OT: Donald Trump, nomen est omen, der vielleicht nächste netteste Präsident der Vereinigten Staaten und seine Deplorables ...

Literaturhinweis, Samstag, 17.09.2016, 18:56 (vor 1592 Tagen)10282 Views
bearbeitet von unbekannt, Montag, 19.09.2016, 14:26

Die einzigen Politiker aus den letzten Jahrzehnten, die mir spontan einfallen wenn ich mich frage, wer tatsächlich mit etwas Tiefgang reden konnte, waren Gustav Heinemann, Erhard Eppler und Gerhart Baum. Strauß und Wehner erweckten zwar den Eindruck, waren aber Polterer.

Der Rest trat zwar oft rhetorisch geschickt bis polternd auf (Strauß, Wehner, Helmut Schmidt) oder schmeichelte sich ein (Willy Brandt), aber inhaltlich wurde meist nur leeres Stroh gedroschen. Die Inhalte der meisten Politiker-Reden sind leider nur die Gegenpole zur Meinung ihrer Opposition, keine eigenständigen, gar neuen, Ideen und Gedanken. Jede all zu arg abweichende eigenständige Meinung fällt auch bei einer des eigenen Denkens ohnmächtigen Bevölkerung selten auf fruchtbaren Boden.

Dies gilt in hohem Maße auch für Trump, bis vielleicht auf seine Idee mit der Mauer an der Grenze zu Mexiko, was vor ihm kein ernstzunehmender Politiker zu äußern gewagt hatte (nicht mal Ulbricht). Erstaunlicherweise hat Noch-Präsident Obama die Idee nun ohne rot zu werden von Trump geklaut (und bezahlt auch noch dafür, was allerdings den Wahrheitsmedien nicht immer eine Rede wert ist).

Trump erinnert in dieser Hinsicht etwas an Strauß, insofern er bestimmte seiner Inhalte wieder und wieder wiederholt (so wie hier: dreimal "wieder", ach nein, jetzt viermal).

Sein "We will make America great again" (die verhungerten Venezolaner wird es freuen und auch Brasilien wünscht hierbei viel Glück), die Mauer an der Grenze zu Mexiko und die Idee, "Jobs" zurück in die USA zu holen (wo der doch längst im Himmel ist) sind griffige, markige Parolen. Wer jedoch seine vielen Reden (ich ca. zehn) seit Beginn des Wahlkampfes hört, denkt sich immer wieder - "Moment mal, die hatte ich doch gestern schon ..." (wären da nicht die unterschiedlich Flaggen der jeweiligen Bundesstaaten im Hintergrund, mal North Carolina, mal Texas, mal Iowa - "I love Iowa ..."). zugegeben, der Durchschnitts-US-Amerikaner versteht wirklich keine allzulangen Reden (Trump spricht bewußt langsam und klar und wiederholt entscheidende Passagen - er kennt seine Pappenheimer) und der studierte Rest aus den Ivy-League-Universitäten bekam grade von Nassim Taleb das Label "Intellectual-Yet-Idiot" aufgebrannt.

Was ist besser? Eine Rede mit ein paar Kernpunkten, die man zuhause wiedergeben kann, wenn man gefragt wird, oder eine Hillary-Rede, die man wegen häufigen Hustens akustisch schwer verstehen und wegen der inkohärenten Thematik sich nicht merken kann?

Was ist besser? Ein Redner, der klar und deutlich prononcieren kann und frei redet oder ein schnöseliger Politiker, der in acht Jahren kein wesentliches seiner Wahlkampfversprechen einhalten konnte und über den größten Schuldenberg der Geschichte präsidiert, aber ohne Teleprompter keinen Satz herausbringt? (Man vergleiche, wie souverän Trump damit umgeht.)

Wir sehen also: Trump paßt zu den USA (das "Amerika" lassen wir mal weg, um Mexikaner, Kanadier und Chilenen oder Indianer nicht zu beleidigen) und, für alle, die in Reichweite seiner oder seiner Gegner Atomwaffen wohnen: er hat eine isolationistische Agenda, die dem Rest der Welt einmal eine Verschnaufpause gönnen könnte. Ebenso könnten in seiner Amtszeit evtl. wieder mehr invalide Veteranen heil als heile US-Soldaten zu Invaliden werden. Insbesondere die Mütter werden es ihm danken und daß er weniger Stimmen von Frauen bekommen sollte, will aus diesem und anderen Gründen nicht einleuchten, auch wenn es Umfragen anders sehen.

Andere "Konzepte" Trumps scheinen dagegen kindlicher Phantasie entsprungen, vielleicht hat er mal Fichtes geschlossenen Handelsstaat gelesen.

