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ZITAT »Es wird die Rechtssicherheit sein, die an allen Ecken und Enden wegbröckeln wird.«

    Goethe zu Fiat Geld, Deflation, Inflation; @Hopi wg Goethe

    verfasst von Talleyrand, 01.01.2009, 16:59
    (editiert von Talleyrand, 01.01.2009, 17:01)

    Servus @Hopi und @alle,

    Deine über das ganz Forum verstreuten Goethe-Zitate lese ich mit Freude.
    Allein die Sprache ist wohltuend, in Kontrast zum verkommenen Ufer der Gegenwart.

    Goethe hat mich, über seinen Mittelsmann Ernst Jünger, auch gelehrt, die Selbständigkeit des eigenen Wesens zu entdecken, ohne dabei den trügerischen Spiegel der Provokationen und Oppositionen zur Außenwelt zu verwenden. Eine Übung, die den Wenigsten gelingt.

    Ich möchte vorerst einige finanz- und machtpolitischen Einlassungen Goethes hier zur Kenntnis bringen, schließlich ist das hier vordergründig ein Finanzforum:

    Siehe dazu auch die Analyse auf http://www.geldseiten.info/index.php?menu=46&id=381
    Zitat daraus:
    „Goethe diente als Wirtschaftsminister. Ihm waren also ökonomische Fragen durchaus vertraut. Den Faust schrieb er allerdings wesentlich später während der großen deflationären Depression in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

    Wachstum bis zum Kollaps

    Die Entwicklung, vor allem das Wachstum unserer Wirtschaft, die seit der industriellen Revolution die übrigen Lebensbereiche ungebremst in ihren Sog gezogen hat, wird zusehends zum wichtigsten Anliegen der Menschheit. … Mit der schicksalhaften Verbundenheit der Menschheit mit der Wirtschaft hat sich Goethe in seinem ,Faust' auseinandergesetzt.
    … Der Autor des Buches „Geld und Magie“, Prof. Hans Christoph Binswanger, hat den nachfolgenden Artikel verfaßt:

    Teufelspakt

    Faust tritt, unterstützt von Mephistopheles, zuerst als Berater des Kaisers in Finanzangelegenheiten auf. Er zeigt ihm, wie er mittels Notenpresse seiner Schulden ledig werden kann. …
    Die drei Elemente des faustischen Plans
    Goethe weist im Faust-Drama vor allem auf drei Grundelemente des faustischen Plans, das heißt der modernen Wirtschaft, hin, die zu Goethes Zeit im Ansatz erkennbar waren, seither aber ihre volle Wirksamkeit entfaltet haben. Wir wissen um die Wirkung des technokratischen Ansatzes, kennen aber oft nicht mehr ihren Ursprung! Goethe zeigt sie auf:
    • die Papiergeldschöpfung
    • das neue Eigentumsrecht (Eigentum als „dominium“)
    • der Einsatz der mechanischen Energie.

    Die Papiergeldschöpfung

    Die „neue“ Wirtschaft beginnt mit der Papiergeldschöpfung und der Vervielfachung des Geldes. In der Literatur über Goethes Faust findet sich schon sehr früh der Hinweis darauf, daß John Law und sein berühmt-berüchtigtes „System“ anfangs des 18. Jahrhunderts Vorbild gewesen sei für das Experiment, das Faust und Mephistopheles im ersten Akte des zweiten Teils des Faust am Kaiserhof in Gang setzen. Es geht um die Ausgabe bedruckten Papiers als Ersatz für die Goldmünzen
    …Bei der Festigung auf das Law'sche System und dessen Zusammenbruch hat man oft vergessen, daß dahinter das andere Experiment der Notengeldschöpfung stand, nämlich dasjenige der Bank von England, die 1694 gegründet wurde und seit 1696 Banknoten ausgegeben hatte. Dieser von der City of London getragene Versuch hat alle Stürme, die auch die Bank von England durchmachen mußte, überstanden. Das englische Experiment dauert nun schon 300 Jahre an und hat sich auf die ganze Welt ausgebreitet. Es ist die Basis des heutigen Weltwährungssystems, das neben dem Papiergeld der Notenbanken auch noch das Privatbankgeld der Geschäftsbanken und das Zentralbankgeld des Internationalen Währungsfonds kennt. Dank ihm konnte sich der Welthandel von seinen bescheidenen Anfängen zu Beginn der Neuzeit zu den kaum faßbaren Dimensionen der heutigen Weltwirtschaft entwickeln. In diesem Zusammenhang ist entscheidend, daß die Bank von England keine staatliche Institution, sondern eine Geschäftsbank war, die dank des Privilegs der Notengeldausgabe, welche der Staat ihr gewährte, diesem Staat Kredite gewähren konnte (auch der englische Staat war in Geldnöten), im übrigen aber auf eigene Rechnung arbeitete und Handels- sowie Investitionskredite gewährte (erst später wurde dieses System durch die Gründung von Geschäftsbanken, die die Aufgabe der Handels- und Investitionsgewährung übernahmen, erweitert).

