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ZITAT »Es wird die Rechtssicherheit sein, die an allen Ecken und Enden wegbröckeln wird.«

    Hintergründe zum Thema Landesbanken und Beendigung der Gewährträgerhaftung + Verbriefungen

    verfasst von paranoia, Die durchschnittlichste Stadt im Norden, 13.02.2010, 22:53

    Um die Situation der Landesbanken zu verstehen, muß man schon etwas tiefer in das Thema eintauchen.

    Die Lösung des Streits um die Neuregelung von Anstaltslast und Gewährträgerhaftung mit der EU-Kommission hatte folgenschwere Konsequenzen.

    In diesem Wikipedia-Eintrag (Mistquelle, Schande über mich) fand' ich zumindest einen Hinweis auf Primärliteratur.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Br%C3%BCsseler_Konkordanz http://europa.eu/rapid/pressReleasesAction.do?reference=IP/02/343&format=DOC&aged=1&language=DE&guiLanguage=en

    Aus Landesbankensicht hatte die Einigung mit Brüssel eine Konsequenz: Ohne Garantie würde die Refinanzierung teurer werden!

    Von daher schien es absolut rational (ich hätte es genauso gemacht), sich Mittel auf Vorrat zu besorgen.
    Vollkommen unerwartet (und damit hätte ich auch nicht gerechnet!) sanken die Refinanzierungskosten trotz Wegfall der Gewährträgerhaftung weiter.
    (Das zeitgleich erfolgende, enorme Wachstum des Schattenbankensystems mit seinen Zweckgesellschaften trieb alle zinstragenden Wertpapiere auf Höchstkurse und senkte damit die Refinanzierungskosten aller Unternehmen, auch der Banken.)

    Diese Situation kostete die Landesbanken aus zwei Gründen Geld:


    Zum einen verloren sie laufend Geld über die Fristentransformation der Liquidität, zum anderen barwertig über die Aufwertung ihrer Verbindlichkeiten.
    Wenn eine Landesbank zum Beispiel einen zehnjährigen Floater zu 100% mit einem Coupon von 3M-Euribor + 10 bp verkaufte,
    konnte sie das Geld am kurzen Ende (rollierend in 3M-Perioden) vielleicht nur zu 3M-Euribor flat (+-0) anlegen.

    Für ein Emissionsvolumen von EUR 10 Mrd. macht das schlappe EUR 10 Mio. pro Jahr an "Carryverlusten".
    Den Sinn von sicheren Verlusten im damaligen Kapitalmarktumfeld der jeweiligen obersten Heeresleitung zu erklären, gelang nur wenigen Landesbanken.
    Die oben beschriebenen EUR 10 Mio. p.a. waren nachträglich betrachtet ein ziemlich günstiger Preis, sich den Zugriff auf ein Refinanzierungsvolumen von EUR 10 Mrd. zu sichern.

    Desweiteren fielen die Refinanzierungskosten der Banken weiter. Während anfangs mit Gewährträgerhaftung ausgestattete zehnjähriger Floater mit einem Coupon von vielleicht +30bp begeben wurden (absolute Preise stimmen nicht, nur ein Beispiel zur Erklärung), war später die Emission von ungedeckten mit einem Coupon von 3M-Euribor + 10bp möglich. Im Ergebnis stieg so ein ältere Floater mit Coupon von 3M-Euribor + 30bp von 100% auf 101,60%, was etwa einer "Rendite" von 3M-Euribor + 10bp entspricht.

    Fazit:
    Die Landesbanken waren also allesamt im Investmentnotstand vor dem Hintergrund sicherer laufender Verluste. Wer also den obigen Floater mit Coupon von 3M-Euribor +30bp bei 100% verkaufte, brauchte ein Asset, das ihm mindestens 3M-Euribor + 30bp einbrachte um ohne Verluste dazustehen. Die meisten haben dann Bonds gekauft.

    Kaum eine Landesbank hat die Vorratsliquidität in der Krise 2008 noch in Höhe des Emissionsumfangs zur freien Verfügung gehabt, das meiste Geld war mittlerweile investiert. Wer aber diesen negativen Carrytrade bis zum erlösenden Ende 2008 durchgestanden hatte, der konnte wohl viel mehr als alle alten Carryverluste zusammen verdienen.

    Ergänzend muß man sagen, das sich sowohl die Refinanzierung als auch die Anlage dieser Mittel auf der Bilanz befanden und damit auch mit Eigenkapital unterlegt werden mußten (Der Begriff "Unterlegung" heißt nicht Umtopfen von Geldern, er bedeutet, daß für das Kreditvolumen genügend haftendes Eigenkapital vorhanden ist).

    Die "bösen" Verbriefungen - noch nicht einmal ein Nebenkriegsschauplatz
    Die Verwendung der Vorratsliquidität ist aber sicher nicht der Hauptgrund für das Unheil. Auch die Rolle von Asmussen als Wegbereiter von Verbriefungen wird meiner Meinung nach hier immer wieder falsch eingeschätzt.
    Verbriefungen in Wertpapierform konnten die Banken kaufen, wenn sie wollten, auch schon in der Zeit vor Assmussen.
    Bei seinen Initiativen ging es darum, den Banken Möglichkeiten zum Forderungsverkauf zu geben. Mit der gewonnenen Liquidität kann die Bank neue Kredite vergeben, ohne das Ausfallrisiko aus den alten Forderungen zu tragen.

    Bei der Nutzung von Verbriefungen geht die Bank letzten Endes nur zeitlich beschränkt ins Risiko und erwirtschaftet eher so eine Art etwas risikobehaftete Plazierungsprovision.

    Man kann die Verbriefungen mögen oder nicht (als Häuslebauer wär mir ein Kreditverkauf auch nicht Recht), aber wenn das internationale Bankensystem kein frisches Eigenkapital kriegt, gibt es angesichts der Unterlegungspflichten (Basel I+II) keine neuen Kredite mehr und wenn die Kreditverschlechterung anhält, sogar ein Schrumpfen der Kredite.

    Das Argument, die Bank kenne die Kredite besser als der Käufer und der würde automatisch verlieren, klingt gut.
    Aber wieso kaufen Menschen überhaupt gebrauchte Autos? Werden die nicht alle übers Ohr gehauen?
    Informationsasymmetrie regelt sich auch über den Preis.

    Das große Rad wurde nicht mit wackligen Wertpapieren auf der Bilanz gedreht, auch nicht mit Krediten an Töchter, die dann wacklige Papiere gekauft haben (lieber @Morpheus !).

    Das große Rad wurde mit den Garantien an Zweckgesellschaften gedreht.
    Die Garantien an Zweckgesellschaften dienten allein der Umgehung der Eigenkapitalvorschriften. Die Größenordnung dieser Garantien hätten jeden stutzig machen müssen, auch einen Bilanzanfänger, weil sie eine Größenordnung hatten, die auch den dummsten Hornochsen hätten neugierig machen müssen und nicht nur die paranoiden, die hinter jedem Busch ein Feigenblatt vermuten.


    Wenn man Al Capone mit Steuerhinterziehung zur Räson brachte, dann sind es diese ominösen Garantien, die sich zur Fußangel und Tretmine für zahlreiche Beteiligten entwickeln könnten - aber wo kein Kläger, da kein Richter.

    Gruß
    paranoia

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  • Hintergründe zum Thema Landesbanken und Beendigung der Gewährträgerhaftung + Verbriefungen - paranoia, 13.02.2010, 22:53

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