Trump möchte z.B. von den Alliierten die "vollen Stationierungskosten" erstattet haben ("I'll make them pay"). Er scheint ernsthaft zu glauben, daß überall da, wo die USA für ihre Stationierungsgelüste (mehr als) die Hälfte zuschießen müssen, die Stationierungsländer freudig die andere Hälfte auch noch tragen würden, wenn man sie nur drum bäte, bzw. ihnen in Trumpscher Redensart die Pistole auf die Brust setzte und mit dem Abzug drohte. Er scheint soviel von der positiven Führungsrolle seiner 'großen Nation' und deren Ansehen in der Welt zu halten, daß er sich nicht auszurechnen vermag, daß diese 'andere Hälfte' bisher von den USA freiwillig und mit Absicht getragen wird, weil sie ein ureigenes imperialistisch-hegemoniales Interesse an diesen Militärstützpunkten im Ausland haben!

Nun, da wird ihm noch ein herbes Erwachen ins Haus stehen, wenn viele, wenn nicht die meisten dieser Länder (mit Ausnahme vielleicht der Polen und einiger baltischer Ex-Sowjet-Republiken, ggf. auch Südkorea) ihm den Stuhl vor die Tür setzen. Aber, nach kurzer Verwunderung wird er als potentieller Isolationist das sogar akzeptieren. Was ihm dann ins Haus steht, ist eine Reduktion zumindest der Infanterie, etwas, das ihm bisher im Traum nicht in den Sinn käme. Aber der Mann ist lernfähig, das hat er in Jahrzehnten der Anpassung an immer wieder geänderte Bebauungspläne hinreichend bewiesen.

Was also wird er machen (wenn ihn der militärisch-industrielle Komplex der USA und Großbritanniens nicht vorher, auf welche Weise auch immer, stoppt)? Ich traue ihm zu, daß er das dann dennoch durchzieht und tätsächlich die internationale US-Militärpräsenz in einigen Ländern und Regionen drastisch reduziert, er steht jedenfalls früheren isolationistischen US-Präsidenten(kandidaten) näher als dem expansionistischen Flügel (dem er ansonsten rhetorisch so sehr ähnelt), so weit man das von ihm angesichts seiner wenig belastbaren politischen Aussagen bisher wissen kann. Das wäre zu seinen Plänen, die USA wieder aufzurüsten und "stark" zu machen, nicht unbedingt ein Widerspruch. Die USA hat einige ihr selbst gehörende überseeische Besitzungen und den Rest erledigen ebensogut auch atomar bestückte und angetriebene U-Boote sowie Stealth-Langstreckenbomber und Interkontinentalraketen; dorthin kann er Geld umschichten. Das kommt dem Geist der Zeit eh entgegen, wo immer weniger sich als "boots the ground", als Infanteristen, verheizen lassen wollen und lieber mit fettem Bauch in Langley sitzen und per Joystick Hochzeitsgesellschaften bombardieren.

Ich traue ihm sogar zu, daß er als Pragmatiker die barocke kostspielige "wilhelminische Flottenseligkeit" hinsichtlich der Flugzeugträger kritisch hinterfragt und die US-Militärdoktrin entsprechend anpaßt. Schließlich ist er Unternehmer, der, anders als Vollblut-Politiker, sein Leben lang mit Geld haushalten lernen mußte.

Er hat einige Pannen und Pleiten hingelegt, aber mal ehrlich: ich würde so jemanden allemal einem CEO vorziehen, der Seveso oder Bhopal oder einige andere chemische Sauereien zu verantworten hätte. Und sicher kriegt man eher im Sozialen Wohnungsbau New Yorks von Schimmel Krebs als in Trumpschen Eigentumswohnungen.

Vieles also, was sich gegen Trump entlädt, scheint mir von Neid bis Haß geprägt und wird zudem von Menschen geäußert, die im Leben nicht in der Lage wären, vor ein paar zehntausend Menschen hinzustehen und eine freie Rede zu halten. Hindern tut sie keiner daran, selbst zu kandidieren und auch Trump hat am Anfang mit so wenig Geldeinsatz "Wahlkampf" gemacht, das könnte jeder auch per Crowdfunding in linkeren Zirkeln einsammeln!

Wie schon im Artikel über Hillary Clinton beschrieben, hat Donald Trump deutlich mehr (lesbare) Bücher geschrieben, als Hillary, während umgekehrt die Literatur über ihn bis jetzt noch nur einen Bruchteil der (überwiegend historischen bzw. politikwissenschaftlichen) Veröffentlichungen beträgt, die über Hillary Clinton und ihren Mann und begabten Fremdgänger William geschrieben wurden.

