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ZITAT »Wir ersticken in der Datenflut.«

    Entstehung von "Herrschaft" und "Staat"

    verfasst von moneymind, 02.05.2009, 01:26

    Hi Maria,

    > Jetzt habe ich das Buch endlich ausgelesen und kann es nur wärmstens
    > empfehlen. Leider fehlen mir theologische und bronzezeithistorische
    > Kenntnisse um wirklich mitargumentieren zu können,

    Mir auch. Ist doch aber wurscht, wir müssen uns hier ja zum Glück nicht mit Theologen, Historikern, Archäologen und sonstigen Spezialisten der Fachdisziplinen, deren Gebiet das Buch berührt, herumschlagen.

    Heinsohn ist ja auch kein Spezialist auf diesen Gebieten. An ihm ist doch gerade interessant, daß er fachübergreifend denkt und selbst noch die fachdisziplinäre Spezialisierung als Ausdruck einer Form des Denkens entlarvt, die offensichtliche Zusammenhänge dissoziiert und damit der Aufmerksamkeit entzieht.

    Auch an der Trennung von Ökonomie und Demographie in der herrschenden Sozialwissenschaft (ursprünglich – im Merkantilismus und bis in die der klass. Pol. Ök. hinein ja mal EIN Gebiet) wird das ja deutlich, und leider macht Heinsohn diese Trennung teiweise auch mit (seine Publikationsstrategie - beide Themen behandelt er in getrennten Büchern, Rise-and-Fall-Dynamik der bürgerlichen Gesellschaft wird aber nur im Zusammenhang beider verständlich).

    > aber die Heinsohn'sche
    > Theorie ist nachvollziehbar und erklärt für mich viel Unererklärliches.

    Was denn zum Beispiel?

    Für mich erklärt sie jedenfalls zunächst mal recht schlüssig die Frage nach dem Ursprung von "Klassenherrschaft" und "Feudalsystemen", d.h. einer herrschenden Priesterkaste, die durch Abgaben der Arbeitenden versorgt wird; und die Frage, warum Feudalsysteme immer etwas mit Religion zu tun haben.

    "It is not known why priest-kings were suddenly accepted as
    hierarchically superior rulers entitled to provisions by their fellows who
    thereby turned themselves into mankind's first commoners."
    (Quelle)

    Die Entstehung dieses Kernmerkmals menschlicher Hochkultur blieb ja auch und gerade im Marxismus - obwohl als "ursprünglicher Sündenfall" gern gegeißelt - merkwürdig unerklärt und unterbelichtet.

    Die Frage ist, wieso hätten sich die Leute das eigentlich gefallenlassen sollen, um dann an passender Stelle wieder eine Revolution zu veranstalten?

    Heinsohns Antwort darauf ist eben, Herrschaft war nicht nur pure Unterwerfung qua Macht und Gewalt, sondern die Abgabenpflichtigen bekamen auch etwas dafür: nämlich "Heil" in Form von Ritualen und Prognosen der jeweils nächsten Katastrophe der bronzezeitlichen Katastrophenserie (Priesterkaste - erste Astronomen; Katastrophenserie im Velikovsky-Szenario).

    Das erklärt sehr schön und einleuchtend, warum Völker ihre Könige verehren (die Engländer bis heute).

    Beim dottore dagegen überfallen Nomaden- und Hirtenstämme sesshafte Bauern. Wozu sie aber den Aufwand getrieben haben sollen, Tempel, Pyramiden und Kathedralen zu bauen, und komplizierte Rituale (inclusive Musik, Tanz, Opfer etc.) erfunden haben sollen, bleibt dabei dann doch auf recht merkwürdige Weise im dunkeln.

