Das Gelbe Forum Forum nach Zeit sortieren Forum nach letzter Antwort sortieren die 150 neuesten Beiträge
Forum-Menü | Fluchtburg autark am Meer | Goldpreis heute | Zum Tode von Jürgen Küßner | Bücher vom Kopp-Verlag
ZITAT »Wir ersticken in der Datenflut.«

    Paradigmenwechsel + Methode

    verfasst von moneymind, 04.05.2009, 03:35

    Hi Maria,

    hierzu noch ein paar Gedanken:

    >Aber manchmal wird mit der Heinsohn etwas unheimlich im Angesicht seiner >neuartigen Theorien in den verschiedensten Bereichen:

    >- Eigentumsökonomik
    >- Demographie (okay, Youth Buldge hat er ja nicht erfunden, sondern nur in D >diskutabel gemacht)
    >- Hexenprozesse als Formen organisierter, staatlicher Geburtenkontrolle
    >- Katastrophismus (okay, auch eher von Velikovsky weitergetragen)


    Die Bereiche erscheinen nur verschieden, weil sie eben heute dissoziiert (getrennt) voneinander behandelt werden.

    Daß Heinsohn auf neue Antworten und Theorien kommt, hat nichts mit irgendeinem "Genie" oder sonstwas zu tun, was "nobelpreiswürdig" wäre (in den Gesellschaftswissenschaften ist das wohl eh mehr Ideologieproduktion).

    Es hat ganz einfach etwas mit seinen FRAGESTELLUNGEN, ZIELEN und seiner METHODE zu tun.

    Seine Methode nennt er selber "parallele Rätselkumulation" (siehe v.a. "Warum Auschwitz", erster Teil - leider nicht online verfügbar):

    1.) Er geht aus von Ratlosigkeiten, bei denen Koryphäen der Fachdisziplinen eingestehen, keine Antwort zu haben und keine Lösung zu wissen. Nennt man auch "Anomalien" - also Dingen, die sich aus der Sicht des jeweils herrschenden "Paradigmas" (=bestimmter Blickwinkel, der durch bestimmte theoretische Konzepte / Grundannahmen erzeugt wird) nicht erklären lassen.

    2.) Er dokumentiert diese Ratlosigkeiten systematisch (siehe z.B. Rätselsammlung in "Privateigentum, Patriarchat, Geldwirtschaft" oder in "Privateigentum und Zins, Bevölkerung und Hexen, Religion und Judenhaß").

    3.) Er sucht für die Rätsel, für die verschiedene Fachdisziplinen keine Lösung haben, nach gemeinsamen Auflösungen - und zwar sowohl historisch als auch systematisch.

    Ganz klar, daß solche Lösungen nur über sogenannte "Paradigmenwechsel", d.h. grundlegende Perspektivenwechsel zu haben sind, und theoretische Grundkonzepte sind immer solche "Perspektiven", die die Aufmerksamkeit/Wahrnehmung auf bestimmte Realitätsaspekte lenken und andere im Dunkeln belassen (hervorragende Analyse solcher Prozesse, die Kuhns Analyse locker in den Schatten stellt, bei Arthur Koestler: "The Act of Creation", dt.: "Der göttliche Funke").

    D.h. Heinsohns Ziel besteht darin, Rätsel zu lösen.

    Normale Fachwissenschaftler dagegen sind in erster Linie Traditionspfleger, nicht Forscher. Denn "forschen" dürfen sie überhaupt erst, wenn sie Professoren sind, und dafür müssen sie erstmal die Tradition auswendiglernen und ihren eigenen Profs in den Allerwertesten kriechen. Damit aber sind ihre Wahrnehmungsgewohnheiten vorstrukturiert. Was im ersten Semester noch eine offene Frage und ein Rätsel war, das man dann aus Gründen der Sicherung des universitätskarrieremäßigen Weiterkommens nicht verfolgt, sondern verdrängt hat, ist dann längst vergessen. Für diese Leute geht die eigene Existenzsicherung eben vor inhaltlichen Neuerungen, und das ist ja individuell auch vernünftig.

    Das ist stabilisierend und traditionsbewahrend, aber nicht eben kreativitätsanregend. Das "System Wissenschaften" ist Teilsystem des "Systems Staat" und basiert auf Gefolgschaftsbildung. Das dürftest Du ja aus DDR-Zeiten aus eigener Erfahrung kennen. Staatssektor und Sozialismus funktionieren da nach denselben Prinzipien, nett analysiert auf der Basis der Arbeiten von Janos Kornai z.B. bei Katherine Verdery: What Was Socialism, What Comes Next?, S. 19-39 und im übrigen auch bei Heinsohn/Steiger (1981): "Geld, Produktivität und Unsicherheit in Kapitalismus und Sozialismus", Leviathan (Zeitschrift für Sozialwissenschaft) 9, 1981, S. 164-194, engl. Fass. hier (unbedingt lesen, da die Analyse der politischen Ökonomie des Realsozialismus dort eben auch auf den Staatssektor in Marktwirtschaften zutrifft).

    Neuerungen sind da nicht funktional, funktional sind sie bestenfalls am Markt, weswegen sie eben auch in aller Regel dort produziert werden.

    Man kann aber auch im System "Staat" Neuerungen einbringen - allerdings nur in Sondersituationen, und die 68er Jahre mit der folgenden Welle von Stellenvergaben an diesen Nachkriegs-Youthbulge war so eine Sondersituation, die vorbei ist. Heinsohn kriegte damals noch eine Stelle, OBWOHL er quer dachte. Aber erst, als er die Lebenszeitprofessur (für Sozialpädagogik!) hatte, konzentrierte er sich auf diese ganzen übergreifenden sozialen Fragen (vorher: "Theorie des Kindergartens", "Theorie des Familienrechts" - letztere war allerdings schon sehr unkonventionell und von der Marx / Freud-Rezeption der 68er wesentlich beeinflußt, gleichzeitig aber sehr eigenständig).

    Heinsohns Rätselkumulationsmethode ist im übrigen auch ganz wesentlich von Freuds Psychoanalyse angeregt, bei der ja ebenfalls gegenwärtige Unverständlichkeiten durch historische (in diesem Fall individualbiographische) Rekonstruktion verständlich gemacht werden sollen.

    Gruß
    moneymind

    

    gesamter Thread:

  • @MariaB - Staatsentstehung bei Heinsohn - moneymind, 11.04.2009, 17:50

Wandere aus, solange es noch geht.


CoinInvest – Ihr Edelmetallhändler










470266 Postings in 55767 Threads, 951 registrierte Benutzer, 1163 User online (10 reg., 1153 Gaeste)

Das Gelbe Forum: Das Forum für Elliott-Wellen, Börse, Wirtschaft, Debitismus, Geld, Zins, Staat, Macht (und natürlich auch Politik und Gesellschaft - und ein wenig »alles andere«) | Altes Elliott-Wellen-Forum

Ja, auch diese Webseite verwendet Cookies. Hier erfahren Sie alles zum Datenschutz