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ZITAT »Wir ersticken in der Datenflut.«

    Oppenheimer/dottore: zirkulär, ökonomistisch + erklären zuwenig

    verfasst von moneymind, 12.04.2009, 00:17

    Hi Zara,

    hatte ne lange Antwort getippt aber aus Dusseligkeit versehentlich gelöscht, daher nur kurz:

    Dottores debitismus finde ich als systematische Erklärung des Kapitalismus einleuchtend, wenn ich auch seine Zinstheorie nicht teile.

    Seine historischen Erklärungen der Entstehung 1) des Staats und 2) von Eigentum und Vertragsfreiheit (der "Sphäre des Privatrechts" also) und parallel dazu der Umwandlung eines religiös legitimierten in einen säkularen Staat halte ich für ökonomistisch verkürzt, sie erklären mir viel zuwenig.

    Es ist ganz eindeutig, daß die ersten Staaten durch und durch von Religion bestimmt waren - Priesterkönigtümer, redistributive Palastwirtschaften, in deren Zentrum ein religiöser Herrscher stand, dessen Aufgabe darin bestand, die gesellschaftliche Harmonie und die Himmelsharmonie (!!) sicherzustellen. Die gesellschaftlichen Aktivitäten konzentrieren sich nicht auf Produktivitätsmaximierng etc. sondern immer auf religiöse Inhalte, die wir heute als "Kunst" bezeichnen: heilige Architektur, Bau von Tempeln, Pyramiden, Palästen, Kirchen, alle mit astrononischen Bezügen, Kunstgegenstände mit religiöser Bedeutung im Alltag, Rituale als Re-Enactment der Schöpfung, usw. usf.

    Siehe dazu z.B. Mircea Eliade: "Das Heilige und das Profane" oder "Der Mythos der ewigen Wiederkehr", oder Julius Evola: "Revolte gegen die moderne Welt".

    Die Entstehung dieser ersten Stufe der Hochkultur - religiös motivierte und zentrierte Feudalsysteme mit herrschender Priesterkaste, Klassenteilung und redistributiver Versorgung der Priesterklasse, die dafür die Organisation der Rituale etc. übernimmt - erklärt Heinsohn für mich - wenn auch sehr skizzenhaft - weitaus plausibler als die Oppenheimer/dottoresche ökonomistische, von einem apriorisch gegebenen Machtwillen ausgehende Gewaltstheorie. (siehe Heinsohn: Die Erschaffung der Götter).

    Die Entstehung der zweiten Stufe der Hochkultur - die genauso wie die der ersten bis heute in den zuständigen Fachdisziplinen als unerklärt gilt (Zitate dazu kann ich gern nachliefern) - mit privatem Grundeigentum, freien Männern, Vertragsrecht, Kredit, Zins und Geld und Philosophie - erklärt dottore als von oben gestartet.

    Ich meine, man kann diesen Prozess nur verstehen als eine revolutionäre Eroberung und Umfunktionierung der vormals priesterlichen (religiösen) Staatsmacht "von unten" durch freie Männer unter katastrophischen Sonderbedingungen (siehe Heinsohn: Privateigentum, Patriarchat, Geldwirtschaft, Kap. 1). Nur das erklärt ja auch die darauf sowohl im antiken Griechenland als auch in der Moderne folgende bzw. damit einhergehende Kritik des Mythos bzw. der Religion, und das Entstehen eines ganz neuen Denkstils (griechische Philosophie, Wissenschaft und axiomatisch-deduktive Methode - Vorsokratiker bis Aristoteles), der "Aufklärung" (siehe dazu und zum Zusammenhang mit dem neuen, auf Freiheit beruhenden Gesellschaftssystem auch J.P. Vernant: Die Entstehung des griechischen Denkens, G.E.R. Lloyd: "Demystifying Mentalities" und "The Word and The Way" und Richard Seaford: "Money and the early Greek Mind".

    Nur das erklärt ja auch den permanenten Streit zwischen Aufklärern und der Kirche sowie Konservativen. U.v.a.M.

    Kurz und gut, dottores ökonomistische / materialistische Szenarien halte ich für letztlich zirkulär, sie erklären mir einfach zuwenig, besonders im Hinblick auf das Religionsphänomen und dann die Revolution "vom Mythos zum Logos".

    Heinsohn hält hier m.E: wesentlich schlüssigere Szenarien bereit

    Allerdings braucht man zu deren wirklichem Verständnis m.E. auch eine Epistemologie, die über die übliche abendländische rationalistische Epistemologie hinausgeht und Symbolkonstruktionsprozesse wie in religiösen Ritualen, die auf Analogien, Metaphern und 1:1 Entsprechungen ("Mappings") basieren, präzise analytisch verstehbar machen. Gibt es bisher auch kaum, die besten Ansätze dafür finde ich bei Gregory Bateson ("Angels Fear" bzw. "Wo Engel zögern - unterwegs zu einer Epistemologie des Heiligen") und bei Mark Turner und Gilles Fauconnier (Link zum Buch im Vorposting von mir, sie nennen ihr Modell "Conceptual Blending and Integration"). Daher diese Links in meinem Vorposting in diesem Thread.

    Nietzsche, den Du ja kennst, hatte übrigens durchaus eine Ahnung von der Bedeutung des "Metaphernphänomens", allerdings hat er das nie analytisch durchdrungen, sondern nur selber eine Metapher nach der anderen vom Leder gezogen, der Gute.

    Naja, wie auch immer - so sehe ich das jedenfalls. Vermutlich ungewöhnlich, vieleicht schwerverdaulich, hoffentlich wenigstens in Ansätzen irgendwie nachvollziehbar (ist irgendwie doch wieder länger geworden).

    Gruß
    moneymind

    

    gesamter Thread:

  • @MariaB - Staatsentstehung bei Heinsohn - moneymind, 11.04.2009, 17:50

Wandere aus, solange es noch geht.


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