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ZITAT »Wir ersticken in der Datenflut.«

    in Italien viel zu ruhig..

    verfasst von modesto E-Mail, 15.01.2012, 21:16
    (editiert von modesto, 15.01.2012, 21:23)

    Guten Abend,

    frisch in Italien angekommen, wurde den Italienern gerade erzählt, dass nun alles zusammenbrechen würde, im nächsten Monat der Staat seinen Bediensteten keine Gehälter mehr auszahlen würde und alle Ersparnisse weg seien.
    Es ein denn, eine technische Regierung würde es irgendwie doch noch schaffen, diesen Untergang abzuwenden.
    Und so kam Monti, gefeiert zuerst als nüchterner Retter der Republik.

    Nach dem Bekanntwerden des Inhaltes des "Blut und Tränen Programmes" regte sich Widerstand in allen Parteien.
    Aber als es um die Abstimmung ging, stellte sich heraus, dass Italien ab sofort keine Opposition mehr hatte.
    Sowohl die PdL Berlusconis als auch die PD stimmten für Montis Paket und sprachen ihm das Vertrauen aus.

    Nun kommt das Beschriebene:
    An allen Fronten wurde geändert, gekürzt, beschnitten.
    Jeden trifft es irgendwie, auch mehrfach.
    Und jeder ist verunsichert, geschockt.
    So wie jetzt kenne ich die Italiener nicht, stumm, zornig, unsicher und staunend.

    Kurz zu den täglichen Auswirkungen:

    Wer meinte, im Januar mit 65 in die Rente zu gehen, sieht sich jetzt einem Jahr ohne Einkünfte gegenüber, so er denn - wie ca. 25% - keine Arbeit hat.
    Es gibt kein Hartz4 oder vergleichbares in Italien.
    Wer NICHTS besitzt, kann einen Sozialscheck beantragen.
    Sobald er auch nur ein 1-Zimmerappartement sein eigen nennt oder ein Stück Acker, wird dieser ihm verweigert.

    Als nächstes wurde der Sprit erhöht, von einem Tag auf den anderen Benzin um 11 Cent und Diesel um 14 Cent.

    Zugleich wurden alle Immos und Grundstücke um 60% im Wert angehoben, damit stiegen die Steuern dementsprechend.
    Zum anderen wurde die Steuer auf das 1. Haus/ Wohnung wieder eingeführt.
    Als Beispiel hier in der Nähe:
    Ein Bauernhaus mit 90m² Fläche (2 Zimmer, Küche, Bad und ein Werkstattraum) auf dem Lande ist jetzt eingestuft als Luxusbehausung, da außerhalb des Ortes gelegen und kostet ca. 400 - 600 Euro im Jahr Steuern.
    Wenn man bedenkt, dass im Süden die durchschnittliche Rente bei 500 Euro liegt, ist das für viele nicht zu stemmen.

    Zeitgleich wurde alles über 1000 Euro an Barzahlung verboten.
    Man erhält selbst auf der Bank keinen Barscheck mehr ausgezahlt, sondern muss ihn aufs Konto einzahlen, ca. 5 Tage warten und Gebühren berappen.
    (Das Ausstellen eines normalen Schecks dauerte am Freitag nachmittag geschlagene 25 Minuten...ich war entsetzt.)

    Alle Renten über 900 Euro müssen auf ein Konto gezahlt weren - bis Februar müssen alle Rentner ein Bankkonto haben. Das ist hier im Süden unüblich, die Renten wurden von der INPS als Barscheck versendet.
    Ein normales Konto kostet jährlich ca. 200 Euro Gebühren, für die meisten nicht zu stemmen.

    Und so weiter..die Menschen sind verunsichert, keiner weiß mehr, wo er noch anfangen soll zu klagen.
    Es sind einfach zuviele Baustellen auf einmal.

    Wer das ausgeheckt hat, ist ein Meister seines Faches. Er hat ein stolzes Volk gebrochen - zumindest zeitweise.

    Dass die Italiener von allen Parteien außer Di Pietro (3%) im Stich gelassen wurden, kommt erschwerend hinzu.
    Monti hat die Tage mal gesagt, man hätte jetzt in Italien eine Große Koalition. Es ist schlimmer.
    Man hat zu 97% Politiker, die sich hinter Monti verstecken.

    Ganz schlimm ist die Facebookbewegung: Io denuncio - e Tu?
    Ich zeige an - und Du?

    Überall im TV laufen Spots:
    Es werden verschiedene Parasiten gezeigt, der Holzwurm, der Fleischparasit, irgendein anderes Ekelvieh, dann ein Männergesicht: Der Volksparasit. Der Steuerhinterzieher.

    Und so zeigt sich, dass die Generation Internet wunderbar zu manipulieren ist - man zeigt sich gegenseitig mit Freuden an.

    "Gestern war ich beim Bäckermeister XY und er hat mir keinen Kassenbon gegeben!"

    "Mein Klempner hat mich gefragt: Mit oder ohne Rechnung?" Er heißt xxx und wohnt in fff...

    Usw.

    Man muss dazu sagen, dass die MwSt. schon bei 21% ist, ab September bei 23% und dass der Höchstsatz EkSt. bei über 60% liegt.
    Eine Altenpflegerin hier verdient 540 Euro Brutto (zumindest hier in der Gegend), eine Arzthelferin um die 500 Euro, eine Kellnerin in der Kaffeebar Vollzeit 400 Euro.
    Die Miete einer 2-Zimmerwohnung liegt hier um die 300 Euro, der Kindergarten kostet 160 Euro, ein Stück Butter 125g kostet 2,35 € -heute gekauft.
    Sonntags wird gearbeitet, die 6-Tagewoche a 8 Stunden ist völlig normal in Einzelhandel und Gastronomie.

    Noch kann man sich im Süden über Wasser halten, da die meisten Familien ein Haus haben, wenn auch meist bescheiden. Und ein Stück Feld, welches der Opa noch bestellt. Hühner und Oliven fürs Öl, Tomaten und Gemüse..
    Aber schon die Enkel, welche um die 20 - 30 sind, schaffen es nicht mehr.
    Keine Arbeit, keine Aussicht.
    Leider auch keine Lust, das Feld des Opas zu bestellen. Dies wird sich bald ändern glaube ich.

    Aber diese jungen Leute sind weit davon entfernt, für ihre Rechte auszustehen. Das war die Generation des Opas, aber schon nicht mehr die der Eltern.
    Und außer den gewerkschaftlich organisierten Arbeiter hat keiner eine Lobby, um den Rest kümmert sich niemand medienwirksam.

    Soweit erstmal aus dem Süden des Landes, wie es im Norden unter der Bevölkerung aussieht kann ich nicht sagen.
    Aber: auf Equitalia werden täglich Anschläge verübt (die staatlichen Geldeintreiber). Von zerschlagenen Fenstern über Briefbomben bis zu verschickten Patronen mit Morddrohungen für die Capos.

    Und ein geflügeltes Wort machte zur Weihnachtszeit die Runde:

    "Natale di Merkel" - als Synonym für ein erbärmliches Weihnachten in Schrecken und Angst und ohne Geld und Zuversicht.
    Es wurde sogar ein Song dazu komponiert und eine TV-Show so benannt.

    Aber Monti sollte ja der Heilsbringer sein und der Euro ein Friedensprojekt.
    Wenn da nur nicht die "Märkte" wären..

    Einen geruhsamen Abend noch wünscht

    modesto

    

    gesamter Thread:

  • Finanzkrise - Schocktherapie für Europa? - Sligo, 15.01.2012, 06:17

Wandere aus, solange es noch geht.


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