    Der dottore ist eben letztlich ein Rationalist und Ökonomist – als gelernter Ökonom eben gewohnt, alles ökonomische aus ökonomischem zu erklären und Religion – in guter Marxscher Tradition – auf ökonomisches zu reduzieren: analog dem marxschen Programm, jeglichen „Überbau“ aus der „ökonomischen Basis“ „ableiten“ zu wollen, Religion für eine phatastische Ausgeburt des menschlichen Hirns jenseits jeglicher Realität zu erklären (Programm der Religionskritik des Rationalismus der antiken und modernen Aufklärung) und stattdessen „das Bewußtsein“ aus dem „materiellen Sein“ (verstanden als den ökonomischen Bedingungen, also Produktivkräften und Produktionsverhältnissen) zu erklären (vgl. MEW 3, „Die Deutsche Ideologie“ etc.).

    An Heinsohn finde ich u.a. interessant, daß er auch das Standardprogramm der aufklärerischen Religionskritik nicht mitmacht, sondern im Gegenteil die Frage nach dem Ursprung und der Funktion von Religion historisch angeht. D.h. nicht nur in der Wirtschafts- und Bevölkerungstheorie entzieht er dem modernen, aufklärerischen Weltbild (ob nun sozialistisch oder liberal) jeglichen Boden, indem er die gemeinsamen falschen Voraussetzungen von Liberalismus und Sozialismus aufdeckt (Tauschparadigma). Auch auf dem Feld der Religion, wo Aufklärer und Theologen im Clinch liegen, geht er ähnlich vor, nicht „Partei zu ergreifen“, sondern stattdessen nach einer historischen Klärung zu suchen.

    Es ist aber im Heinsohn-Szenario eben nicht eine einseitige Machtausübung/Unterdrückung gewesen, sondern durchaus ein "Pakt", bei dem der "Herrscher" (Priester-König) für die "Beherrschten" eine wichtige Leistung erbracht hat, nämlich psychische Wiederherstellung, den (kindlichen) Glauben, das Universum durch richtiges Handeln gefügig machen und harmonisch stimmen zu können, etc. – und zusätzlich auch (während der Katastrophenserie der Bronzezeit) realistische Katastrophenprognose, die erst nach Ende der Katastrophen in scharlatanerische Apokalypsen-Predigerei und Prophezeiherei zum Zweck der Angstmache und Machterhaltung unter Nutzung uralter Erfahrungen und psychischer Strukturen verkommt (nicht nur bei den Christen - Endzeitvorstellungen und –Prognosen und dazugehörige Heilserwartungen sind ja in vielen Religionen gang und gäbe).

    Zum Machtmißbrauch kommt es in der Heinsohnschen Version der Geschichte erst nach dem Ende der bronzezeitlichen Serie von Katastrophen, als die Priester ihr Spezialwissen nutzen, um über prophetische/apokalyptische Katastrophenankündigungen ihre Machtstellung zu erhalten.

    Eine katastrophistische Perspektive auf die Bronzezeit läßt auch viele andere gemeinsame Aspekte (fast) aller Religionen in einem ganz neuen Licht erscheinen - die Vorstellung von Weltzeitaltern z.B., die ja auch in diesem Forum recht undurchschaut wiedergekäut und breitgetreten wird (à la 2012 und ähnlichen Pseudoprognosen wie im von Albrecht geposteten Filmchen etc.).

    Natürlich gibt es im Detail verschiedene Szenarien von unterschiedlichen Katastrophisten für diese Katastrophenserie. Velikovsky hat sicher viel getan, um den verdrängten Katastrophismus wieder ins Gespräch zu bringen, aber es gibt ja auch ganz andere Szenarien wie die von Donelly, Hörbiger (Welteislehre), Bellamy, Clube/Napier, Allen/Delair, Ackerman, Talbott etc. etc.

    Wie also die Katastrophen im einzelnen verlaufen sein mögen, wird kaum endgültig zu klären sein, denn da spielen – wie immer bei Geschichtsschreibung – facts und fictions (Phantasie, braucht man für jegliche Hypothese) eng zusammen.

