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ZITAT »Wir ersticken in der Datenflut.«

    Fachwissenschaften, Cranks

    verfasst von moneymind, 03.05.2009, 15:12

    Hi Maria,

    nur kurz, da ich gleich weg muß:

    > > > Jetzt habe ich das Buch endlich ausgelesen und kann es nur wärmstens
    > > > empfehlen. Leider fehlen mir theologische und bronzezeithistorische
    > > > Kenntnisse um wirklich mitargumentieren zu können,
    > >
    > > Mir auch. Ist doch aber wurscht, wir müssen uns hier ja zum Glück
    > nicht
    > > mit Theologen, Historikern, Archäologen und sonstigen Spezialisten der
    > > Fachdisziplinen, deren Gebiet das Buch berührt, herumschlagen.
    >
    > Es sollte aber m.E. nicht wurscht sein.

    Ich meinte damit nicht, daß das völlig wurscht sei. Sondern, daß man sich mit Thesen wie denen von Heinsohn auch beschäftigen und eine persönliche Einschätzung formulieren kann auf dem Hintergrund von "kulturellem Allgemeinwissen". Man nimmt eine neue Perspektive zur Kenntnis, sieht, welche Perspektivenwechsel und Einsichten sich daraus ergeben, und achtet auch darauf, welche Widersprüche zu bekannten Tatsachen sich ergeben. Auf dieser Basis fällt man ein vorläufiges (intuitives) Urteil, das man aber immer auch auf die Interessen hin abklopfen sollte, die einen selbst bei dieser Einschätzung leiten.

    Natürlich sollte man auch die Kritiker aus den Fachwissenschaften zur Kenntnis nehmen.

    > So wichtig von Quereinsteigern
    > eingebrachte interdisziplinäre Impulse für neue Denkansätze und damit
    > wirkliche Weiterentwicklung der Erkenntnis sind, so müssen sich diese doch
    > an den Erkenntnissen der Fachspezialisten reiben und irgendwie mit ihnen
    > fusionieren.

    Ja, wobei aber die Struktur einer Fachdisziplin von einem Paradigmenwechsel nicht unberührt bleiben kann. Ob der sich durchsetzen kann, ist allerdings hauptsächlich eine Machtfrage. Wissen wird immer aus bestimmten Interessen heraus konstruiert, und Heinsohn greift viel zentrale Säulen des modernen, aufklärerischen Weltbilds (=Ideologie der modernen Gesellschaft) an.

    > Koppeln sich die neuen Theorien - weil es ja auch einfacher
    > ist - zu sehr vom wissenschaftlichen Diskurs ab, entsteht Crank- und
    > Sektierertum.

    Kommt darauf an, wie man diese Begriffe verwendet. Das können auch Kampfbegriffe sein, mit denen ein altes Paradigma verteidigt wird. Schlüssigkeit und die Fähigkeit zur kohärenten Erklärung möglichst vieler bekannter empirischer Fakten, inclusive solcher, die bisher als Anomalien hinausgeworfen / verdrängt wurden, sind für mich wichtige Kriterien beim (vorläufigen, "laienhaften" Beurteilen eines neuen Paradigmas).

    Jedenfalls mischen sich bei diesen Themen Empiriebezug und Interessen, und man muß beides im Auge behalten.

    > Mein Punkt ist, dass wenn wir auf einem und fremden Fachgebiet
    > Erkenntnisse gewinnen wollen, wir nicht nur den spannend und auch plausibel
    > klingenden Theorien der Neuerer und Querdenker lauschen, sondern auch den
    > Argumenten ihrer Kritiker aus den etablierten Fachrichtungen Gehör
    > schenken sollten. Und insofern müssen wir Heinsohn Erschaffung der Götter
    > eben schon an der bronzezeitlichen Geschichtsschreibung und
    > Theologiegeschichte spiegeln, denn evtl. gibt es ja schlagende
    > Killerargumente, die nur wir Laien eben nicht kennen.

    Klar, da gebe ich Dir völlig recht.

    Aber mal etwas allgemeinere Gedanken dazu:

    Für uns ist ja ein Teil des modernen Weltbildes schon zusammengebrochen (nicht zuletzt mit dem Sozialismus, und jetzt mit der Wi-Krise sowieso), und jetzt suchen wir nach Alternativen, denken aber im Grunde noch "wissenschaftlich" (Wissenschaft hat ebenfalls eine Ideologie, sie verkürzt menschliche Wahrnehmungs- und kulturelle Wissenskonstruktionsprozesse enorm - ich sehe das eher sozialkonstruktivistisch, dafür hatte ja Marx auch schon ein Gespür). Vor allem tun wir es nur individuell und vereinzelt, und eine Bewegung wird daraus nicht erwachsen, dafür fehlt rein demographisch der Träger.

    Heinsohn ist (für mich) ein Verfallsprodukt des Niedergangs der bürgerlichen Gesellschaft, ein Individualist für Individualisten. Nettes Hobby also, aber da auf "wissenschaftliche Anerkennung" und ähnliches zu hoffen, halte ich für naiv. Naja, weites Feld.

    > Den Prozess hat js der eine oder andere schon selbst durchgemacht. Wenn
    > man von als Fachfremder in die Geld- und Wirtschaftstheorie zu Zeiten der
    > Krise eindringt, dann klingen die fachfremden und einfachen Erklärungen
    > von Quereinsteigern wie Goldwährung oder Freigeld eben sehr plausibel.

