OT: Arthur Schopenhauer, Philosoph, Einfluß auf Friedrich Nietzsche, Begründer der 'Eristik oder die Kunst recht zu behalten'

Literaturhinweis, Sonntag, 23.10.2016, 11:29 (vor 1354 Tagen)4406 Views
bearbeitet von unbekannt, Sonntag, 23.10.2016, 11:33

Arthur Schopenhauer ist häufig im Gelben Forum Thema, insbesondere, wenn es um die Frage geht, ob die Menschheit eines sittlichen Fortschrittes fähig oder zum 'Rückfall' in die akephale Stammesgesellschaft 'verdammt' sei. "Alle Argumente, die sich an den Verstand und nicht an das Gefühl richten, haben keinen Sinn." Und: "Schopenhauer bestätigt die Urschuld des Debitismus."

Wenn man natürlich die Kopflosigkeit heutiger Politik betrachtet, könnte man meinen 'akephaler geht's ja gar nicht', aber das ist halt der kleine Unterschied zwischen Raute und Räude. Spaß baisäude.

Da Herr Schopenhauer schon etwas länger tot ist (wer früher stirbt, ist länger tot!), gibt es seine Werke auch bereits legal kostenlos im Internet. Schopenhauer hätte seine Freude dran, ist doch der Zugang zum Werk notwendiger, jedoch nie hinreichender Grund zum Verständnis.

Im Übrigen scheint Arthur Schopenhauer mit Hingabe seine Mutter gehaßt zu haben, jedenfalls belegt das ein erklecklicher Anteil an seinem Briefwechsel.

Nietzsche beschreibt in einem seiner Werke, ohne ihn namentlich zu nennen, die Begegnung mit einem Mann "mit Hund", und dessen kauzige Bemerkungen, in dem man unschwer den etwas misanthropischen Schopenhauer wiedererkennt (Sammlung von erhaltenen Schopenhauer-Bildern und -Photos hier). Nietzsche allerdings, will mir scheinen, faßte seinen Philosophenberuf gleichzeitig als einen literarischen auf, während Schopenhauer wohl ähnliches gekonnt, aber uns nicht immer vergönnt hat. Jedenfalls hing er noch dem lange schon unter die Räder gekommenen humanistischen Bildungsideal an.

Schopenhauers eristische Dialektik ist im Gelben Forum (das seine Stadien getreu seinen Worten durchlaufen hat) wohlbekannt, vor allem auch in der, mal mehr, mal weniger, gekonnten Anwendung. Wer sich den gesamten Schopenhauerschen Band nicht antun bzw. sich deren Lektüre vereinfachen möchte, kann heute auf Holger Münzer: "Eristische Dialektik oder die Kunst, Recht zu behalten, nach Arthur Schopenhauer, in 38 Kunstgriffen dargestellt - Mit einer erläuternden Einführung, Kommentaren und Beispielen versehen" zurückgreifen. (Aus dem "Handbuch der Rhetorik" von Holger Münzer, vgl. auch die Diskussion um den Verfall der Rhetorik am Beispiel zeitgenössischer Politiker.) Man verachte jedenfalls nie Kunstgriff 38 - "Letzter Kunstgriff: Persönlich beleidigend werden".

"Das Problem von Debatten hatte schon Schopenhauer gut erkannt: Man glaubt, man habe es mit dem Verstand des anderen zu tun, aber in Wirklichkeit ist es sein Wille, der sich sträubt."

Viele Philosophen und Rezensenten nach ihm sehen auffällige Parallelen zwischen Schopenhauer und Buddha (er kann's nicht selber sein, reinkarniert letzterer doch nie mehr - oder hat er's im Nirvana nicht mehr ausgehalten?), so z.B. ROBERT C. SOLOMON, KATHLEEN M. HIGGINS "The Big Questions - A Short Introduction to Philosophy", Wadsworth, 8. Auflage, p. 60: "The great pessimist Arthur Schopenhauer also thought that life is frustration. Our desires are ultimately irrational and pointless, he says.", also in heutiger einfacher Sprache 'das Leben ist eine Hühnerleiter, kurz und besch ...'.

Schopenhauer konnte es sich leisten, auf einen Lehrer- oder Professorenposten zu verzichten, da er nach dem Selbstmord seines Vaters über genügend eigene Mittel verfügte. Sein 1818 erschienenes Werk "Die Welt als Wille und Vorstellung" wurde erst schleppend rezipiert. Sein Lebensstil relativen Reichtums und seine pessimistische bis misanthrope Ader scheinen in gewissem Widerspruch zu stehen (oder doch nicht - der Nachwelt hat er seinen Reichtum jedenfalls nicht gegönnt - evtl. ein erster Chartist, so, wie Newton). Sein introspektives Herangehen an die Welterkenntnis, wenn auch z.T. von buddhistischem und hinduistischem Schrifttum (mit) inspiriert, kann man auch als Wegbereiter mancher Ideen Sigmund Freuds begreifen (vgl. z.B. "ARTHUR SCHOPENHAUER AND SIGMUND FREUD").

Jed' Ding ist Schopenhauer eine Ausgeburt eines unteilbaren Welt-Willens, so, könnte man meinen, wie sie Hegel eine Ausgeburt des Weltgeistes war.

Man könnte psychoanalytisch auch wagen, darüber nachzudenken, ob seine Auffassung, zu wollen sei, mehr zu wünschen, als man realistisch erreichen kann ("jeder erfüllte Willensakt = Wunsch steht zehn unerfüllten gegenüber, ad infinitum") nicht etwa seiner zeitlebens wohl unerfüllten, enttäuschten (wohl auch körperlichen) Liebe entsprang (vgl. sein Ansichten über die Frauen). Auch hier finden wir Parallelen zu Nietzsche.

Da mehr Wünsche bleiben, als erfüllt werden können, ist auch Schopenhauer "alles Leben Leid" (vgl. Tobias Hölterhof: "Anthropologie des Leidens - Leidensphilosophie von Schopenhauer bis Scheler" (PDF, 188 Seiten). Da die Erfüllung ohnehin unerreichbar bleiben muß, propagiert Schopenhauer Asketizismus und weltliche Entsagung (und schrieb dennoch "Die Kunst, glücklich zu sein: Dargestellt in fünfzig Lebensregeln").

Schopenhauer war Kunstliebhaber und schrieb mehrfach über Aesthetik und Musik (daher auch der Name Chopinhauer), aber auch hier könnte man auf den Gedanken kommen, daß dies im psychoanalytischen Sinne eine Sublimationsleistung als Reaktion auf die ihm versagt gebliebene Liebe war (etwa können seine Aussprüche zum weiblichen Geschlecht auch im Sinne der Fabel vom Fuchs und den sauren Trauben verstanden werden).

Jedenfalls ist seine Kunstphilosophie heute wohl der am wenigsten umstrittene Teil seines Vermächtnisses, wenn man von der Eristischen Dialektik und ihrem Einfluß auf die zeitgenössische Rhetorik und Ratgeber zum "Rechthaben" absieht. Vermutlich ist seine Eristik das somit zeitloseste seiner Werke, sofern nicht irgendein Justizminister es demnächst verbietet.

Siehe auch James Luchte: "The Body of Sublime Knowledge: The Aesthetic Phenomenology of Arthur Schopenhauer" Heythrop Journal, Volume 50, Number 2, pp. 228-242, 2009.


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