Das Duell: Subjekt versus Objekt

Ostfriese, Sonntag, 10.12.2017, 22:55 (vor 943 Tagen) @ nemo2542 Views

Hallo nemo,

das

Ich bin fest davon überzeugt, dass wir pünktlich morgen früh um 8 Uhr
das gesamte System ändern könnten, so dass überall Überfluss
herrschen
würde.

ist unmöglich und das

Allein das System lässt es nicht zu.

ist sehr richtig – das System vermag es aus grundsätzlichen Gründen nicht zuzulassen. Im Rahmen meiner Antwort möchte ich einen etwas größeren Bogen schlagen.

Die bei üblichem Verständnis – scheinbar widersprüchlichen – Gedanken von Sojemand, "dass man nicht erschossen werden kann, selbst wenn der Schütze nur einen Meter vor mir steht." führen m. E. auf das grundsätzlich zu betrachtende Verhältnis von Subjekt und Objekt.

Der Ausweg aus dieser Paradoxie gelingt mittels der Erweiterung eines mathematischen Zeichensystems – er hebt die Widersprüchlichkeit auf. Es geht dabei um die für viele Menschen nicht verständliche Schwierigkeit der Schlüsse vom Endlichen über das Unendliche und wieder zurück auf das Endliche. Die Problematik der Erweiterung der Zeichen ist jedenfalls umfassend. Mit dem Sinus, dem Cosinus oder Tangens können Berechnungen an einem gegebenen rechtwinkligen Dreieck durchgeführt und formelmäßige Beziehungen aufgeführt werden. Ganz heikel wird für viele Schüler dann die Erweiterung zu funktionalen Zusammenhängen – zur Sinusfunktion: Die Abhängigkeit des Sinus von seinem Winkel und ihre graphischen Darstellung. Die Einführung des Bogenmaßes eines Winkels verschärft nochmals die Komplexität mit der intellektuellen Durchdringung des Ganzen. In einer nächsthöheren Stufe der universitären Mathematik werden dann geeignete Funktionenmengen zu Funktionenräumen zusammengefasst, ihre inneren Gesetzmäßigkeiten und ihr Verhältnis zu anderen Funktionsräumen untersucht. Die Studenten scheitern dann oftmals an der Tücke der Themen.

Das Subjekt meint, mithilfe der Zeichen (Sprache, Text, 'Erweiterte Realität') die Objekte erklären und beherrschen zu können. Die Heisenbergsche Unschärferelation, die von Baudrillard neben seiner Konsumtheorie angeführt wird, zeigt das Gegenteil – zwei komplementäre Eigenschaften z. B. Ort und Impuls – eines Teilchens sind nicht gleichzeitig beliebig genau bestimmbar. Das Objekt weicht den Versuchen des Subjektes, es mittels eines rationalen Zeichensystems zu deuten und zu verstehen, aus. Das besagen auch die Theoreme von Kurt Gödel, die die Grenzen formaler Systeme ab einer bestimmten Leistungsfähigkeit und damit die Unmöglichkeit des Beweises der Widerspruchsfreiheit der Mathematik aufzeigen – das Programm von David Hilbert ist nicht durchführbar.

Kann jemand in wenigen inhaltlich gültigen Sätzen das Target2-System oder die Kryptowährungen mit allen Konsequenzen vollständig erklären? Die systembedingte Unsicherheit der Suche von Nachschuldnern, damit die Kreditketten nicht reißen, bedeutet, dass der Debitismus als Objekt dem untersuchenden Subjekt ausweicht und sich ihm den letztendlichen Deutungsversuchen mittels eines Zeichensystems entzieht. Einige Beiträge über das Objekt Kryptowährungen zeigen mir, dass es durch das Subjekt nicht vollständig erklärt und gedeutet werden will, es weicht den Versuchen der User aus. Der Satz: „Und über allem schwebt der Debitismus, der seine Zyklen abspult, egal welche Tricks die Politik anwendet.“ von Phoenix5 zeigt eben auch, dass sich die ZMO den Deutungsversuchen durch die Zeichen des Subjektes entziehen will. Wir sollten uns sehr sicher sein, dass der ZMO immer etwas Neues zwecks Sicherung ihrer Existenz einfällt. Vielleicht bin ich an diesen Stellen zu ungenau.

Baudrillard ist der Theoretiker, der den Paradigmenwechsels vom Subjekt zum Objekt in aller Konsequenz in seinem Werk unternommen hat. Indem er sich vom problematischen Subjekt distanziert, hat er den Gegenstand – in der Simulationstheorie das Modell (das Simulakrum) – in Philosophie eingeführt. Baudrillard sagt in späteren Jahren (2002): "[Das] 'Objekt' wird für mich das 'Paßwort' par excellence gewesen sein." Das Simulationsprinzip hat das Realitätsprinzip abgelöst und damit das Subjekt in seiner tragenden Position erschüttert und verdrängt. Das tritt auf den entschiedenen Widerstand zeitgenössischer subjektzentrierter Philosophen – und vieler User und Leser des Forums –, die von den Ideen der Aufklärung – Humanismus, Freiheit, Transparenz, Menschenrechte, souveränes Individuum, Demokratie, Fortschrittes – beseelt und von ihrer Durchsetzbarkeit überzeugt sind. Alle Bestrebungen des Subjektes, die Deutungshoheit und die Macht über das Objekt zurückzugewinnen, sind zum Scheitern verurteilt – das Objekt verteidigt sich – wie der 'Sprinter' von Berlin nach München. Gut so – er hat's den Subjekten gezeigt. Chapeau. Die Antwort des Subjektes ist immer willkürlich – bis zur Vernichtung. Siehe 'Wilhelmine'. Das Subjekt kann die Probleme, die das Objekt zum eigenen Widerstand erzeugt, im Voraus nicht erkennen, da es die Zeichen noch nicht besitzt, um sie zu benennen und zu beschreiben – geschweige denn, sie vorab "lösen". Es kann nicht davon lassen – wir erleben die Exzesse der Kommunikation, der Sucht nach Transparenz, des Politischen, der Wissenschaft, des karzinogenen Wachstums des Realen als Spiegelung des gemäß dem Debitismus systembedingten Zwanges zur Aufschuldung. Dem entspricht spiegelbildlich eine Zunahme und eine karzinogene Wucherung in der Welt der Zeichen, die damit selbst zur Welt der Objekte werden – und umgekehrt. Keine Zeichenordnung kann das Objekt vollständig erfassen – es lässt sich nicht vollständig imitieren, produzieren und mithilfe von Modellen simulieren. In den Diskussionen einiger User des Forums geht es oftmals auch nicht mehr um deren Inhalt, sondern nur um ein referenzloses Modell – ein Simulakrum – der Kommunikation.

Das Subjekt begehrt und das Objekt verführt – genauer: Das Subjekt ist ohnmächtig gegenüber dem Objekt, das die Macht hat. Das Subjekt ist der Tücke – der Rache – des Objektes ausgeliefert. Die Gegenreaktion des Subjektes ist dann seine Willkür – kann es sie überwinden?

Gruß â€“ Ostfriese


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