    Ja. Meine Strategie ist da, beim Lesen sofort Widersprüche, unerklärte Vorannahmen etc., die mir auffallen, festzuhalten. Manche davon werden sich mit der weiteren Lektüre dann im Gesamtzusammenhang des Modells auflösen. Andere nicht. Die muß man dann weiterverfolgen. Bei meiner Marx-Beschäftigung war das z.B. die "Arbeitswertlehre", die Frage nach dem Widerspruch zwischen Prognose und Realität einer Planwirtschaft in Hinblick auf Produktivitäts- und Innovationskapazität, etc.; da blieben bei Marx Widersprüche und offene Fragen, die ich nach der "Kapital-" Lektüre dann eben weiterverfolgte.

    So ähnlich versuche ich das mit Heinsohns sonstigen Theorien auch, wobei mir leider die Zeit für ausführlicheres Weiterforschen fehlt. Wir könnten ja mal versuchen, eine Liste von Widersprüchen, Inkonsistenzen etc. bei Heinsohns "Erschaffung der Götter" aufzustellen und die den "Aha-Effekten", neuen Einsichten etc., die das Paradigma bietet, gegenüberzustellen.

    > Es
    > braucht dann schon eine längere Beschäftigung mit der Materie, um die
    > Theoriestreu vom Theorieweizen zu trennen.

    Klar. Jede Einschätzung ist immer nur vorläufig.

    > Und genau an dem Punkt bin ich mir bei Heinsohn bzgl. seiner
    > Religionsgeschichte momentan einfach nicht sicher und würde gern die
    > Argmente der Kritiker hören, also von Historikern der Bronzezeit oder
    > Theologen.

    Da kommt dann auch noch das ganze Chronologieproblem (Chronologierevision) mit herein, das Heinsohn im Religionsbuch ausklammert (siehe dazu "Die Sumerer gab es nicht"). Mir da ein Urteil zu erarbeiten, schaffe ich zeitlich einfach nicht.

    > Riese hat ja unseren Heinsohn mal als Crank bezeichnet, in dem konkreten
    > Zusammenhang m.E. zu unrecht.

    Nun, mit Heinsohn und Riese hatte ich ja zu tun. Die beiden haben einfach aneinander vorbeigeredet und sich gegenseitig nicht wirklich verstanden. Hätten die mal gemacht, was Enghofer/Knospe gemacht haben, hätten sie ihre Widersprüche klären können. Da aber unsere westlicher Diskussionsstil seit den Griechen nicht auf kooperative Klärung, sondern auf Verteidigung der eigenen Position angelegt ist, kam es dazu nicht.

    Riese war wütend, weil Heinsohn/Steiger seine in mancher Hinsicht in die richtige Richtung gehenden Kritikpunkt nicht verstanden haben. Daran ist er m.E. selber schuld, weil er sich nicht klar ausdrücken konnte (unpräzises akademisches Geschwurbel ohne konkret darauf einzugehen, was Banken tatsächlich tun, mit welchen Zielen und welchen buchhalterischen Konsequenzen).

    Also hat Riese wütend auf den Tisch geklopft und H/S als cranks disqualifiziert. Aus meiner Sicht wirkte die ganze Auseinandersetzung kindisch, lächerlich, kommunikativ völlig inkompetent und war ein menschliches und kommunikatives Armutszeugnis für die Beteiligten.

    Wie z.B. der dottore hier im Forum diskutiert, kommt mir da wesentlich kompetenter vor.

    > Aber manchmal wird mit der Heinsohn etwas
    > unheimlich im Angesicht seiner neuartigen Theorien in den verschiedensten
    > Bereichen:
    > - Eigentumsökonomik
    > - Demographie (okay, Youth Buldge hat er ja nicht erfunden, sondern nur in
    > D diskutabel gemacht)
    > - Hexenprozesse als Formen organisierter, staatlicher Geburtenkontrolle
    > - Katastrophismus (okay, auch eher von Velikovsky weitergetragen)
    > - ...

    > Also entweder bekommt der Heinsohn noch mal mindestens einen Nobelpreis
    > (hier nur stellvertretend für wissenschaftliche Anerkennung aufgeführt),
    > m.E. am ehesten für Ökonomie, oder wir überschätzen ihn im Moment
    > etwas.

    Aus Nobelpreisen dürfte nichts werden. Heinsohn hinterfragt radikal das moderne Weltbild und Selbstverständnis, sowas kann keine Gesellschaft zulassen. Ich sehe ihn als Symptom und Speerspitze der ideologischen Krise, die Teil des Schwächelns und Niedergangs der westlichen europäischen Zivilisation ist. Er ist so etwas wie ein "empirischer Nietzsche", und gerade wegen dem Empiriebezug den Verteidigern des mod. Weltbildes so schwer erträglich. Daher am ehesten für Feulletonisten interessant, die sich im Detail nirgends auskennen.

    Meine ich jedenfalls.

    Gruß
    moneymind

    

    gesamter Thread:

  • @MariaB - Staatsentstehung bei Heinsohn - moneymind, 11.04.2009, 17:50

Wandere aus, solange es noch geht.


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