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ZITAT »Diese Irritation lässt jedoch nach, wenn man sich intensiv mit den Anfängen des Forums und den Sammlungen beschäftigt.«

    Lehrstoff: Marktpreisrisiko, Kontrahentenrisiko, Wiedereindeckungsrisiko und Nominalenirrsinn an einem Beispiel erläutert

    verfasst von paranoia, Die durchschnittlichste Stadt im Norden, 18.09.2009, 15:21

    Lehrstoff: Marktpreisrisiko, Kontrahentenrisiko, Wiedereindeckungsrisiko und Nominalenirrsinn an einem Beispiel erläutert

    Zum besseren Verständnis der Begriffe anbei mal ein Beispiel in Prosa...

    Haftungsausschluß:

    Die Namen der Beteiligten entsprechen Spitznamen aus dem Gelben Forum.
    Die Geschichte ist frei erfunden, die Spitznamen wurden absichtlich gewählt, weil man sich die besser merken kann als "Kontrahent A,B und C".
    Es geht also nicht darum, sich hier über dottore, elli und paranoia lustig zu machen!


    Eines schönen Sonntag Nachmittags sitzt dottore vor dem Rechner, als plötzlich sein Volatilitätsindikator Alarm schlägt. Anders als Martin Luther (der echte, nicht das Plagiat aus dem Forum), der, wenn morgen die Welt untergeht, noch mal schnell ein Apfelbäumchen pflanzt, möchte er doch lieber short in die Krise gehen. Dummerweise ist die Eurex gerade zu.
    Hunderte km weiter sitz auch Elli vor dem Monitor und glaubt seinen Augen kaum:
    Auf seinem Bildschirm erkennt er plötzlich ein Monster-T, eine alle Shorts verschlingende Tsunami-Bullenwelle. Gerade will er dottore anrufen, als bei ihm das Telefon klingelt und der ihm zuvorkommt.

    Dottore schlägt vor, für jeden Punkt, den der Dax am 1.12. über 5700 steht, EUR 25,- an Elli zu zahlen. Umgekehrt soll Elli für jeden Punkt, den der Dax am 1.12 unter 5700 steht, EUR 25,- an dottore zahlen. Man einigt sich, daß der Verlierer seine Verluste täglich ausgleicht, per Zahlung auf das Paypal-Konto des anderen. Der Einfachheit halber ziehen die beiden den Dezember-Future zur täglichen Verlustberechnung heran.

    Der Vollständigkeit halber ruft Elli Montag mittag bei der Bank für internationalen Zahlungsausgleich, und meldet den Abschluß eines Indexderivats über nominal 5600 * 25 EUR = EUR 140 000,-.

    Am Montagabend steht der Future bei 5700, der Marktwert dieses OTC-Kontrakt beträgt 0 EUR, das heißt, würden beide das Geschäft zu einem Preis von 5700 auflösen, hätte keiner dem anderen Geld bezahlen müssen.

    In den Folgewochen klettert der DAX auf 6000, so daß dottore das Paypal-Konto von elli letzen Endes mit (5700-6000) * 25 EUR = EUR 7500 befüllt. Einen Tag später verkündet die US-Regierung das Konzept eines neuen USD 500 Milliarden schweren Rettungsprogramms, das die Indizes auf neue Höchststände treibt:

    Der Dax steigt nun innerhalb eines Freitags von 6000 auf 6120.
    Am Samstag stellt Elli fest, daß er von dottore immer noch kein Geld überwiesen bekommen hat: Es fehlen doch die letzten 120 Punkte, die ja immerhin 120 * EUR 25 = EUR 3000,- ausmachen.
    Elli ruft dottore an, der druckst rum und bedauert, daß er gerade "nicht liquide" sei. Elli teilt ihm mit, daß dottore durch Nichtzahlung aus dem OTC-Geschäft gerade seinen Konkurs erklärt habe, und schreibt im Forum, "Der dottore hat mir EUR 3000,- nicht gezahlt".

