Deutsche Texte No.13 | Johann Peter Hebel: Unverhofftes Wiedersehen

Oblomow, Leipzig, Sonntag, 29.09.2019, 16:35 (vor 357 Tagen) @ Oblomow2536 Views

Johann Peter Hebel: Unverhofftes Wiedersehen

In Falun in Schweden küßte vor guten fünfzig Jahren und
mehr ein junger Bergmann seine junge hübsche Braut
und sagte zu ihr: »Auf Sankt Luciä wird unsere Liebe von
des Priesters Hand gesegnet. Dann sind wir Mann und
Weib, und bauen uns ein eigenes Nestlein.« – »Und Friede
und Liebe soll darin wohnen«, sagte die schöne Braut mit
holdem Lächeln, »denn du bist mein einziges und alles,
und ohne dich möchte ich lieber im Grab sein, als an
einem andern Ort.« Als sie aber vor St. Luciä der Pfarrer
zum zweitenmal in der Kirche ausgerufen hatte: »So nun
jemand Hindernis wüßte anzuzeigen, warum diese Personen
nicht möchten ehelich zusammenkommen« – da
meldete sich der Tod. Denn als der Jüngling den andern
Morgen in seiner schwarzen Bergmannskleidung an ihrem
Haus vorbeiging, der Bergmann hat sein Totenkleid
immer an, da klopfte er zwar noch einmal an ihrem Fenster,
und sagte ihr guten Morgen, aber keinen guten Abend
mehr. Er kam nimmer aus dem Bergwerk zurück, und sie
saumte vergeblich selbigen Morgen ein schwarzes Halstuch
mit rotem Rand für ihn zum Hochzeittag, sondern
als er nimmer kam, legte sie es weg, und weinte um ihn
und vergaß ihn nie. Unterdessen wurde die Stadt Lissabon
in Portugal durch ein Erdbeben zerstört, und der Siebenjährige
Krieg ging vorüber, und Kaiser Franz der Erste
starb, und der Jesuitenorden wurde aufgehoben und
Polen geteilt, und die Kaiserin Maria Theresia starb, und der
Struensee wurde hingerichtet, Amerika wurde frei, und
die vereinigte französische und spanische Macht konnte
Gibraltar nicht erobern. Die Türken schlossen den General
Stein in der Veteraner Höhle in Ungarn ein, und der
Kaiser Joseph starb auch. Der König Gustav von Schweden
eroberte russisch Finnland, und die Französische Revolution
und der lange Krieg fing an, und der Kaiser Leopold
der Zweite ging auch ins Grab. Napoleon eroberte
Preußen, und die Engländer bombardierten Kopenhagen,
und die Ackerleute säeten und schnitten. Der Müller
mahlte, und die Schmiede hämmerten, und die Bergleute
gruben nach den Metalladern in ihrer unterirdischen
Werkstatt. Als aber die Bergleute in Falun im Jahr 1809
etwas vor oder nach Johannis zwischen zwei Schachten
eine Öffnung durchgraben wollten, gute dreihundert Ehlen
tief unter dem Boden gruben sie aus dem Schutt und
Vitriolwasser den Leichnam eines Jünglings heraus, der
ganz mit Eisenvitriol durchdrungen, sonst aber unverwest
und unverändert war; also daß man seine Gesichtszüge
und sein Alter noch völlig erkennen konnte, als
wenn er erst vor einer Stunde gestorben, oder ein wenig
eingeschlafen wäre, an der Arbeit. Als man ihn aber zu
Tag ausgefördert hatte, Vater und Mutter, Gefreunde und
Bekannte waren schon lange tot, kein Mensch wollte den
schlafenden Jüngling kennen oder etwas von seinem Unglück
wissen, bis die ehemalige Verlobte des Bergmanns
kam, der eines Tages auf die Schicht gegangen war und
nimmer zurückkehrte. Grau und zusammengeschrumpft
kam sie an einer Krücke an den Platz und erkannte ihren
Bräutigam; und mehr mit freudigem Entzücken als mit
Schmerz sank sie auf die geliebte Leiche nieder, und erst
als sie sich von einer langen heftigen Bewegung des Gemüts
erholt hatte: »Es ist mein Verlobter«, sagte sie endlich,
»um den ich fünfzig Jahre lang getrauert hatte, und
den mich Gott noch einmal sehen läßt vor meinem Ende.
Acht Tage vor der Hochzeit ist er unter die Erde gegangen
und nimmer heraufgekommen.« Da wurden die Gemüter
aller Umstehenden von Wehmut und Tränen ergriffen,
als sie sahen die ehemalige Braut jetzt in der Gestalt des
hingewelkten kraftlosen Alters und den Bräutigam noch
in seiner jugendlichen Schöne, und wie in ihrer Brust
nach 50 Jahren die Flamme der jugendlichen Liebe noch
einmal erwachte; aber er öffnete den Mund nimmer zum
Lächeln oder die Augen zum Wiedererkennen; und wie
sie ihn endlich von den Bergleuten in ihr Stüblein tragen
ließ, als die einzige, die ihm angehöre, und ein Recht an
ihn habe, bis sein Grab gerüstet sei auf dem Kirchhof.
Den andern Tag, als das Grab gerüstet war auf dem Kirchhof
und ihn die Bergleute holten, schloß sie ein Kästlein
auf, legte sie ihm das schwarzseidene Halstuch mit roten
Streifen um, und begleitete ihn alsdann in ihrem Sonntagsgewand,
als wenn es ihr Hochzeittag und nicht der
Tag seiner Beerdigung wäre. Denn als man ihn auf dem
Kirchhof ins Grab legte, sagte sie: »Schlafe nun wohl,
noch einen Tag oder zehen im kühlen Hochzeitbett, und
laß dir die Zeit nicht lange werden. Ich habe nur noch wenig
zu tun, und komme bald, und bald wird’s wieder Tag.
– Was die Erde einmal wiedergegeben hat, wird sie zum
zweitenmal auch nicht behalten«, sagte sie, als sie fortging,
und noch einmal umschaute.


Herzlich
Oblomow

--
"Der Geist wird erst frei, wenn er aufhört, Halt zu sein."


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