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ZITAT »Diese Verschwörer sind aber nicht die Wurzel allen Übels, sondern ausführende Kräfte des Zeitgeistes.«

    Zandow’s Schmökerstunde (2); heute: V. u. V. Trimondi zum Buddhismus

    verfasst von Zandow, 10.02.2009, 13:13

    Hallo Gemeinde,


    in der heutigen Schmökerstunde gibt’s einen Essay von Victor und Victoria Trimondi zur Lektüre. Anlaß dafür ist die heutige Verleihung des Deutschen Medienpreises in Baden-Baden an den Dalai-Lama.

    Hier der Essay (erschienen in „Die Welt“ vom 31.Juli2007):

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    Es ist unglaublich, fast unheimlich, mit welcher Ignoranz die treuherzigen Deutschen den Dalai Lama, diesen gelb-roten „Gott zum Anfassen“ („Spiegel“), der erst im 20. Jahrhundert aus dem finsteren Mittelalter seines Landes entsprungen ist und der sich mit erstaunlichem Geschick westliche Begriffe des Liberalismus, Humanismus und der Psychologie angeeignet hat, als „Jesus der Neuzeit“ anbeten.

    „Der Buddhismus sagt, daß man ein friedfertiges Leben führen soll – Gewalt wird abgelehnt. Kreuzzüge im Namen des Buddhismus gab es nicht. Erstaunlich ist, daß gerade der tibetische Buddhismus als so friedfertig gilt. Die tibetische Geschichte was nicht friedfertig. Es gab viel Gewalt und immer wieder kriegerische Auseinandersetzungen, bei denen es um Macht und Einfluß ging und die Religion gerne vorgeschoben wurde – das war gar nicht anders als in anderen Ländern auch.“, konstatiert der Münchener Tibetologe Volker Caumanns. Die inquisitorischen Vollstreckungen des Lama-Staates im alten Tibet, der Leibeigenschaft und Sklaverei befürwortete, ständen der katholischen Inquisition in nichts nach, einschließlich der Anwendung der Folter. Das tibetische Kriminalrecht zeigte ein mittelalterliches Raffinement, das bis Mitte des vorigen Jahrhunderts voll wirksam war.

    „Schuld und Sühne“ werden im Buddhismus durch den Karma-Begriff ersetzt. Dessen gängige Interpretation unterscheidet sich nicht wesentlich von dem christlichen Konzept, da schlechtes Karma (Schuld) durch gute Taten (Sühne) aufgehoben werden muß, ansonsten kommt auch der buddhistische „Sünder“ in die Hölle, wo ungeheure Qualen auf ihn warten.

    Das Guru-System des Lamaismus, das die absolute Unterwerfung des Schülers unter den

    Meister verlangt, verhindert jegliche „individuelle“ und autonome Entwicklung des Menschen und schon gar, der „Schöpfer seines Schicksals“ zu sein. Im Gegenteil, das, was wir hier in Europa unter Individuum, Ich und Seele verstehen, zählt im tibetischen Buddhismus überhaupt nichts. Dort wird das „Individuum“ gezielt durch meditative Praktiken „ausgelöscht“, um als „Gefäß“ für eine der zahlreichen Gottheiten zu dienen oder um den Zustand des Nirwana zu erreichen.

    Das Machtgehabe „präpotenter Kichenfürsten“ ist ganz besonders für die tibetische Mönchskultur charakteristisch, die im alten Tibet eine striktlinien-hierarchische Buddhokratie entwickelt hatte.

    Ende der 90er-Jahre hatte sich die Aufklärung über die Tibetschwärmerei, den Lamaismus und den Dalai Lama in den internationalen Medien eine breitere kritische Öffentlichkeit verschafft. Darauf mußte der Religionsführer einfach reagieren. Beschrieb er früher das „tibetische Friedensreich“ auf dem Dach der Welt mit sehr ähnlichen Worten wie westliche Shangri-La-Enthusiasten, so spricht er heute (wenn es die Umstände nützlich erscheinen lassen) von der Ungerechtigkeit der Großgrundbesitzer, der Willkür der Äbte, sogar vom himmelschreienden Unrecht, von Prunk und Machtgier. Aber offensichtlich haben diese Äußerungen zur Schattengeschichte Tibets der Dalai-Lama-Idolatrie und Buddhismus-Euphorie nicht schaden können.

    Im Gegensatz dazu sind Papst und Christentum seit Jahrhunderten einer ständigen, offenen Kritik ausgesetzt – und das ist gut. Nur so ist eine kulturell fruchtbare Dynamik zwischen Staat und Kirche, Religion und Humanismus, Gesellschaft und Glaube möglich. Würde sich die humanistische Kritik auch mit dem tibetischen Buddhismus auseinandersetzen, dann würde sie dort ebenfalls zahlreiche Strömungen entdecken, die sie bei den monotheistischen Religionen als fundamentalistisch anprangert: den Zusammenfall von Staat und „Kirche“, der Ausschluß der Frauen aus der klerikalen Hierarchie, Dämonenglaube, Geheimriten, und dazu kommen, als Spezifikum, sexualmagische Praktiken. Häufig und sehr exzessiv sind auch die „klassischen“ Verfehlungen von (Lama-)Klerikern: sexueller und mentaler Mißbrauch von Schülern und Schülerinnen, Einschüchterungen, Korruption.

