Stolz und seine Schattierungen.

Olivia, Mittwoch, 12.06.2019, 17:02 (vor 394 Tagen) @ Silke1522 Views

Hallo Silke,

ich begrüße Deinen Ansatz der Diskussion.

Als ich deinen Text zunächst las, war ich irritiert. Warum? Weil ich mit den von dir vorgestellten Texten zum Thema "Stolz" nichts anfangen konnte.

Ich bin nicht "stolz" auf etwas, was andere gemacht haben. Aber wenn sie gut, wichtig und anregend sind, dann freue ich mich darüber und bin dankbar dafür, dass es solche Menschen gegeben hat und gibt. Mir ist es gleichgültig, aus welcher Kultur sie kommen. Als junger Mensch habe ich mich intensiv mit asiatischen Kulturen beschäftigt. Sie haben mir geholfen in meiner schwierigen Sturm- und Drang-Zeit, der Zeit der Selbstfindung. Sie haben mir auch geholfen, zu begreifen, dass die Welt EINS und grenzenlos ist. Und das, das macht mich glücklich.

Aber zurück zum Wörtchen "Stolz". Ich bin auf einiges stolz, verbinde es aber nicht mit "stolzgeschwellter Brust" und "angeben", sondern damit, dass ich etwas geschafft habe, das sehr schwer war, all meine Kraft benötigte und für das ich an meine Grenzen und teilweise über meine Grenzen hinaus gehen mußte. Wenn diese Anstrengung dann "erfolgreich" war, dann bin ich stolz darauf, dass ich es "geschafft" habe. Die großen Anstrengungen waren nicht umsonst. Aber: Es hätte auch anders ausgehen können. Die Dinge liegen nicht immer und komplett in der eigenen Hand. Der Stolz beruht daher mehr darauf, dass ich mich nicht habe ABBRINGEN lassen und nicht aufggeben habe.

Stolz bin ich darauf, dass meine große Anstrengung mit dazu geführt hat, dass meine Tochter ein selbständiger, selbstbewußter und verantwortlicher Mensch geworden ist, der seinen eigenen Weg geht. Ich bin unendlich glücklich, dass das gelungen ist, gegen sehr viele Widerstände. Stolz bin ich auch darauf, dass ich meine neue Hündin aus dem Tierschutz (5 Jahre alt) nicht entnervt habe Reture gehen lassen, sondern mit unendlicher Geduld, das halbwilde Tierchen "integriert" habe. In beiden von uns ist ein Staunen und eine Ehrfurcht darüber, wenn wir uns anschauen. Und natürlich ist das etwas, was glücklich macht.

Ich freue mich darüber, dass ich die Möglichkeiten habe, so viele Dinge auszutesten, obwohl ich bis zum Hals mit Problemen, die ich lösen und Dingen, die ich tun muss, eingedeckt bin.
Heute fragte mich eine Freundin: Aber warum bist du so fröhlich, wenn du so viele..... Meine Antwort ist nur: Wieso sollte ich mich grämen? Dadurch wird es nicht besser, also genieße ich das, was ich habe und kann. WIR ALLE sind in einer privilegierten Situation, gemessen an großen Teilen der Menschheit. WIR haben keinen wirklichen Grund, uns zu beklagen. WIR jammern auf hohem Niveau.

Glücklich und dankbar bin ich, dass ich vor 30 Jahren meiner Neugier nachgegeben habe und in die "Computerbranche" eingestiegen bin. Mit allen Risiken. Und, dass ich "heil" wieder aus meinen Verpflichtungen raus gekommen bin. :-)). Aber Stolz wäre ich darauf nie. Es hat einfach Spaß gemacht und war ein gefundenes Fressen für einen geborenen Workoholic.

Glücklich bin ich, wenn ich die Gartentüre aufmache und sehe, wie alles wächst und blüht. Die Natur macht alles alleine, wenn man sie nicht allzu sehr stört. Und glücklich bin ich darüber, dass ich in einem so schönen Land leben darf, das eine solche Natur hervorbringt. Aber stolz wäre ich darauf nicht. Ich habe es nicht gemacht. Ich genieße es als etwas, was mir "geschenkt" wird. ich genieße auch das Wetter, das sich ständig ändert und unkalkulierbar ist. Wenn man einige Zeit in einem Land gelebt hat, wo es IMMER Sonne gab, dann lernt man die Jahreszeiten zu schätzen.

Von Stolz kann ich nur sprechen, wenn ich etwas getan habe, was ich für richtig hielt und trotz allen möglichen Widerständen dabei geblieben bin. Wenn das dann positiv ausging, dann bin ich stolz und dankbar und froh.

Eine stolzgeschwellte Parade würde ich dafür aber nicht besuchen oder betreiben. ALLES in der Welt hängt auch in einem unendlichen Ausmaße vom Zufall ab. Das sollte jeder wissen. Daher ist DANKBARKEIT wohl eher das richtige Wort.

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Das Destruktive meiden - Das Konstruktive suchen!


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