    Daß es aber Katastrophen gegeben hat, scheint mir kaum abzuweisen zu sein. Ob es globale Katastrophen waren (mit Polsprung/Verkippung der Erdachse und folgenden Mega-Flutwellen) oder nur "große lokale" Katastrophen, mag umstritten bleiben. Jedenfalls sind sie archäologisch nachweisbar und wurden auch den größten Teil der Geschichte hindurch von niemandem angezweifelt (das haben erst Lyell/Darwin fertiggebracht, was Heinsohn ja in der Vorrede zu "Eigentum, Zins und Geld" kurz anspricht).

    Was das Phänomen "Staat" angeht - klar ist der in erster Linie ein redistributives Feudalsystem, und religiös bestimmt – aus Sicht von Heinsohns Szenario eine Machtlegitimation, die mal „realistisch“ und verhältnismäßig angemessen war, diese Funktion aber nach Ende der katastrophenbestimmten Bronzezeit aber verloren hat und nur noch aus Gewohnheit und – seitens der Priester – auch Machtmißbrauch weitergeführt wird.

    Aber daraus allein erklärt sich eben nicht die Sphäre der bürgerlichen Gesellschaft (freies Grundeigentum, Vertragsfreiheit etc.), die sich m.E. eben nur als Revolution gegen die alte Feudalstruktur erklären läßt - wobei aber zentrale Strukturelemente des Staats erhalten bleiben, wenn auch ihre Funktion wechselt (schöner Aufsatz zum Funktionswechsel des Tempels in Griechenland hier).

    Klar kann die nur als Teilsystem eines übergeordneten Machtgebildes "Staat" existieren, andererseits aber nur gegen diesen durchgesetzt werden. Wie sollte man denn sonst die Staatsfeindlichkeit der Liberalen, bis hin zum Anarcholiberalismus, erklären?

    Wiederum kann man hier, meine ich, nur eine Revolution annehmen, weil auch eine komplette Revolution im Denken stattfindet („vom Mythos zum Logos“, „Aufklärung“, „Rationalismus der Philosophie und Wissenschaft“ etc.), die die alte Religion radikal „kritisiert“ und ganz andere ("rationale") Vorstellungen an deren Stelle setzt, dabei allerdings oftmals menschliche Kreativität und Phantasie zugunsten der Ratio mitentsorgt, anstatt sie zu erklären (schönes Buch dazu: Edward DeBono: I am Right, You Are Wrong).

    Die Installation einer bürgerlichen Gesellschaft "von oben" à la dottores "Machtzession" gab es natürlich auch, aber meiner Meinung nach macht das nur Sinn für so etwas wie "nachholende Modernisierung" (in England entstand der moderne Kapitalismus "von unten", in D wurde er dann nachholend "von oben" installiert - analoges würde aus meiner Sicht auch für die Antike schlüssig Sinn ergeben).

    Der religiöse Kern des Staatsphänomens blieb aber trotz der bürgerlichen Sphäre des Privatrechts („freie Wirtschaft“, „Markt“) erhalten: auch der moderne säkulare Nationalstaat hat sich trotz Aufklärung und Rationalismus und der dazugehörigen Religionskritik weiterhin der Kunst zur religiösen Verbrämung des Nationalgedankens bedient – aber einer verselbständigten Kunst, die dennoch an staatlichen Institutionen gepflegt und tradiert wurde (Nationaloper, Staatsoper, National- und Staatstheater, Nationalliteratur etc. Alle Künste haben ihren historischen Ursprung alle in religiösen Ritualen und folgen derselben "Logik" des Prinzips der Mimesis, nicht der rationalen Analyse - schöner Aufsatz dazu hier).

    Daß Kunst ein Nischenprodukt des Marktes und bloß privates "Entertainment" geworden ist, ist ne relativ junge Entwicklung.

    > Manchmal nervt sein Philosemitismus

    Heinsohn hat in Israel gelebt und geforscht (Kibbutz) und war offensichtlich sehr beeindruckt, wie er da als Deutscher empfangen und behandelt wurde.

