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Debitismus und die letzte Kugel im Lauf - schlag nach bei Keynes!

Geschrieben von dottore am 30. Juni 2005 14:52:02

Hi,

in seinem Treatise on Money (EA 1930) findet sich eine lehrreiche Ableitung, die einen anderen Ansatz als in der späteren General Theory (EA 1936) aufzeigt.

Im Original (leicht gekürzt):

"I propose to break away from the traditional method of setting out from the total quantity of money irrespective of the purposes on which it is employed, and to start instead with the flow of the community's earnings of money income."

Zum money income zählt bekanntlich allerlei, wobei den Steuern als money income des Staates die wichtigste Rolle zufällt. Will man also mit dem money income "starten", dann muss dieses auch erst einmal in die Welt gesetzt sein. Es ergibt sich nicht "automatisch", sondern ist Resultat entweder von hoheitlich gesetzten Akten oder von kontraktlichen, d.h. diejenigen, bei denen das abfließt, was dann income wird, müssen einen Grund haben, es bei sich abfließen zu lassen. Denn money (oder woraus auch immer das income dann besteht) wechselt nicht "von selbst" die Fronten.

Dass die hoheitlichen den kontraktlichen historisch (und dann bis heute) vorangehen, halte ich bekanntlich für unbestreitbar, wie oft genug beschrieben, wenn auch noch nicht in allen Details ausdiskutiert. Dimi (nachzulesen in seinem Posting 26. Juni: "Geld entsteht als Warengeld bereits vor der Steuer") überzeugt mich nicht, da ich mit dem Begriff "entstehen" nichts anzufangen weiß. Was mag sich darunter konkret verbergen?

Dass Waren (recte: Güter, da Waren Märkte und Preisbildung voraussetzen und demnach ihrerseits einen Standard haben müssen, der seinerseits nicht wiederum "Geld", sozusagen als "Vor-Geld" sein kann) abgeliefert werden mussten, weist den richtigen Weg: Da "entsteht" nichts "aus sich heraus" oder nach einem Palaver in trauter Runde, an dem sich "alle irgendwie beteiligen", Vorschläge machen und verwerfen - bis "man" schließlich mit dem einstimmig gefassten Beschluss "Das ist jetzt Geld - und basta!" auseinander geht.

Was da "entsteht", nämlich Abgaben in durchgehend gesetzter Form (Menge, Material, Konsistenz, Termine usw.), ist just, worin sich alles andere messen und schließlich auspreisen und denmach leihen und verleihen läßt. Um wieder bei Keynes anzuknüpfen: Das "income" geht allem voraus und das, worin es beim "outcome" zu entrichten ist, führt uns zum "money". Doch genug der Abschweifungen und zum Kern des Postings.

Nun bietet Keynes eine interessante Gleichung, die er "fundamental equation" nennt:

Q = I - S, wobei Q die (Unternehmer-)Gewinne sind, I der Wert (!) der investierten Güter (und nicht etwa, wie später bei ihm die "Investitionen") und S die laufenden Ersparnisse (Savings). Die investierten Güter sind zudem "securitisiert", lassen sich also leichter in die Höhe treiben, da es leichter ist, Aktien oder vor allem Anleihen zu kaufen als die Firmen oder den Anleihe-Emittenten selbst.

Die spätere Gleichung lautet bekanntlich I = S, d.h. es wurde nur soviel (neu) investiert, wie gespart wurde, womit sich die Frage nach dem Schicksal des Q stellt - es sei denn es wird durch eine zusätzliche Nettoneuverschuldung gestemmt, die dann ihrerseits die Realisierung des Q ermöglicht (vgl. dazu "Der Kapitalismus" mit der Marx'schen Aporie: "Wie wird der Mehrwert realisiert?").

Setzen wir das Q der "fundamentalen Gleichung" mit money income gleich, steigt dies, je höher die monetären Investments (Titel) sind bzw. je niedriger die monetären Savings. Just dies sehen wir gerade in den USA: Gewinn-Hausse, Titel-Hausse und geringe Sparquote. Dass die Titel Treasuries sind, spielt zunächst ebenso wenig eine Rolle wie die Tatsache, dass US-Gov beim Abschöpfen der money income zögert, diese also nicht auf seine Konten leitet.

Dass das Spiel in sich selber endet, versteht sich von selbst, da US-Gov seine Titel nicht selber halten oder deren Kurswertzuwachs komplett besteuern kann (der bei Laufzeitende ohnehin verschwindet) und die Savings jederzeit in die Höhe schnellen können (was sie tun, sobald die Titel-Hausse ausgereizt ist und entsprechend die money incomes nicht mehr weiter steigen).

Martin Wolf, der kluge Kopf in der FT UK und Darling der Londoner City, hat sich zu dem Komplex eine wegweisende Variante einfallen lassen: "The paradox of thrift: excess savings are storing up trouble for the world economy" (13. Juni).

Dabei bezieht er sich auf Keynes General Theory und die laufenden Investitionen und nicht etwa auf den Wert der vorhandenen Investitionen (Titel), wie sie in der ursprünglichen "fundamentalen Gleichung" von Keynes die entscheidende Rolle für money incomes spielen, wiewohl er in seiner Analyse auf die Titel-Werte rekurriert (siehe gleich).

Der Artikel bezieht sich auf Greenspans berühmte "Ich kapier's auch nicht"-Rede am 6. Juni in Peking, auf den Bernanke-Vortrag vom 14. April (The global saving glut and the U.S. current account deficit) und eine Brookings-Studie (Is the US Current Account Deficit Sustainable And if not, how costly is adjustment likely to be?").

Ausgangspunkt sind sehr schöne Beobachtungen: "Fiscal deficits will not crowd out private spending, but rather crowd it in", Klartext: Je mehr Titel ex Defiziten erscheinen, desto mehr werden sie vom Markt genommen, um die Renditen "einzusperren".

Wolf: "Another likely outcome, will be 'reaching for yield'". Klartext: Die Realverzinsung, auch jene auf Kapitalinvestments wird sinken.

Folge: Immer riskantere Anlagen werden gesucht (siehe den immer kleineren Spread von Junks zu AAA-Titeln), was die gesamte Lage immer anfälliger werden lässt. Und: "Deficit countries act as spenders of last resort in the world economy" (wovon hier vor Geraumen schon die Rede war: letztlich halten die US-Defizite die Weltwirtschaft am Laufen).

Wolfs verzweifelter Hilfeschrei: "Reduce the excess savings, particularly in emerging market economies!" Das ist Keynes purissimo, allerdings der der Theory und nicht der des Treatise.

Dennoch lässt sich eine Brücke zur "fundamentalen Gleichung" schlagen: Es sollen jetzt die Savings (S) minimiert, Klartext: Der Rest der Welt muss auf den amerikanischen Weg getrimmt werden, also Q = I - S ---> max!:

"To summarise, excess savings in about 60 per cent (!) of the world economy largely explain today's low real interest rates, somewhat manic (!) reaching for yield, persistent fiscal deficits and growing and dangerous global imbalances."

Dabei soll es dann eine weltweite "co-operative solution" (aha!) geben, die die "adjustments" dann schon richten wird. Runter mit dem S, runter, runter! Ob auf dem G-8er-Treffen davon schon gewispert werden wird?

Summa: Der Kapitalismus, unser herzliebstes debtitistisches Kettenbrief-System mit dem (noch, noch) infalliblen Schuldner Staat, schiebt die letzte Kugel in den Lauf...

Dennoch feinsten Gruß!