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ZITAT »Wir ersticken in der Datenflut.«

    end of growth: Änderung der Systemregeln?

    verfasst von Norbert, 23.08.2012, 17:27

    Was ich mich frage ist, ob die ökonomischen und damit politischen Regeln noch gelten, wenn ein Wirtschaftssystem in seine Sättigungs- und in eine nachfolgende Schrumpfungsphase kommt.

    These:
    Marktwirtschaftliche Prinzipien "locker zu handhaben" funktioniert in Wachstumsphasen, aber nicht mehr so recht in Stagnations- oder Schrumpfungsphasen.

    Will sagen: Mit dem Aufstieg auf den Energiegipfel, der die Industrialisierung (die ja zugleich eine "fossile Energetisierung" ist) unbeobachtet begleitet, ging eine scheinbar nie enden wollende Wachstumsphase einher. Die oft wiedergekäute Meldung, dass die Industrialisierung vor allem durch technische Innovationen vorangetrieben wurde, ist ja nur die halbe Miete. Die andere Seite dieser Medaille ist die Ausbeutung der Energiequellen, mit der all diese technischen Erfindungen angetrieben wurden. Dampfmaschine ohne Kohle? Undenkbar. Verbrennungsmotor ohne Öl? Vergiß es. iPad ohne Strom? Utopisch.

    Was wir derzeit (in historischen Maßstäben gemessen) erleben ist das Erreichen eines Energiegipfels. Zwar überschlagen sich grade noch ein paar Technikoptimisten mit positiven Aussichten über den nächsten Techniksprung, aber allein die Preisentwicklung des wichtigsten Energieträgers überhaupt in den vergangenen 10 Jahren spricht Bände: eine VerFÜNF- bis VerSECHSfachung.

    Nun haben wir (als Gesellschaft) sehr viel Erfahrung in der Steuerung eines Gesellschaftssystems, das die ganze Zeit den Energiegipfel aufsteigt, aber wir haben keine praktische Erfahrung darin, wie man mit stagnierendem Energieeinkommen oder gar mit sinkender Energieverfügbarkeit umgeht. Und noch weniger Erfahrung existiert, wenn diese Energieeinkommensveränderung einhergeht mit einer Kontraktion des Kreditwesens, welches bekanntermaßen notwendig ist zur Organisation von Arbeitsteilung und Realisierung von größeren und kleineren Projekten aller Art - wie beispielsweise die der Umstellung der fossil gewachsenen Energieerzeugungs- und Verbrauchssysteme auf ein postfossiles System (inklusive des Transportsystems, Grundlage für Arbeitsteilung über nennenswerte Distanzen). Hinzu kommt ein verkrustetes Anspruchsdenken von Interessensgruppen aller Art: Den Energierzeugern, den Produzenten von Energieverbrauchsmaschinen, den Aktionären, den Rentnern, den aufstrebenden Junggesellen mit dem Anspruch, es genauso zu haben wie ihre Eltern und so weiter.

    Wir stehen also möglicherweise vor der Situation, mit marktwirtschaftlich geprägten und in energieexpandierenden Zeiten gewachsenen Strukturen und Organisationsformen in eine Zeit hinüberzutaumeln, in der ein ganz anderes Fluidum gesellschaftlicher Rahmenbedingungen herrscht.

    Solch eine Fluidums-Veränderung geht schleichend einher, nur wenige Individuen dürften sie bewusst bemerken, geschweige denn ihre Erfahrung angemessen deuten und kommunizieren können. Trial and Error ist die menschlichste Reaktion darauf und natürlich: Ausnutzen dessen, was in der eigenen Macht liegt. Die mächtigsten Akteure sind weiterhin die Politik und die Geldbesitzer und die reagieren mit durchaus ähnlichen oder durchaus unterschiedlichen Interessen auf jene Weisen, die ihnen eben zur Verfügung stehen.

    Heraus kommt der Versuch, die Zügel in die Hand zu kriegen oder in der Hand zu behalten. @Sligo verspürt zunehmend planwirtschaftliche Prinzipien, und findet das schlecht. Aber es stellt sich eben die Frage, wie solch ein System angesichts veränderter Rahmenbedingungen überhaupt steuerbar ist und wohin man es steuern sollte. Man könnte dafür plädieren, es gar nicht zu steuern, was in diesem Forum im Sinne der Staatskritik recht massiv durchklingt. Ich bezweifle, dass ein Weiter-So im Sinne der fossilen Erklimmung höherliegender Energiegipfel möglich ist. Wenn dies aber nicht möglich ist, dann muss die Frage beantwortet werden: ja wie denn dann?