    Gemeinsame Kriterien für den Fundamentalismus jeglicher Glaubensrichtung, der heute weltweit in der großen Politik mitmischt, sind die Befürwortung des Heiligen Krieges gegen Andersgläubige, die Erwartung eines militanten Erlösers, die Prophezeiung einer Endschlacht zwischen Gut und Böse und die Errichtung eines theokratischen Weltreiches. All das sollte man im Buddhismus nicht erwarten. Aber genau eine solche apokalyptische Dschihad-Vision steht im Zentrum eines Heiligen Textes aus dem 10. Jh. n.Chr., dem sogenannten Kalachakra-Tantra, der für den Dalai Lama größte Bedeutung hat. Der Kalachakra-Text sagt einen blutigen Religionskrieg zwischen Buddhisten und Nichtbuddhisten voraus, der nach dem Sieg eines Furcht und Schrecken einflößenden Messias (Rudra Chakrin) in einer Welt-Buddhokratie enden soll. In dem prophezeiten „Shambhala-Krieg“ orientiert sich die buddhistische Armee keineswegs nach den Friedensmaximen des historischen Buddhas: Sie wird „gnadenlos“ und „grausam“ sein, und „die äußerst wilden Krieger werden die barbarische Horde niederwerfen“ und „eliminieren“. Der Originaltext des Kalachakra-Tantra bezeichnet explizit die Führer der drei monotheistischen Religionen „Adam, Henoch, Abraham, Moses, Jesus, der im weißen Gewand (Mani), Mohammed und Mathani (der Mahdi)“ als „Feinde des Buddhismus“ und als „Familie der dämonischen Schlangen“. Mit einer befremdlichen Begeisterung fürs Detail schildert der Text zudem die mörderischen Superwaffen, die dann zum Einsatz kommen.

    Die Shambhala-Schlacht gilt als der Heilige Krieg des tibetischen Buddhismus und wird, wie der islamische Dschihad, im „Inneren“ wie im „Äußeren“ ausgefochten. An der inneren Front (im Geiste) ringt der Shambhala-Krieger (so wie der Mudchahedin) mit seinen schlechten Charaktereigenschaften; an der äußeren Front kämpft er gegen die „Feinde der buddhistischen Lehre“. Deswegen kommt der vom Dalai Lama designierte Exeget des Kalachakra-Tantras, der Tibetologe Alexander Berzin, zu den Schluß: „Die Kalachakra-Darstellung des Shambhala-Krieges und die islamische Diskussion über den Dschihad zeigen bemerkenswerte Ähnlichkeiten.“ Bisher gab es vonseiten des Dalai Lama trotz heftiger Kritik keinen Kommentar zu den offenkundigen kriegerischen und die anderen Religionen diskriminierenden Passagen dieses Textes, die im krassen Widerspruch zum „Prinzip der Gewaltlosigkeit“ (ahimsa) des Buddhas Shakyamuni stehen.

    Und die Reformen des „Gottkönigs“? – Fast immer werden sie großspurig angekündigt und dann doch nicht durchgeführt. So feierte die deutsche Presse den „Buddha unserer Zeit“ euphorisch als sympathischen „Frauenrechtler“, weil er in Hamburg die Ordination buddhistischer Nonnen befürwortet hatte und damit kokettierte, als Frau zu reinkarnieren. Tatsache aber ist, da er gleichzeitig darauf verwies, wie schon Jahre vorher, er besitze keineswegs die Autorität, die reale „Umsetzung“ der Frauenordination zu verabschieden. Im Gegensatz hierzu nahm er im sogenannten Shugden-Fall die ihm zustehende „absolute Autorität in Glaubensdingen“ sehr wohl in Anspruch und verbot den jahrhundertealten weitverbreiteten Kult des konkurrierenden Orakelgottes (Shugden). Trotz ständiger Lippenbekenntnisse zur Demokratie ist der Dalai Lama de jure und de facto immer noch das nicht abwählbare Staatsoberhaupt der Exil-Tibeter, oberster weltlicher Chef von sieben Ministerien und einem Premier.

    Im Falle des Dalai Lama und des Lamaismus vollzieht sich hierzulande überhaupt keine bewußte und ausbalancierte Integration einer fremdartigen östlichen, spirituellen Kultur mit einer westlich-rationalistischen, auch wenn sich der „Gottkönig“ gerne und demonstrativ mit Wissenschaftlern aus Europa und Amerika trifft und mehrere Doktorhüte westlicher Universitäten trägt. Die vielfachen irrationalen, berauschenden, grausamen, düsteren und apokalyptischen Aspekte des Lamaismus sind in der großen Öffentlichkeit wenig bekannt. Sie werden vom Dalai Lama und seinen Anhängern verschwiegen, verstellt und verharmlost. So kann der „Herr des Weißen Lotos“ schmunzelnd an die naiven und ignoranten Westler deren eigene, in jahrhundertlangen Kämpfen errungenen humanistischen Werte verteilen, verpackt als „wunscherfüllende Juwelen“ aus dem Himalaja, wo es diese humanistischen Juwelen nie gegeben hat.

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    Damit bestätigt sich wieder einmal die die Macht erhaltende Rolle von Religionen.



    Gruß in die Runde, Zandow


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  • Zandow’s Schmökerstunde (2); heute: V. u. V. Trimondi zum Buddhismus - Zandow, 10.02.2009, 13:13

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