Persönlicher Bericht: Wie ein Grundstück über Nacht wertlos wurde

Positiv, Freitag, 11.09.2015, 11:51 (vor 2066 Tagen)30331 Views
bearbeitet von unbekannt, Freitag, 11.09.2015, 12:14

Hallo zusammen,

ich möchte mal wieder eine kurze Story aus der Realität berichten. Für mich persönlich nicht mehr ganz so aktuell, weil bereits 6 Monate her; für den einen oder anderen Leser möglicherweise bald sehr aktuell.

Worum ging es? Das Haus und Grundstück meiner Großeltern am Rande einer Stadt in Thüringen. Nachdem es 10 Jahre ungenutzt leer stand, entschied ich mich, es nun doch zu verkaufen. Also einen befreundeten Makler beauftragt (mit welchem ich bereits gute Erfahrungen bei anderen Grundstückdeals sammeln durfte).

Lage in einem Dorf am Stadtrand, viel Wald und Natur drumherum, Südhang, mit dem Bus 15 Minuten bis in die Stadt. Busverbindung auch zu Schulen. Momentan ein „Traumziel“ für junge Familien mit besser bezahlten Jobs.

Interessenten fanden sich zum aufgerufenen (ortsüblichen) Preis schnell, nach 10 Wochen stand der Käufer fest. Mehrere Treffen, der Verkaufsvertrag wurde in allen Details ausgearbeitet, bis alle zufrieden waren. Teilfinanzierung durch die Bank war beantragt und abgesegnet. Ein Termin beim Notar zwecks rituellem unterschreiben des Kaufvertrags war bestellt. Gleich in der nächsten Woche.

Dann eine Pressemitteilung: Die Stadt beabsichtigt, in genau diesem Dorf in einem schon länger leer stehendem ehemaligem [Dativ ist korrekt, oder?] Wohnheim ein Erstaufnahmelager für 500 - 650 Asylanten zu eröffnen. (Das Dorf hat momentan 1300 Einwohner.)

Am selben Tag Anruf vom Käufer und Mitteilung, dass kein Interesse mehr am Kauf besteht. Im übrigen zog am nächsten Tag auch die Bank ihre Kreditbewilligung zurück – natürlich mit politisch korrekter Argumentation (bei nochmaliger Durchsicht … interner Fehler … bedauern zutiefst …). Einen Bekannten in der Bank angerufen und mit bestätigen lassen, dass der bisherige Bodenrichtwert mit sofortiger Wirkung an diesem Ort nicht mehr gültig ist.

Deal geplatzt. Macht nichts, es gab noch ein halbes Dutzend andere Interessenten. Alle haben abgewunken, alle. Weil ich den Mist aus persönlichen Gründen schnell vom Tisch haben wollte, bat ich den Makler, den Interessenten das Objekt zu einem günstigereren Preis (ursprünglich mittlerer fünfstelliger Bereich) anzubieten. Vergeblich. Später zum halben Preis - auch kein Interesse, niemand. Für ein (Spaß)Angebot für ein Drittel konnte sich ebenfalls keiner begeistern.

Der Makler hat nun – ein halbes Jahr später – den Maklervertrag für beendet erklärt, da das Objekt nach seiner Einschätzung unverkäuflich ist. Eine Entscheidung über die tatsächliche Einrichtung der Erstaufnahmestelle ist noch nicht gefallen. Aber die Angst davor ist mächtig. Ich möchte das an dieser Stelle nicht weiter kommentieren, Fakt ist, dass es einfach so ist und auch andere Makler das Objekt dankend ablehnten, weil aus ihrer Sicht absolut unverkäuflich.

Ich schreibe das alles nicht, weil ich Mitleid brauche (nein, meine Existenz hängt nicht von diesem Verkauf ab) und auch nicht, um Angst vor der Ohnmacht ggü. staatlichen Entscheidungen zu verbreiten.

Ich möchte nur darauf hinweisen, dass es sicherlich kein Einzelfall bleiben wird, dass ein Grundstück im ländlichen Raum über Nacht unverkäuflich wird bzw. jeden wirtschaftlichen Wert verliert.

Wer soetwas als Altersvorsorge oder Spekulationsobjekt oder Erbe oder was auch immer besitzt, sollte sich jedenfalls überlegen, ob er nicht besser sehr sehr schnell verkauft, solange er noch etwas dafür bekommt.

Nachtrag: Das Dorf ist übrigens von der Bevölkerungsstruktur her eine der erzkonservativsten und reaktionärsten Gegenden, die ich überhaupt kenne. Dagegen wirkt selbst Niederbayern progressiv. Ich schreibe das, weil ich mir keinen ungeeigneteren Ort in D für ein Asyl-Lager vorstellen kann. Wie man im Ort am Stammtisch darüber denkt, ist hier von vorn bis hinten nicht zitierfähig. Ob lokale Behörden dieses Risiko tatsächlich nicht sehen wollen oder können, ist mir unbekannt. Man kann jedenfalls davon ausgehen, dass man – sollte es dort tatsächlich eine Erstaufnahmestelle geben – von den weiteren Entwicklungen detailliert aus der Presse erfahren wird.

Beste Grüße,

Positiv.

P.S. Der Inhaber des Wohnheims, ein norddeutscher Bauunternehmer wird offensichtlich massiv persönlich bedroht. Neulich erklärte er mit feuchten Augen in eine Kamera, dass er an sein abgegebenes Abgebot gebunden sein und da rechtlich nicht rauskommt, auch wenn er mittlerweile wirklich gern zurückziehen würde.
Der letzte Halbsatz wurde nicht gesendet, den berichtete mir später die mir zufällig persönlich bekannte Filmcrew.


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