    Faust, Mephistopheles & Co. ...

    Goethe hat, wie kaum je bemerkt worden ist, die Papiergeldausgabe am Kaiserhof in einen ganz analogen Zusammenhang gestellt. Es geht auch hier um eine Bankgründung auf privater Basis. Sie dürfte wohl „Faust, Mephistopheles & Co.“ geheißen haben. Als das Papiergeldexperiment geglückt ist, verkündet der Kaiser Faust und Mephistopheles:
    „Das hohe Wohl verdankt euch unser Reich;
    Wo möglich sei der Lohn dem Dienste gleich.
    Vertraut sei euch des Reiches innerer Boden.
    Ihr seid der Schätze würdigster Kustoden.
    Ihr kennt den weiten, wohlverwahrten Hort.
    Und wenn man gräbt, so sei's auf euer Wort.“
    Das heißt, es wird eine Notenbank gegründet werden, deren Noten zwar durch die Goldschätze, die im Boden liegen und an sich dem Staat gehören, „gesichert“ sind, die diese Noten aber auf eigene Rechnung herausgibt. Das Wort ,graben' ist im übertragenen Sinne gebraucht und bedeutet nichts anderes als alle Tätigkeiten, die zur Notenausgabe führen, also vor allem die Gewährung von Krediten. Dabei soll „der Lohn dem Dienste gleich“ sein, das heißt, daß Kaiser und Bank den Gewinn teilen.


    Eigentum als Herrschaft über die Natur

    Die erste Voraussetzung ist die Institutionalisierung eines absoluten, vollständigen, dem ökonomischen Willen untergeordneten Eigentumsrechtes. Es geht um den Eigentumsbegriff des „Code Napoléon“. In Art. 544 steht darin: „Das Eigentum ist das unbeschränkte Recht zur Nutzung und Verfügung über die Dinge“. („La propriété est le droit de jour de disposer des chosos de la manière la pleine absolute.“)
    Der Code Napoléon wurde in der Folge das Vorbild für alle bürgerlichen Gesetzbücher der ganzen Welt. Dieses neue Eigentumsrecht unterscheide sich fundamental von den ursprünglichen Eigentumskonzepten, die in irgendeiner Form auf der Idee des patrimoniums (siehe auch Patrimonium), das heißt der Pflicht zur Pflege der Natur, aufbauen. Dieses ist abgeleitet vom Wort „Pater“ (= Vater) und weist auf die Vererbung hin: Das Eigentum ist etwas, was man selber ererbt hat, aber auch auf die Kinder weiter vererben soll, das also nicht von der lebenden Generation verbraucht, sondern nur gebraucht werden darf.
    Der Ursprung des neuen Eigentumsbegriffs ist demgegenüber der römisch-rechtliche Begriff des „dominiums“, das vom Wert „Dominus“ (= Herr) abgeleitet ist und dem jeweiligen Eigentümer den absoluten Herrschaftsanspruch verbürgt, wie er in Art. 544 des Code Napoléon umrissen wird. Genau diesen Herrschaftsanspruch kündigt Faust an, als er im vierten Akt ultimativ von Mephistopheles fordert:
    „Herrschaft gewinn ich, Eigentum“.
    Das heißt nicht „Herrschaft und Eigentum“, sondern „Herrschaftseigentum“ im Sinne von „dominium“, absolutes Eigentumsrecht, das Eigentumsrecht also, das die Basis der ganzen Wirtschaftsentwicklung des 19. und 20. Jahrhunderts geworden ist. …
    Was Goethe im Faust-Drama entwickelt, läßt sich erst heute ermessen. Er zeigt nicht nur die Bedeutung des auf Vermehrung von Geldwerten ausgerichteten Unternehmertums (Faust) auf, das die ursprüngliche Wirtschaftsweise (Philemon und Baucis) endgültig verdrängt, sondern sieht auch, daß der wirtschaftliche Fortschritt die soziale Frage zur Folge haben wird (Gegenüberstellung von Herr und Knecht). Vor allem aber macht er deutlich, daß dies nur eine vorübergehende Phase der Entwicklung ist, weil der ökonomische Erfolg letztlich auf der Inbesitznahme der Natur und ihrer Ausbeutung, das heißt der Umwandlung der Naturwerte in Geldwerte beruht. Die soziale Frage verliert an Schärfe (freies Volk auf freiem Grund), aber die ökologischen Risiken (die Elemente des Mephistopheles) werden ständig zunehmen.
    Quelle:
    Prof. Hans Christoph Binswanger Geld und Magie - Deutung und Kritik der modernen Wirtschaft anhand von Goethes Faust