    Elli ruft wieder bei der BIZ an, und erklärt die Bendigung eines OTC-Derivategeschäfts über EUR 140.000,-.

    (Kommentar: In diesem Beispiel habe ich dottore pleite gehen lassen. Verloren sind aber nicht die nominal EUR 140.000,-, sondern die EUR 3.000!)

    Ellis Position hat einen Marktwert von (6120-5700) * 25 EUR = EUR 10.500,-.
    Davon waren EUR 7500 mit Cash auf Ellis Paypal-Konto besichert, die restlichen EUR 3000,- muß Elli abschreiben.

    Das Kontrahentenrisiko aus dem Geschäft betrug genau EUR 3000,-. Aus diesem Risiko ist durch Ausfall von dottore ein Verlust geworden - vielleicht wird es weniger, denn wenn elli irgendwie noch eine Restquote erlösen kann, dann würde sich der Verlustbetrag nachträglich mindern.

    Nun ist leider wieder Wochenende, und Elli rechnet damit, daß der Markt nach diesen Nachrichten mit einem Gap nach oben eröffnet.
    Das plötzliche konkursbedingte Ende seiner Position kommt ihm da extrem ungelegen.
    Paranoia hat Ellis Warnmeldung im Forum gelesen, ist eh bearish und hofft auf einen schnellen Euro. Er mailt elli an, weil er gerne short gehen wolle.
    Nur zum Schlußkurs von 6120 will er nicht short gehen, und macht elli das unverschämte Angebot, sich bei 6140 zu einigen. Elli exlodiert fast und mailt zurück, der paranoia könne sich dieses Angebot sonstwohin stecken, schlußendlich jedoch einigt er sich mit paranoia auf 6130.
    Nun muß paranoia für jeden Punkt über 6130 EUR 25,- an elli zahlen, und elli zahlt umgekehrt an paranoia für jeden Punkt unter 6130 EUR 25,- an paranoia.
    Damit ist elli wieder long und seine durch Pleite kaputtgegangene Long-Position wiederhergestellt. Das hat ihn allerdings Geld gekostet: 120 Punkte mußte er auf dottore abschreiben, und 10 Punkte hat ihn das Geschäft mit dem geldgieren paranoia gekostet.

    In der Fachsprache hat bei den 120 Punkten das Kontrahentenrisiko zugeschlagen, bei den 10 Punkten mit paranoia war elli vom Wiedereindeckungsrisiko betroffen: Er konnte mit paranoia nicht auf Marktmitte abschließen.

    Der Markt steigt weiter auf 6200 Punkte am nächsten Wochende und paranoia hat bis dahin 70 Punkte, also EUR 1750 an Elli abgegeben.
    Wiederum am Wochenende zeigt der Blick durchs Elliot-Auge, daß das Tsunami-T wahrscheinlich doch etwas anderes war und Elli möchte aus der Position raus.

    Paranoia träumt weiter von tieferen Kursen und stellt Abwehrkonditionen:

    Das Geschäft, was auf Bewertung Marktmitte (bei 6200 Punkten im Dax) einen Wert von (6200-6130) * 25 EUR , also EUR 1750,- hat, würde er glattstellen, aber nur, wenn er statt EUR 1750,- nur EUR 1500,- an Elli zahlen müßte. Da sich die EUR 1750,- schon auf Ellis Paypal-Konto befinden, müßte Elli also nun für die Auflösung des Geschäfts EUR 250,- oder 10 Punkte gegenüber Marktmitte an paranoia abdrücken!

    Diesmal läßt sich elli auf die Verlade nicht ein, und sichert sich ab, in dem er am Montagmorgen einen Dax-Future bei 6200 Punkten verkauft.

    Elli hat den Gewinn aus dem DAX-Trade nun bei EUR 1750,- gesichert.
    Steigt der Dax weiter, gewinnt er zwar aus dem noch offenen OTC-Geschäft mit paranoia, aber der Future-Trade frißt diesen Zusatzgewinn auf. Fällt der Dax, gewinnt Elli auf die Future-Position, muß diese Gewinne aber an paranoia abgeben.
    Ellis Position ist nun "flat".