    > (den Antisemitismus auf das Opferverbot im Judentum zurückzuführen, ist
    > m.E. recht weiiit hergeholt)

    In gewissem Sinn schon einleuchtend, aber das allein kann es kaum sein, denn, dann müßten ja auch nichtjüdische Philosophen und Aufklärer oder Buddhisten ähnlich brutal verfolgt werden, was nicht der Fall zu sein scheint. In Afghanistan haben die Taliban allerdings buddhistische Denkmäler in Massen gesprengt, und wie China mit Tibet umspringt, wissen wir ja auch.

    Hast Du mal Heinsohns "Warum Auschwitz?" gelesen?

    Aber ... die Juden in der Diaspora als Unterdrückte, die in der Lage sind, den Machtmissbrauch der Herrscher nach Ende der Katastrophenzeit zu durchschauen, schaffen das Opfer ab ... hm, auch nicht ganz einleuchtend.

    Aber die jüdischen Liebes- und Gerechtigkeitsgebote aus jüdischer Machtlosigkeit zu erklären und damit zu implizieren: „wer die Macht zum töten hat, tut das auch - Friedens- u nd Liebesgesäusel verbreitet nur jemand, der zu machtlos ist, sich vom Töten etwas anderes als die Niederlage zu erwarten“, paßt zu Heinsohns Spott über den Pazifismus der heutigen Deutschen, den er aus ihrer militärischen Impotenz mangels Jungmännerüberschuß erklärt.

    Daraus entsteht manchmal der Eindruck, sein dem zugrundeliegendes Menschenbild (es geht immer nur um Macht) sei dem eines Hitler ähnlicher als dem eines Einstein oder Rabin.

    Realistisch mag das ja sein, aber es reduziert Menschen auch auf ihre Vergangenheit und leugnet ihre Kreativität und Lernfähigkeit – damit hatte die Wissenschaft schon immer Probleme, weil sie die Kreativität mit dem Kreationismus mitentsorgt hatte und nur noch „Realitätserkenntnis“ als „rational“ anerkennen wollte. Diesem wissenschaftlichen Menschenbild dient Heinsohn sklavisch, ebenso wie Freud, auf den er sich dabei sicher zurückbezieht („Die Zukunft einer Illusion“ – psychoanalytische Religionskritik). Deswegen ist er ist auch kein strategischer Denker, er denkt nicht zukunfts- und handlungsorientiert, er schaut nur zu und sucht Erklärungen für das, was abläuft.

    Seine demographische Rhetorik („Abschlachten“ „Ausschlachten“ und "Kannibalisieren" Chinas durch Singapur als Beschreibung von Singapurs Immigrationspolitik, nur hochqualiflizierte Chinesen hereinzulassen) ist für mich geschmacklos, gefühllos, unangebracht, sensationshascherisch und völlig daneben. Seine Analyse trifft ja zu, aber wozu die blutrünstigen, sensationshascherischen Metaphern? Wer weiß, welcher Gaul da mit dem guten Mann durchgegangen ist.

    Und man sieht hier auch gut, wie er kaum zu strategischem Denken in der Lage ist: der Großteil des Abschnitts „Strategie“ ist einfach nur Analyse, seine demographische Strategie für Deutschland reduziert sich auf zwei Punkte: er rät, beim „Ausschlachten“ Chinas einzusteigen und alles Kindergeld nur fürs zweite Kind zu zahlen.

    Heinsohn ist als „Forscher“ ein Weltbildumstürzer - ähnlich wie seine Vorbilder und Haupteinflüsse Marx, Freud, Velikovsky und Keynes. Zu strategischem, zukunfts- und handlungsorientierten Denken ist er unfähig, er liebt dagegen Negativprognosen und hält dies für eine Tugend („Nüchtern“).

    Ungeachtet seiner originellen Gedanken: als Person machte er auf mich doch auch zuweilen den Eindruck eines in mancher Hinsicht doch manchmal eher fragwürdigen Menschen.

    Viele Grüße
    moneymind

    

    gesamter Thread:

  • @MariaB - Staatsentstehung bei Heinsohn - moneymind, 11.04.2009, 17:50

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