Wird Trump gewählt und Präsident (in der Zwischenzeit zwischen der Wahl Anfang November 2016 und dem offiziellen Amtsantritt Anfang Januar 2017 kann ihm ja noch viel passieren), so wird es erstmal eine Riesenlawine von Literatur zum "Betriebsunfall Trump" geben. Danach wird man merken, dass er in vier oder möglicherweise acht Jahren (Wiederwahl ist bei Amtsinhabern nicht ungewöhnlich - aber auch nicht gottgegeben) höchstens soviel oder gar wesentlich weniger Unsinn angerichtet hat, als seine unmittelbaren Vorgänger (ich schrieb ja schon, daß ich ihn für lernfähig halte) und am Ende wird man sich mit ihm über alle Lager hinweg versöhnen und ihm eine pompöse "Presidential Library" gönnen und, so, wie, siehe DDR, die Vergangenheit immer verklärt wird, wird man plötzlich auch ihn in US-Schulbüchern als Vorbild finden, sollte er sich nicht doch noch Skandale á la Clinton der Erste oder die Zweite leisten.

Entweder hat er es in vier oder eher acht Jahren dann geschafft, Breschen in den hartnäckigen "Biofilm" aus "cronyism" und Lobbyismus in den USA zu schlagen, dann weicht vielleicht sogar die bisherige starre US-Parteienlandschaft auf, vielleicht kandidiert er zu einer zweiten Amtszeit (wenn er denn Lust hat - er hängt nicht am Amt, wie die meisten Vollblutpolitiker) aber auch als Unabhängiger, als "Independent", der keiner der beiden Parteien angehört. Das würde die bisherigen Parteiapparate erst recht delegitimieren.

Sollte er das tun und vor allem, dabei es schaffen, wiedergewählt zu werden, dann würde sich für längere Zeit im US-amerikanischen Volk die Idee durchsetzen, daß es auch außerhalb der etablierten beiden Parteien und ohne Nominierungs-Rummel erfolgversprechende Kandidaten geben könnte.

Sollte er es aber nicht schaffen, das Establishment zu schwächen, so werden beide Parteien alles daran setzen, insbes. durch Regeländerungen bei der Nominierung, daß so etwas wie Trump nie wieder passieren kann. Und dann werden fürderhin noch mehr Bürger den Wahlen fernbleiben und die Cliquen können den Staat noch mehr unter sich ausmachen, das späte römische Reich läßt grüßen. Ohnehin ist Trump selbst auch ein Zeichen des beginnenden Cäsarismus nach Meinung durchaus auch republikanischer Analysten, die auch Parallelen zu ErdoÄŸan ziehen.

Wahrscheinlicher ist aufgrund der Machtverhältnisse auf den ersten Blick letzteres, d.h. das "Establishment" paßt sich an, wartet ab und setzt sich durch, aber auch hier darf man Trumps Außenseiterrolle nicht unterschätzen: jetzt muß er noch aufpassen, was er sagt, wem er was sagt und wann. Ist er einmal gewählt und schielt er nicht, wie sonst fast jeder Amtsinhaber vor ihm, auf eine zweite Amtszeit, so ist er danach frei zu tun und zu lassen, zu heuern und zu feuern, was und wen er will; nur in offenen Limousinen sollte er dann vielleicht nicht fahren (außer, in seinem Falle, in Dallas, Texas).

Vier Jahre sind eine lange Zeit, um durch Nominierung von Obersten Bundesrichtern und Supreme Court Judges, entsprechende Gesetzesinitiativen und mittels Executive Orders viel zu bewegen, Franklin Delano Roosevelt hat es schließlich vorgemacht.

Also: nie vergessen: Donald Trump ist ein Stehaufmännchen. ("V(ictory) ... ist Donald Trump") - "That beggar is 9 billion dollar richer than me ..."

Oder - Warren Buffett: "The big problem with Donald Trump was he never went right." - "Ein Schwerstkranker"? Trump ein Establishment-Kandidat - nur anders? Immerhin sagte Napoleon "Cherchez la femme", und wenn das nicht hilft, schau' Dir die Geldgeber an ... "Der Deal könnte sein: Die Deutsche Bank spart Strafzahlungen, wenn sie ihre Geschäftspolitik gegenüber Trump entscheidend ändert." So finden sich dann doch noch ein paar Schattierungen, wie bisher bei allen Politikern, die nach Jahrzehnten kompromißvollen Lebenslaufes erst kandidieren und nicht schon nach einem Jahrzehnt ans Kreuz genagelt werden, weil sie Umstürze planen.


Donald Trumps selbst verfaßte Bücher

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