    Im Sinne eines systemischen Blickwinkels könnte man die stark planerisch geprägten Aktivitäten des politischen Systems interpretieren als Systemanpassungen auf das sich verändernde Fluidum.

    In diesem Forum dürfte sich möglicherweise große Einigkeit darüber abzeichnen, dass es in einem schrumpfenden Gesamtsystem schwierig werden dürfte, einen systemweiten Zinssatz von mehr als 0% durchzusetzen. Wenn dies aber nicht möglich ist, ist dann nicht eine EZB-Intervention "am Markt" als Reaktion auf systemische Änderungen interpretierbar, an eben diesem Zinssatz/Zinshebel/Zinsniveau anzusetzen, um eine Anpassung des Finanzsystems an das veränderte Fluidum herbeizuführen? Man kann diese Maßnahmen als kindlich-naiven Versuch interpretieren, aber es wäre ebenso naiv anzunehmen, dass die Steuerer des Systems (und nichts anderes sind die Entscheider einer Zentralbank) sich nicht um Anpassungen bemühen.


    Lange Rede, kurze Zusammenfassung:
    * Eine Änderung der Systemfunktionalität ist wahrscheinlich, da sich (unter anderem) die energetischen Grundlagen des Systems ändern
    * wir wissen wenig darüber, wie eine Transformationsphase aussieht
    * wir wissen wenig darüber, wie ein stabiles Endergebnis einer Transformation aussieht
    * wir können davon ausgehen, dass nahezu jeder Akteur im Rahmen seines Einflussbereichs Anpassungsmaßnahmen durchführt, selbst wenn ihm das nicht bewusst ist, aber wir wissen wenig darüber, welche Maßnahmen in welcher Phase (Transformationsphase, nächste stabile Systemphase) angemessen, wirkungsmächtig und sinnvoll ist (zu vermuten ist, dass die Anpassungsmaßnahmen im der Transformationsphase heftiger ausfallen als in einer sich möglicherweise danach ergebenden Stabilisierung)



    Was mir beim DDR-Vergleich immer wieder auffällt ist:

    Zu Beginn der Transformation des DDR-Systems wollten die tragenden Akteure eine Veränderung der DDR-Strukturen im Sinne einer VERBESSERUNG. Als die zweite Welle der DDRler Mut gefasst hatte, rückten jedoch die Visionen der "first mover" in den Hintergrund, denn ein Bild war wesentlich wirkungsmächtiger: Das real existierende System jenseits der Mauer. Die Entscheidung fiel daher leicht: Wollen wir das DDR-System ohne konkretes Wissen des Endergebnisses weiterentwickeln oder übernehmen wir einfach, was offenbar bereits funktioniert. Der Ausgang der Geschichte ist bekannt. Heute wissen viele Leute, dass unser System einer Veränderung bedarf. Allein: Es fehlt das klare Vorbild, das man "mal einfach so übernehmen" könnte. Mangels klar gezeichneter Visionen einer als erstrebenswert erachteten Zielstellung (Wie sieht ein anderes, besseres System aus, was in den neuen Rahmenbedingungen funktionabel ist?) drehen wir uns im Kreis und betreiben trial and error.

    Vielleicht könnte die "planwirtschaftliche Schnapsidee" tatsächlich besser im neuen Fluidum funktionieren, auch wenn unsere fossil geprägten Synapsen konträre Signale aussenden. Wer weiß das schon? Man darf nie vergessen, dass in jedem Konzern geplant wird, was das Reißbrett hergibt und man darf auch nicht vergessen, dass das Bild des "vollkommenen Marktes" ein ziemlich irreales Bild der "Marktwirtschaftler" ist. Vielleicht ist die Symbiose aus beidem ja tatsächlich sowas wie "Computersozialismus", bei dem absolutes Wissen über weltweite Angebote und Gesuche sowie ein vermittelndes computergestütztes Agentensystem sowas wie den heutigen "Markt" als ineffiziente Version 1.0 erscheinen läßt?

    Wissen tu ich's leider auch nicht [[zwinker]]

    Norbert

    

    gesamter Thread:

  • Können wir uns schon bald DDR nennen? - Sligo, 23.08.2012, 14:21

Wandere aus, solange es noch geht.


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