben muß.

    Dieser Zustand bedeutet nach allem, was wir von ihm wissen, geradezu das Gegenteil von Wirtschaft. Denn Wirtschaft ist immer eine durch Güterausstattung vermittelte menschliche Gemeinschaft; Wirtschaft ist ein Zu-Ratehalten, ein Sorgen nicht bloß für den Augenblick, sondern auch für die Zukunft, sparsame Zeiteinteilung, zweckmäßige Zeitordnung; Wirtschaft bedeutet Arbeit, Wertung der Dinge, Regelung ihres Verbrauchs, Vermögensansammlung, Uebertragung der Kulturerrungenschaften von Geschlecht zu Geschlecht. Und alles das mussten wir vielfach schon den höher stehenden Naturvölkern vermissen; bei den niederen Rassen traten uns kaum schwache Anfänge entgegen. Streicht man aus dem Leben des Buschmannes oder Wedda den Feuergebrauch, Bogen und Pfeil, so bleibt nichts mehr übrig als ein Leben, das in der individuellen Nahrungssuche aufgeht. Jeder einzelne ist mit seiner Ernährung ganz auf sich selbst gestellt. Nackt und waffenlos durchstreift er mit Seinesgleichen, wie das Standwild, ein enges Revier, bedient sich der Füße mit derselben Behendigkeit zum Greifen und Klettern wie der Hände. Jeder und jede verzehrt roh, was sie mit den Händen erhaschen oder mit den Nägeln aus dem Boden scharren: niedere Tiere, Wurzeln, Früchte. Bald schart man sich zu kleinen Rudeln oder größeren Herden zusammen; bald trennt man sich wieder, je nachdem die Weide oder der Jagdgrund ergiebig ist. Aber jene Vereinigungen werden nicht zu Gemeinschaften; sie erleichtern dem einzelnen nicht die Existenz.

    Es mag dieses Bild den Kulturträger der Gegenwart nicht sehr anmuten; aber wir sind durch das aus der Beobachtung gewonnene Material geradezu gezwungen, es zu konstruieren. Es ist daran auch kein Zug erfunden. Wir haben aus dem Leben der niedrigst stehenden Stämme nur das hinweggenommen, was anerkannter Maßen kulturell ist: Waffen- und Feuergebrauch. Mußten wir schon zugeben, daß bei den höher stehenden Naturvölkern außerordentlich viel Unwirtschaftliches sich findet, daß jedenfalls die bewußte Anwendung des ökonomischen Prinzips bei ihnen eher die Ausnahme als die Regel bildet, so werden wir bei den sog. ‚niederen Jägern’ und ihren eben gekennzeichneten Vorgängern den Begriff der Wirtschaft überhaupt nicht mehr anwenden dürfen. Wir haben bei ihnen ein vorwirtschaftliches Entwicklungsstadium festzustellen, das noch nicht Wirtschaft ist. Da jedes Kind seinen Namen haben muß, so wollen wir dieses Stadium die Stufe der individuellen Nahrungssuche nennen.

    Wie sich aus der individuellen Nahrungssuche die Wirtschaft entwickelt hat, läßt sich heute kaum vermuten. Der Gedanke liegt nahe, daß der Wendepunkt da liegen müsse, wo an Stelle der bloßen Okkupation von Naturgaben zu sofortigen Genuß die auf ein entfernteres Ziel gerichtete Produktion, an Stelle der instinktiven Organbetätigung die Arbeit als zweckbewusste Verwendung leiblicher Kraft tritt.“


    Allseits eine gute Woche wünschend, Zandow

    ---
    Nuclear power? Yes please!

    

    gesamter Thread:

  • Das oekonomische Zitat (77); heute: Karl Bücher zum wirtschaftlichen Urzustand - Zandow, 20.01.2013, 18:17

Wandere aus, solange es noch geht.


CoinInvest – Ihr Edelmetallhändler










440790 Postings in 53220 Threads, 946 registrierte Benutzer, 1030 User online (7 reg., 1023 Gaeste)

Das Gelbe Forum: Das Forum für Elliott-Wellen, Börse, Wirtschaft, Debitismus, Geld, Zins, Staat, Macht (und natürlich auch Politik und Gesellschaft - und ein wenig »alles andere«) | Altes Elliott-Wellen-Forum

Ja, auch diese Webseite verwendet Cookies. Hier erfahren Sie alles zum Datenschutz