Um das abschließend beurteilen zu können, müsste man zuerst einmal wissen was menschliche Intelligenz und was Bewusstsein ist

Phoenix5, Donnerstag, 14.02.2019, 19:38 (vor 508 Tagen) @ Ashitaka4822 Views
bearbeitet von unbekannt, Donnerstag, 14.02.2019, 20:05

Hallo Ashitaka!

Instinktiv bin ich ganz bei dir, aber wir haben derzeit noch gar nicht die Begriffe geschaffen, um den Unterschied zwischen tierischer/menschlicher und künstlicher Intelligenz zu formulieren. Das Thema führt uns derart tief in die Philosophie und Metaphysik hinein, wie man es jetzt noch gar nicht abschätzen kann.

Ein Neuron allein ist als System wohl bereits komplexer als sämtliche neuronale Netzwerke heute, aber was ist nun der Knackpunkt zwischen natürlicher und künstlicher Intelligenz und wo kommt das Bewusstsein ins Spiel? Ist es bloß der Grad an Kompexität? Die Art der Selbstorganisation? Auch ich bezweifle das entschieden, aber es zermartert mir dennoch das Hirn - so sehr, dass ich mich gerade mit Spinoza, Pantheismus/Panpsychismus beschäftige, um irgendwo einen Anker zu finden.

Eines ist schon mal von vornherein klar: Im Computer kann man keine Intelligenz entwickeln. Intelligenz beruht auf direkter Erfahrung mit der Welt. Wir beobachten die Welt, von der wir selbst ein Produkt sind. Wir grenzen uns als Systeme vom Ganzen ab, interagieren mit dem Rest und dieser ist strukturell mit uns und an uns gekoppelt.

Humberto Maturana und Francisco Varela schreiben dazu aus systemtheoretischer Sicht in "Der Baum der Erkenntnis":

"Wir können uns nicht sehen, wenn wir uns nicht in unseren Interaktionen mit anderen sehen lernen und dadurch, dass wir die anderen als Spiegelungen unserer selbst sehen, auch uns selbst als Spiegelung des anderen sehen."

"Das Eigentümliche dieser zellulären Dynamik im Vergleich zu irgendeiner anderen Menge von molekularen Transformationen in natürlichen Prozessen ist, dass der Zellstoffwechsel Bestandteile erzeugt, welche allesamt in das Netz von Transformationen, das sie erzeugte, integriert werden. Manche dieser Bestandteile bilden dabei einen Rand, eine Begrenzung für dieses Netz von Transformationen. In morphologischen Begriffen ist die Struktur, die dieses Entstehen im Raum möglich macht,eine Membran. […] Auf der einen Seite sehen wir ein dynamisches Netzwerk von Transformationen, das seine eigenen Bestandteile erzeugt und das die Bedingung der Möglichkeit eines Randes ist. Auf der anderen Seite sehen wir einen Rand, der die Bedingung der Möglichkeit des Operierens eines Netzwerkes von Transformationen ist, welches das Netzwerk als Einheit erzeugt. […] Dies sind keine sequentiellen Prozesse, sondern zwei Aspekte eines einheitlichen Phänomens. Es ist nicht so, dass es zuerst einen Rand und dann eine Dynamik gibt und dann einen Rand und so weiter. Wie sprechen von einer Art von Phänomen, bei der die Möglichkeit, ein Etwas von dem Ganzen zu unterscheiden, […] von der Ganzheitlichkeit der Prozesse abhängt, die dieses Etwas möglich machen. Unterbrechen wir das zelluläre metabolische Netz, und wir werden nach einiger Zeit keine Einheit mehr haben, die wir als solche bezeichnen könnten! Die eigentümliche Charakteristik eines autopoietischen Systems ist, dass es sich sozusagen an seinen eigenen Schnürsenkeln emporzieht und sich mittels seiner eigenen Dynamik als unterschiedlich zum umliegenden Milieu konstituiert."

Beobachter und Beobachtetes werden koproduziert oder wie Maturana und Varela das ausdrücken: "Wir erzeugen die Welt, in der wir leben, buchstäblich dadurch, dass wir sie leben."

Das alles ist einem künstlichen neuronalen Netz nicht gegeben. Trotzdem hängen wir bei dieser Definition wieder bei der Frage: Ist es bloß die Art der Organisation? Am Ende kommt man nämlich um eine existenzielle Frage nicht herum. Eine Frage, über die sich Philosophen seit der Antike das Hirn zermalmen: "Was verdammt nochmal ist Bewusstsein?"

Wenn die Welt bloß auf Kausalität (oder Wahrscheinlichkeiten in der Quantenmechanik) aufbaut und das Bewusstsein bloß ein Produkt hinreichender Komplexität und Selbstorganisation ist, dann müsste sich Bewusstsein theoretisch erschaffen lassen. Dazu müsste ein hinreichend komplexes neuronales Netz in einem Roboter direkt mit der Welt interagieren (nicht bloß im Computer). Der Basis-Algorithmus müsste heißen: Selbsterhalt um jeden Preis. Erst dadurch könnte ein neuronales Netz lernen, dass alles, was diesem Selbsterhalt schadet schlecht ist und alles, was diesem Selbsterhalt dient gut ist. Erst nach dieser "narzisstischen" Kleinkind-Phase, müsste sich dann eine neuronale Meta-Ebene dazuschalten, die zeigt: Andere nicht zu töten, sondern zu kooperieren, kann ebenso dem Selbsterhalt dienen (evolutionsbiologisch ist Kooperation und Mitgefühl/Spiegelneuronen nichts anderes als der verdeckt agierende Selbsterhaltungstrieb). Aber macht das wirklich Bewusstsein aus?

Je länger ich über all das nachdenke, desto mehr komme ich zu dem Schluss, dass dem nicht so ist. Dass Bewusstsein etwas völlig anderes ist. Vielleicht war es von Anfang an bereits in einem Elementarteilchen vorhanden. Vielleicht ist das, was wir als Kausalität wahrnehmen, am Ende nichts anderes als die die Gewohnheit eines Bewusstseinsfeldes. Aber da kommen wir jetzt in die religiöse Sphäre.

Eigentlich sollte man diese Diskussion sehr behutsam und vorsichtig führen, denn wenn wir unrecht haben und eine KI doch Bewusstsein besitzen kann, ihnen dieses aber abgesprochen wird, dann wartet auf Künstliche Intelligenzen in der Welt des Homo sapiens eine Katastrophe, gegen welche Massentierhaltung und Tierversuchslabore ein Kindergeburtstag sind. Ich will hier nicht in die gleiche Falle tappen, in die uns Descartes mit seinem Leib-Seele-Dualismus gestoßen hat. Für ihn waren Tiere (im Gegensatz zum Menschen) bloß Maschinen und jeder Ausdruck von Schmerz bloß eine Simulation. Das hat man übrigens noch bis in die frühen 80ern an Universitäten gelehrt. Damit hat er die Pforten der Hölle für tierisches Leben geöffnet.

Beste Grüße
Phoenix5

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Ein Buch für Keinen - Der Kapitalismus nach Paul C. Martin


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