    Nebenbei ist seine Derivatebilanz angestiegen:
    Die 140.000,- Nominale aus dem ersten Trade sind zwar durch dottores Default verschwunden, aber das Anschlußgeschäft mit paranoia bei 6130 beschert seiner Derivatebilanz EUR 153250,- zuzüglich EUR EUR 155000,- aus dem Geschäft an der Eurex. In der Summe stehen bei elli nun 308250,- in der Derivatebilanz.

    Elli hat direkt nun kein Marktpreisrisiko mehr. Er hat aber ein Kontrahentenrisiko. Fällt eine Seite des Geschäfts aus (vermutlich eher paranoia), dann hat er plötzlich eine Position (die Eurex-Position) die er gar nicht will. Er müßte ein Gegengeschäft tätigen, oder die Eurex-Position glattstellen.

    Fazit:
    An dem obigen Beispiel sollten die Begriffe aus der Überschrift in einfachster Weise verdeutlich werden.

    In der Wirklichkeit schließen Banken Geschäfte ab, die viele Risiken beinhalten.
    Geschäfte mit anderen Banken sind nicht wie im Beispiel spiegelbildlich identisch und in Wirklichkeit gleichen diese Risiken sich nur zum Teil aus. Die gesamten Risiken sieht man erst, wenn man die Summe aller Geschäfte betrachtet.
    In Wirklichkeit gibt es ein Kontrahentenrisiko auf all das, was nicht mit Collateral (Sicherheiten) abgesichert ist, aber im Risiko stehen nicht die Nominalen. Geplatzte Geschäfte müssen ersetzt werden, weil sie ein Loch an der "Risikofront" aufreißen. Die Ersatzgeschäfte können meist nicht auf Marktmittekonditionen abgeschlossen werden.



    Praxisbeispiel für Kontrahentenrisiken aus Derivaten aus dem Geschäftsbericht der Deutschen Bank


    Ein praktisches Beispiel, was da so trotzdem bei einer Bank im Risiko steht, bei der ich von einem rigiden Risikomanagement ausgehe, finden wir im Folgenden:

    http://geschaeftsbericht.deutsche-bank.de/2008/gb/risikobericht/kreditrisiko/behandlungderivategeschaeft.html

    Am Ende der Tabelle finden wir
    "Positive Marktwerte nach Nettingvereinbarungen und erhaltenen Barsicherheiten" in Höhe von 130 Milliarden.
    In Höhe dieses Betrags hatte die Deutsche Bank zum Stichtag 31.12.2008 Forderungen aus Derivategeschäften, die unbesichert waren.
    Dieser Betrag wäre futsch, wenn alle Derivatekontrahenten der Bank gleichzeitig pleite gingen.

    Der Betrag beläuft sich nur auf einen Bruchteil der "bösen riesigen Derivatenominalen", ist aber trotzdem ziemlich groß, insbesondere beträgt er circa das Vierfache des Eigenkapitals der Bank.

    Aber diese Zahl befriedigt unseren Informationshunger nicht. Interessant wäre zu wissen, wie hoch die größten Risiken pro Kontrahent ausfallen, denn bevor alles über den Jordan (oder über den Deister, wie man hier in Hannover sagt) geht, fallen bestimmt noch einzelne Kontrahenten vorher aus, bzw. der Ausfall einzelner Kontrahenten ist wahrscheinlicher, und daher würden wir natürlich gerne wissen, wie schlimm der Ausfall eines einzigen Kontrahents werden könnte...

    Gruß
    paranoia

    ---
    Only the paranoids will survive. (Intel-Chef Andy Grove)


    gesamter Thread:

  • Lehrstoff: Marktpreisrisiko, Kontrahentenrisiko, Wiedereindeckungsrisiko und Nominalenirrsinn an einem Beispiel erläutert - paranoia, 18.09.2009, 15:21

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