falsche Adresse

Weiner, Samstag, 11.05.2019, 19:45 (vor 385 Tagen) @ also1801 Views

Guten Abend 'also' -

den Einwurf von @paranoia finde ich im Ton unangemessen, in der Sache ist seine Forderung nach einer Präzisierung Deiner Aussage jedoch berechtigt.

Soweit ich das sehe (Banking ist nicht mein Metier ...) unterliegen europäische Transaktionen natürlich nicht dem US-Recht, aber sie können von US-Staatsanwälten und Rechtsanwaltsgaunern prozessual zu einer Sache der USA gemacht werden - wenn die USA sich davon einen Profit oder politischen Druck versprechen.

Es handelt sich um das, was ich vor ein paar Tagen als "juristische Kriegführung" bezeichnet hatte (Dieselgate, Monsanto etc.). Der Angelhaken dafür ist, wie Du andeutest, dass einerseits die Zahlungsdaten rein technisch in die USA gelangen können (ganz abgesehen davon, dass sie dorthin illegal gespiegelt werden). Andererseits werden europäische Banken angreifbar, wenn sie Geschäftsbeziehungen in die USA haben. Egal ob diese Banken nun irgendwas gemäß US-Sicht falsch machen oder nicht - die Amis frieren halt ein, verhaften, hängen jemand Prozesse an den Hals. Selbst Schweizer Banken ziehen in solchen Fällen dann lieber den Schwanz ein, zahlen und verhalten sich fortan konform. Das nennt man dann Clubmitgliedschaft.

Damit wird auch klar, dass Dein Lamento über bzw. an die EU-Kommission eigentlich fehl am Platze ist. Vor einigen Tagen haben wir hier darüber geredet, dass die gesammelten EU-Institutionen von Anfang ein Arm der USA waren. Meyssan hat soeben wieder einen seiner fast sarkastischen Beiträge zu diesem Thema geschrieben:

https://www.voltairenet.org/article206460.html

(wen die geschichtliche Einordnung am Anfang des Artikels nicht interessiert, der mag ab dem Abschnitt 'Bilanz' in den Text einsteigen)

Dein Lamento müsste sich eigentlich an die europäischen Banken richten, aber die wollen selbst nicht, teils aus Angst, teils wegen ihren Geschäften - wie Du ja bereits andeutest. Ich sehe die Banken als die eigentlichen Komplizen der Amerikaner an. Wenn die EU-Institutionen der Arm der Amerikaner sind, so sind die Banken die Muskeln und Nervenfasern.

Ein Feigenblatt 'staatlicher' Gegenwehr ist die eben gegründete INSTEX, die aber sehr nach Tauschbörse aussieht und sich wohl eher an den Mittelstand richtet:

https://de.wikipedia.org/wiki/Instex

Die Schweiz hat ebenfalls einen Versuch gestartet - kommt aber auch nicht umhin, in den USA um Erlaubnis anzufragen ...

https://owc.de/2018/12/20/schweiz-entwickelt-zahlungskanal-fuer-den-humanitaeren-handel...

(humanitärer Handel ist eine Verbrämung für die Geschäfte der Schweizer Pharmaindustrie)

Putin und auch China sind einen Schritt weiter. Das russische System sollte aber nur als Notfall- bzw. Ausfallmaßnahme verstanden werden - wenn die USA eines Tages total blockieren. SPFS ist kurzfristig wohl nicht fähig, das tägliche Massengeschäft abzuwickeln.

Ernsthaftere Absichten haben die Chinesen, die sich einen Freiraum für den Yüan und für das Kreditgeschäft *) in Asien schaffen wollen. Aber auch sie kommen an den Amerikanern nicht vorbei und sind deswegen eine Kooperation mit SWIFT eingegangen, um die Standards von SWIFT anwenden zu können.

https://en.wikipedia.org/wiki/Cross-Border_Inter-Bank_Payments_System

https://en.wikipedia.org/wiki/SPFS

Die WIKI-Artikel sind (absichtlich?) veraltet und karg. Aktuelles siehe etwa hier:

http://www.cips.com.cn/cipsen/7050/index.html

(im Augenblick etwa 30 Banken direkt und 800 indirekt angeschlossen)

https://www.cbr.ru/psystem/mes/

https://www.cbr.ru/PSystem/mes/clients/

(im Augenblick etwa 400 Firmen)

ansonsten vielleicht hilfreich ...

http://infobrics.org/post/28353/

https://securities.bnpparibas.com/insights/what-is-it-cips.html

https://www.treasury-management.com/article/1/355/2929/cips-chinas-hybrid-net-settlemen... (auch 2016!)

https://ethereumworldnews.com/after-ripple-chinas-cips-now-competes-with-swift-departur...


Es ist davon auszugehen, dass CIPS-Transaktionen künftig in Peking gespiegelt werden. Nach chinesischem Recht muss zum Beispiel HUAWEI sämtliche von ihm verwaltete Daten auf Anforderung zugänglich machen - egal in welcher Ecke der Welt die dann anfallen. China wird da nicht besser sein als die USA.

Freiheit gibt es eben nicht umsonst. Auf totaler Anarchie und Anonymität kann man aber keine überlebensfähigen Systeme (Gemeinschaften, Gesellschaften) aufbauen. Ich denke immer noch über einen durchaus akzeptablen und anregenden Einwurf nach, den @Paranoia zu einem Beitrag von mir (betreffend SILKROAD) gemacht hat. Die Freiheit, kriminell handeln zu dürfen, ist eine Vorstellung, die typisch europäisch und abendländisch ist und eigentlich nur auf dem Boden des Christentums bzw. christlicher Theologie wachsen konnte (Gott sieht es besonders gern, wenn man voll bewußt, voller Reue und aus eigenem, freiem Entschluss sich zu ihm kehrt, und deswegen lässt er seinen Kindern vorher die Freiheit zu sündigen ...).

In anderen Weltteilen wird der Mensch in eine Verwandtschaft/Gemeinschaft hineingeboren (ganz extrem etwa in Japan), und er trägt dann unabänderlich eine Schuld mit sich, nämlich dieser Gemeinschaft lebenslang zu dienen und seine Existenz ganz auf sie auszurichten. Dass jemand hierbei ausbricht, ist traditionell undenkbar (gewesen) und mit einem kompletten Verlust von Identität und Unterstützung verbunden. Das ist Debitismus auf asiatisch ...

Wünsche ein schönes Wochenende!

Weiner

*) wer tief einsteigen will:

https://www.tele-akademie.de/begleit/video_ta190317.php?xtmc=china&xtcr=3

Dr. Mikko Huotari -- Chinas Finanzmacht und Südostasien: Ordnungsfaktor oder neue Abhängigkeit?

Dr. Mikko Huotari ist stellvertretender Direktor am Mercator Institute for China Studies (MERICS) in Berlin. MERICS ist Europas größtes und unabhängiges Forschungsinstitut für gegenwartsbezogene und praxisorientierte Chinaforschung.


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