    Und hier der Originalwortlaut aus Faust II :
    http://www.digbib.org/Johann_Wolfgang_von_Goethe_1749/Faust_II/Faust_II?k=Anmutige+Gegend

    „ SCHATZMEISTER:
    …Auch, Herr, in deinen weiten Staaten
    An wen ist der Besitz geraten?
    …Wir haben so viel Rechte hingegeben,
    Daß uns auf nichts ein Recht mehr übrigbleibt.
    Auch auf Parteien, wie sie heißen,
    Ist heutzutage kein Verlaß;
    … Wer jetzt will seinem Nachbar helfen?
    Ein jeder hat für sich zu tun.
    Die Goldespforten sind verrammelt,
    Ein jeder kratzt und scharrt und sammelt,
    Und unsre Kassen bleiben leer.
    MARSCHALK:
    Welch Unheil muß auch ich erfahren!
    Wir wollen alle Tage sparen
    Und brauchen alle Tage mehr,
    …Die Deputate, sichre Renten,
    Sie gehen noch so ziemlich ein.…
    KAISER:
    Sag, weißt du Narr nicht auch noch eine Not? …
    MEPHISTOPHELES:
    Wo fehlt's nicht irgendwo auf dieser Welt?
    Dem dies, dem das, hier aber fehlt das Geld.…
    Wie sich Verdienst und Glück verketten,
    Das fällt den Toren niemals ein;
    Wenn sie den Stein der Weisen hätten,
    Der Weise mangelte dem Stein…
    KANZLER:
    "Zu wissen sei es jedem, der's begehrt:
    Der Zettel hier ist tausend Kronen wert.
    Ihm liegt gesichert, als gewisses Pfand,
    Unzahl vergrabnen Guts im Kaiserland.
    Nun ist gesorgt, damit der reiche Schatz,
    Sogleich gehoben, diene zum Ersatz."
    KAISER:
    Ich ahne Frevel, ungeheuren Trug!
    Wer fälschte hier des Kaisers Namenszug?
    Ist solch Verbrechen ungestraft geblieben?
    SCHATZMEISTER:
    Erinnre dich! hast selbst es unterschrieben;
    Erst heute nacht. Du standst als großer Pan,…
    Der Kanzler sprach mit uns zu dir heran:
    "Gewähre dir das hohe Festvergnügen,
    Des Volkes Heil, mit wenig Federzügen." …
    So stempelten wir gleich die ganze Reihe,
    Zehn, Dreißig, Funfzig, Hundert sind parat.
    Ihr denkt euch nicht, wie wohl's dem Volke tat.
    Seht eure Stadt, sonst halb im Tod verschimmelt,
    Wie alles lebt und lustgenießend wimmelt! …
    KAISER:
    Und meinen Leuten gilt's für gutes Gold?
    Dem Heer, dem Hofe gnügt's zu vollem Sold?
    So sehr mich's wundert, muß ich's gelten lassen.
    MARSCHALK:
    …Die Wechslerbänke stehen sperrig auf:
    Man honoriert daselbst ein jedes Blatt
    Durch Gold und Silber, freilich mit Rabatt.
    Nun geht's von da zum Fleischer, Bäcker, Schenken;
    Die halbe Welt scheint nur an Schmaus zu denken,
    Wenn sich die andre neu in Kleidern bläht.
    Der Krämer schneidet aus, der Schneider näht.
    Bei "Hoch dem Kaiser!" sprudelt's in den Kellern,
    Dort kocht's und brät's und klappert mit den Tellern.…
    MEPHISTOPHELES:
    Ein solch Papier, an Gold und Perlen Statt,
    Ist so bequem, man weiß doch, was man hat;
    Man braucht nicht erst zu markten, noch zu tauschen,
    Kann sich nach Lust in Lieb' und Wein berauschen.
    Will man Metall, ein Wechsler ist bereit,…
    KAISER:
    Das hohe Wohl verdankt euch unser Reich;
    Wo möglich sei der Lohn dem Dienste gleich.
    Vertraut sei euch des Reiches innrer Boden,
    Ihr seid der Schätze würdigste Kustoden.
    Ihr kennt den weiten, wohlverwahrten Hort,
    Und wenn man gräbt, so sei's auf euer Wort.
    Vereint euch nun, ihr Meister unsres Schatzes,
    Erfüllt mit Lust die Würden eures Platzes,
    Wo mit der obern sich die Unterwelt,
    In Einigkeit beglückt, zusammenstellt.“
    (Das heißt, der Kaiser überschreibt Mephisto die Bodenschätze des Reiches als Gegenleistung für dessen Erfindung des Wechsels, sprich Papiergeldes.)
    Gruß
    Talleyrand


    gesamter Thread:

  • Goethe zu Fiat Geld, Deflation, Inflation; @Hopi wg Goethe - Talleyrand, 01.01.2009, 16:59

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